In der Livesendung bei „Radio24syv“ : Dänemark: Warum ein Radiomoderator ein Kaninchen tötet

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Beim Sender „Radio24syv“ steht das Programm im Zeichen des Tierschutzes. Während der Sendung muss Kaninchen Allan sterben. Die Aktion soll auf das „heuchlerische“ Tierschutzbewusstsein aufmerksam machen. Ein Kommentar.

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erstellt am 27.Mai.2015 | 12:37 Uhr

Während einer Livesendung im dänischen Radiosender „Radio24syv“ haben die Moderatoren ein Kaninchen mit einer Luftpumpe aus Metall getötet. Der Fall ereignete sich am Pfingstmontag. Die Verantwortlichen hatten mit der Aktion auf  die „Heuchelei“ der Dänen beim Tierschutz aufmerksam machen wollen, teilte der Sender mit. Die beiden Radiomoderatoren Asger Juhl und Kristoffer Eriksen sprachen über Stunden mit Experten über den Tierschutz. Wenig später hatte Juhl das Kaninchen mit dem Namen Allan mit mehreren Schlägen auf den Kopf getötet. In einem langen Statement auf Facebook rechtfertigte der Sender die Aktion.

Every day in the nation of Denmark, thousands and thousands of animals are put down to fill the meat counters in our...

Posted by Radio24syv on Tuesday, 26 May 2015

Demnach würden in Dänemark jeden Tag tausende Tiere getötet, um die Kühltheken in Supermärkten zu füllen. Die dänische Agrarwirtschaft sei die am weitesten industrialisierte auf der Welt. In Dänemark sei der Pro-Kopf-Verbrauch an (billigen) Fleischprodukten hoch und niemand würde sich fragen, wie das Tier gelebt habe und gestorben sei. Der Sender kritisiert, dass dabei der Tierschutz auf der Strecke bleibt.

Die Konsumenten würden es zulassen, dass 13 Hühner auf einem Quadratmeter gehalten würden und die Tiere lange und schmerzhafte Transporte zu den Schlachtfabriken haben. 25.000 Ferkel würden täglich auf dänischen Bauernhöfen sterben. Die Säue würden mehr Ferkel auf die Welt bringen als sie säugen könnten, schreibt  „Radio24syv“ und nennt es „vergeudetes Leben“.

Diese Umstände in der Lebensmittelindustrie würden kaum Reaktionen auslösen, sagt der Sender. Das Kaninchen, gleichzeitig Nahrungsmittel und Haustier, sei während der Livesendung getötet worden, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Man habe gewaltige Reaktionen erwartet.

Das Tier sollte nicht unnötig leiden. Wie man es tötet, habe man vorher bei einem Zoo angefragt, schreibt der Sender in seinem Facebook-Post weiter.

Moderator Asger Juhl berichtet dem dänischen Sender „TV2“, wie er das Kaninchen tötete: „Ich habe zweimal hart in den Nacken geschlagen, sodass die Halswirbel brechen. Ich hatte vorher mit einem Tierpfleger im Zoo in Aalborg gesprochen.“ Jede Woche würde dieser Kaninchen erschlagen, die dann an die Schlangen verfüttert werden. Dennoch habe Juhl es schwer gehabt, das Tier zu töten. „Mein Körper hat gezittert und meine Muskeln waren angespannt“, sagte Juhl.

Natürlich sei man auch davon ausgegangen, dass es Anschuldigungen gegenüber dem Sender geben würde. „Wir wollten die Öffentlichkeit tatsächlich provozieren und eine Debatte über das merkwürdige Tierschutzbewusstsein auslösen“, sagt der Sender.

Die Aktion sei jedoch keine leere Provokation. Die Moderatoren häuteten, zerlegten und aßen das Tier noch am selben Tag. Der Sender argumentiert weiter: „Verbraucher töten normalerweise kein Tier selbst, das sie später essen“. Aber sie würden Tiere kaufen und verspeisen, die ein trauriges Leben geführt hätten. „Wir sehen aber genau das nicht und sehen die Tiere nicht als so ,süß‘ an, wie den Hasen.“

Der Unterschied sei, dass der Hase im Studio im Gegensatz zu den Tieren, die draußen in den Schlachthöfen sterben, ein angenehmes Leben hatte. Heftige Reaktionen löse der Tod von leidenden Tieren in der Massentierhaltung jedoch nicht aus. „Wir wollten und wollen eine Debatte über den Tierschutz für alle Tiere haben.“ Das habe man geschafft, sagte der Sender. 

Ein Video zeigt das Kaninchen Allan vor der Sendung. Später landete das neun Monate alte Tier in der Pfanne.

I dag dræber vi kaninen Allan på Radio24syv Morgen!Han er sund og rask, 9 uger gammel og skal senere på middagsbordet hos Asger Juhl og Kristoffer Eriksen. Indtil da diskuterer vi hykleri ved dyrevelfærd.For er det mere synd at slå en kanin ihjel end en gris?

Posted by Radio24syv on Sunday, 24 May 2015

Asger Juhl und Kristoffer Eriksen bereiten das Kaninchen Allan zu, das sie zuvor in der Livesendung geschlachtet hatten.

Så er Asger Juhl og Kristoffer Eriksen ved at tilberede kaninen Allan, som de slog ihjel tidligere i dag.

Posted by Radio24syv on Monday, 25 May 2015

Während der Sendung kam es bereits zu tumultartigen Szenen. Die Tierschützerin Linse Kessler versuchte offenbar noch, Allan zu retten. Wenig später hört man dumpfe Schläge. Allan ist tot. Später sagt die Vegetarierin „TV2“: „[...] ich bin mit Asger nicht uneins, aber die Art wie er das Tier umgebracht hat, war verwerflich.“ Die eigentliche Botschaft gehe nun jedoch unter, sagt Kessler. Stattdessen würden die Menschen jetzt denken, dass „Asger ein Arschloch ist, anstatt darüber nachzudenken, was er wirklich versucht hat zu sagen“.

Die Aktion löste in der Tat einen Shitstorm aus. Unter dem Hashtag #allangate äußern sich zahlreiche Twitterer zu dem Thema.

„Wow, ein Shitstorm über eine Kaninchentötung bei Radio24syv. Denkt bloß mal darüber nach, wie es wäre, wenn die Menschen sich über ertrunkene Flüchtlinge so echauffieren würden.“

„Man kann eine Debatte über den Tierschutz auch auf anderem Wege starten, als extra ein Tier dafür zu töten“, schreibt diese Nutzerin.

„Wenn du damit nicht klar kommst, dass ein neun Wochen altes Kaninchen während einer Radiosendung getötet wird, solltest du vielleicht gar kein Fleisch essen.“

„20.000 Schweine sind in der Zeit gestorben, in der Menschen über Allan diskutieren.“

„Wie würden die Dänen wohl reagieren, wenn Assad tausende Babykaninchen töten würde oder die EU Boote voller Kaninchen abweisen würde?“

„Die Menschen sollten mal wieder runterkommen. Leute, das war ein Kaninchen.“

Auch auf Facebook sind viele empört. Unter dem Posting des Senders schreibt ein Leser: „Versucht nicht, die Aktion zu rechtfertigen ihr herzlosen Bastarde. Der einzige Grund warum ihr das kleine und hilflose Tier in der Sendung getötet habt ist, um eure Quote in die Höhe zu treiben.“ Ein anderer schreibt: „Vielleicht sollte dir jemand mit einer Luftpumpe auf den Kopf schlagen. Mal sehen, was das für eine Debatte provoziert.“

Mittlerweile gibt es bereits eine Petition auf dem Portal „change.org“. Die Ersteller fordern darin den Rücktritt von Asger Juhl und dem Manager von „Radio24syv“, Jorgen Ramskov, der die Tötung erlaubt hatte. Bislang haben mehr als 13.000 Menschen die Petition unterschrieben. Dennoch wird bereits spekuliert, ob das Kaninchen trotz aller angeblichen Beweise und Stellungnahmen gar nicht getötet wurde. Die ganze Aktion ein Fake?

Es ist nicht der erste kuriose Fall, der aus Dänemark bekannt wird. Erst im vergangenen Jahr wurde im Kopenhagener Zoo eine Giraffe vor Schülern getötet und zerlegt. Der junge Giraffenbulle Marius passte nicht mehr in den Zoo, da er genetisch zu sehr mit den anderen Giraffen verwandt war. Später wurden im selben Zoo vier Löwen getötet. Grund war ein geplanter Generationenwechsel. Bereits damals reagierten viele Leser im Internet mit Empörung und Wut auf die Aktionen des Zoos. Sogar eine Petition wurde gestartet. Darin wurde die Schließung des Zoos gefordert.

 

 


Kommentar

 

Das Bewusstsein für Tierschutz in Dänemark ist wie in Deutschland nur rudimentär vorhanden, wenn es um die industrielle Fleischproduktion geht. Natürlich heißt es immer wieder - vor allem wenn es Skandale gibt - dass die Tiere unbedingt besser gehalten werden müssen und die Schlachtung möglichst human von statten geht. Schließlich geht es um Lebewesen. Die Industrie rechnet, optimiert und jedes Unternehmen will Gewinne erwirtschaften. Auf der anderen Seite wollen die Konsumenten vorwiegend billiges Fleisch kaufen. Beides zusammen ist verantwortlich dafür, dass es in der Massentierhaltung zu Missständen kommt. Dass nun die Tötung eines bis dahin offenbar zufrieden lebenden Kaninchens für eine Welle der Entrüstung sorgt, zeigt die Doppelmoral in unserer Gesellschaft. Wo liegt der Unterschied zwischen dem Töten des niedlichen Kaninchens in der Livesendung, das später zubereitet und gegessen wird, und dem Kaninchen, das zu Ostern oder an Weihnachten auf dem Teller landet? Richtig, es gibt keinen. Vermutlich hatte es Allan sogar noch besser als seine Kollegen im Stall. Sicher ist die Aktion natürlich fragwürdig, die Debatte hätte jedoch nie dieses Ausmaß angenommen, wäre der neun Monate alte Rammler nicht über die Klinge gesprungen.

Jeden Tag töten Angler Fische am Flensburger Hafen, tötet der Bauer auf einem Hof in Nordfriesland eine Sau oder köpft ein Huhn. Ein Tier zu töten bedarf gewiss einiger Überwindung. Wir sind es eben nicht mehr gewohnt. Zumindest würde es mir genauso gehen, wie dem Moderator Asger Juhl. Allerdings: Wer den Tod eines kleinen Kaninchens in einer Livesendung nicht verkraftet, der sollte seinen Fleischkonsum vielleicht gänzlich überdenken. Wer Fleisch essen will, sollte wissen, dass das Schnitzel vor ihm auf dem Teller mal gelebt hat. Wer das Töten ablehnt, die Haltung von Tieren oder die Massenware Fleisch anzweifelt, wird Vegetarier oder Veganer oder kauft Fleisch bewusster und nicht im Discounter.

Für alle anderen: So und nicht anders wird aus einem flauschigen Kaninchen die Fleischbeilage zu Rotkohl und Klößen. Doch weil wir als Konsumenten das Tier in der Regel nicht mehr selbst töten, häuten und zerlegen, scheint das Bewusstsein für Leben und Tod von Lebewesen irgendwo verloren gegangen zu sein. In der Plastikpackung sieht man ja auch nicht mehr, was es mal war. Die Aktion ist richtig, die Empörung wird allerdings wohl nur von kurzer Dauer sein. Der nächste Grillabend wartet schon und ein Umdenken ist im Keim erstickt.

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