Schwennickes Nähkästchen : Der Reiz der Ampel

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Da fiebert man über einen langen Zeitraum auf ein Ereignis zu, das aber auf sich warten lässt und warten lässt.

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31. August 2020, 16:34 Uhr

Wahrscheinlich gibt es das Wort gar nicht: überfreut. Aber das psychologische Phänomen kennt vermutlich jeder. Da fiebert man über einen langen Zeitraum auf ein Ereignis zu, das aber auf sich warten lässt und warten lässt. Und wenn es dann endlich da ist, dann hat es seinen Reiz schon verloren. Die Vorfreude war zu groß, das Warten zu lang. Nichts ist so schal wie eine Idee, deren Zenit schon überschritten ist, bevor sie Wirklichkeit wird.

So ist das mit Schwarz-Grün. Seit anderthalb Jahrzehnten warten Anhänger dieser Koalitionsoption darauf, dass sie im Bund Wirklichkeit wird. Weil sie so anders wäre, weil ihr lange etwas fast Frivoles anhaftete. Über die Jahre aber ist sie so langweilig geworden wie eine biedere heterosexuelle Ehe. Die Grünen von heute und die CDU, die Angela Merkel geschaffen hat, das ist inzwischen die konventionellste Koalitionskonstellation. Reizvoll allenfalls, wenn, wie in Baden-Württemberg, das Koch-und-Kellner-Prinzip zugunsten der Grünen umgedreht wird.

Schnöder mathematischer Einwand

Für Freunde etwas verwegenerer Farbenspiele hat der designierte neue FDP-Generalsekretär Volker Wissing nun etwas im Angebot. Mit seiner Nominierung ging das Signal einher, dass er sich (und man darf vermuten: Parteichef Christian Lindner ebenso) nach der Bundestagswahl 2021 eine Ampelkoalition gut vorstellen könnte. Wissing ist als Landesminister in Rheinland-Pfalz selbst Mitglied einer solchen Regierung. Eine, von der SPD, Grüne und FDP gleichermaßen sagen, dass sie gut funktioniert.

Der erste Einwand dagegen ist vor allem schnöder mathematischer Natur. Wie soll das reichen nach derzeitigen Umfragen? Wird die FDP überhaupt den Einzug in den Bundestag schaffen, so verdammt nah, wie sie den fünf Prozent in jüngster Zeit gekommen ist. Allerdings sind derzeit noch so viele Unbekannte im Spiel, nicht zuletzt die offene Kandidatenfrage bei Union und Grünen, dass da noch einige Bewegung reinkommen kann.

Nicht täuschen lassen

Der zweite Einwand hat mit den Grünen zu tun. Warum sollten sie , wenn sie die Wahl haben, in ein solches Dreierbündnis eingehen, wenn es auch für Schwarz-Grün reicht? Darauf gibt es aber ganz gute Antworten. Erstens ist Schwarz-Grün im Bund in Wahrheit auch ein Dreierbündnis aus CDU,CSU und Grünen und damit ebenso komplex in der Statik wie eine Ampel. Zweitens könnte die Ampel 2021 sich von einer Verkehrsampel insofern unterscheiden, als Grün oben sein könnte, sie also auf diese Weis den Kanzler oder die Kanzlerin stellen könnten. Und drittens darf man sich vom Berliner Eindruck, die Grünen seien längst ein Flügel der großen Merkel-Partei, nicht täuschen lassen: An ihrer Basis und in ihrer Wählerschaft sind die Grünen eine linke Partei, und bei aller Anverwandlung der CDU ist die SPD unter den beiden Volksparteien die linke Partei.

Ganz schön viel Konjunktiv

Inhaltlich schließlich könnte es zeitgemäß sein, eine liberale Wirtschaftsordnung mit Ökologie und sozialer Gerechtigkeit in größtmöglichen Einklang zu bringen. Voraussetzung wäre, dass es gelänge, bei den Sondierungen oder Koalitionsverhandlungen keinem der Partner das Gefühl zu geben, nur als Prozentebringer dabei zu sein. So wie das der FDP in den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen nach der letzten Bundestagswahl ging.

Hätte, wäre, könnte. Ganz schön viel Konjunktiv, einverstanden. Und doch: Wenn man zweimal drüber nachdenkt, könnte es voreilig sein, diese Option beiseite zu wischen. Sie ist realer und reeller als es auf den ersten Blick scheint.

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