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08. Dezember 2016 | 05:05 Uhr

«Langer Prozess» : Katar und der ewige Kampf gegen die WM-Kritiker

vom

Seit Katar am 2. Dezember 2010 den Zuschlag für die WM 2022 bekommen hat, hagelt es Kritik. Vor allem die fragwürdigen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen und Korruptionsvorwürfe stehen im Mittelpunkt. Die Gastgeber sind verärgert.

Hoch oben aus dem 40. Stock des Al Bidda Towers in West Bay könnte die Aussicht auf Doha und all die Baustellen der Stadt kaum besser sein. Hier hat das Supreme Committee for Delivery & Legacy seinen Sitz, hier laufen die Fäden des Organisationskomitees der Fußball-WM 2022 zusammen.

Eigentlich könnte alles bestens sein. Der Bau der Stadien läuft nach Plan, der Terminkalender für das größte Sportereignis des Landes ist längst abgesteckt, und sogar die Nationalmannschaft von Katar darf nach dem jüngsten Erfolg in der Qualifikation gegen Syrien wieder von der Teilnahme an der WM 2018 träumen - es wäre die erste der Verbandsgeschichte.

Trotzdem hat Nasser Al Khater nicht die beste Laune. «Wir werden kritisiert, kritisiert, kritisiert», schimpft der Vize-Chef des Organisationskomitees. Gerade erst hat er von der Klageandrohung des niederländischen Gewerkschaftsbundes gegen die FIFA wegen der schlechten Arbeitsbedingungen beim Bau der WM-Stadien gehört. «Wo war die niederländische Vereinigung, als Shell den Zuschlag für den größten Auftrag in Katar überhaupt vor fünf, sechs Jahren bekommen hat. Shell hat 70 000 Arbeiter. Das war okay. Jetzt hat Katar die WM, jetzt ist es nicht okay. Das verärgert uns.»

Das Thema Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter beschäftigt Al Khater, und er hat sich gewappnet mit vielen Fakten und Power-Point-Präsentationen. «Wir hatten zwei Todesopfer auf den WM-Baustellen, eines bei einem Autounfall, und im zweiten Fall hat ein Arbeiter im Schlaf einen Herzstillstand erlitten», betont der Funktionär im weißen Gewand.

Demgegenüber stehen Zahlen von Menschenrechtsorganisationen, die von 1200 Opfern seit dem WM-Zuschlag im Jahre 2010 sprechen. Amnesty International hatte mehrmals die schlechten Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen angeprangert. Die Arbeiter seien einer Reihe von Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt, kritisierte Amnesty im März. In einigen Fällen müsse man von Zwangsarbeit sprechen. «Die FIFA muss sofort den Druck auf die katarische Regierung erhöhen», sagte die Katar-Expertin der Organisation in Deutschland, Regina Spöttl.

Die Zahlen zu den Opfern seien nicht seriös, behauptet Al Khater und fragt: «Gehören etwa Bauarbeiten am Flughafen oder an den Hotels zur WM?» Es seien einfach Zahlen über Todesopfer aus den jeweiligen Botschaften der Gastarbeiter abgefragt worden. Darunter seien aber auch Lehrer und Servicekräfte. Aber eben auch viele Bauarbeiter.

Rund 1,6 Millionen Arbeiter aus Nepal, Bangladesch, Indien oder Sri Lanka sind im kleinen Emirat tätig. Viele werden mit falschen Versprechungen ins Land geholt, müssen ihre Pässe bei den Firmen abgeben und leben bei großer Hitze unter menschenunwürdigen Zuständen. Von moderner Sklaverei ist die Rede. «Wir geben zu, dass es ein Problem ist. Aber keiner kann sagen, dass nichts passiert ist», sagt Al Khater. Reformen am sogenannten Kafala-System, das die Entrechtung der Gastarbeiter vorsieht, seien längst auf dem Weg.

Die Pässe wegzunehmen, sei illegal, sagt der OK-Vize. Alle rund 8300 Arbeiter auf den WM-Baustellen - bis 2018 sollen es rund 35 000 sein - hätten ihre Pässe. Auch deren Arbeitsbedingungen seien stark verbessert worden, darüber gebe es Verträge mit den Bauunternehmen. Über die vielen anderen Gastarbeiter schweigt Al Khater.

Die WM könne positive Veränderungen bewirken, sagt Al Khater. Dass der kleine Golfstaat das Turnier ausrichten wird, daran hegt er keinen Zweifel, trotz der Ermittlungen der Schweizer Bundesanwaltschaft wegen Korruption bei den WM-Vergaben 2018 und 2022. Katar werde bei den Bestechungsvorwürfen immer zuerst genannt, echauffiert er sich. Dabei seien Funktionäre in Südamerika belangt worden, auch in Deutschland gebe es einen Skandal. «Wir haben keine Befürchtungen, dass uns die WM abgenommen werden könnte.»

Die Leute - Al Khater rechnet mit 1,3 Millionen WM-Gästen - sollen kommen und sich vom Gegenteil überzeugen. In puncto Sicherheit sei das Land bereit. Er verwies auf die vielen sportlichen Großereignisse, die Katar schon ausgerichtet habe. Gerade erst ging die Straßenrad-WM in Doha zu Ende.

Man werde den Gästen liefern, was sie benötigen, ergänzt Al Khater und spricht auch das Thema Alkohol an. «Alkohol ist legal, und wir erlauben es an bestimmten Plätzen», sagt er. Es sei aber nicht Teil der Kultur des Landes. Und das werde Katar auch für die WM nicht ändern. Und was passiert, wenn betrunkene Fans durch die Stadt, wie etwa die Gassen von Souq Waqif, laufen? «Betrunken zu sein, ist eine Sache. Das Gesetz zu brechen, eine andere», erklärt Al Khater.

«Deliver amazing», also Erstaunliches abliefern, heißt das Motto des Organisationskomitees. Mit dem nötigen Kleingeld ist vieles möglich, vielleicht auch sportlich. Der ein oder andere Spieler wurde bereits eingebürgert. Im Blickpunkt steht dabei die U20-Auswahl, die 2014 bereits die Asienmeisterschaft gewann. Ehe am 21. November 2022 aber in Katar der Ball rollt, sind noch ganz andere Probleme zu lösen. Und Al Khater muss noch viel Überzeugungsarbeit leisten.

Homepage des Supreme Committee for Delivery & Legacy

FIFA-Seite zur WM 2022

Länderbericht Katar auf Homepage von Amnesty International

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erstellt am 18.Okt.2016 | 11:05 Uhr

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