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04. Dezember 2016 | 02:58 Uhr

Spitzensport-Reform : Athleten, Funktionäre und Experten uneins

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Die Ankündigung der Reform im deutschen Spitzensport hat eine große Diskussion ausgelöst. Die wichtigsten Stimmen im Überblick:

Siegfried Kaidel (Sprecher der olympischen und nichtolympischen Spitzenverbände beim DOSB und Vorsitzender des Deutschen Ruderverbandes): «Es ist gut, dass dieses Diskussionspapier endlich draußen ist. Nun können sich die Verbände damit auseinandersetzen. Es gibt gute Ansätze, über das ein oder andere muss man diskutieren. Jetzt kommt der Feinschliff. Aber dass man was tun muss, darüber sind sich alle Spitzenverbände einig. Es kann nicht so weiter gehen. Jeder wird sich umstellen müssen, aber so ist das bei einem Neubeginn. Das BMI hat die Zeichen der Zeit erkannt, dass mehr Geld in den Sport muss, wenn wir uns besser aufstellen wollen.»

Rainer Brechtken (Präsident Deutscher Turner-Bund): «Ich erwarte aber, dass es weiterhin für alle Verbände eine Grundförderung gibt, damit jeder eine Chance hat, sein Potenzial zu entwickeln. Voraussetzung ist in jedem Fall eine absolute Professionalisierung der Arbeit der Verbände. Nur über Dialog und Absprache sollten die Entscheidungen über die künftige Förderung getroffen werden. Wir dürfen nicht von Computermodellen bei der Einstufung der Förderung erschlagen werden. Eine Straffung der Organisation heißt doch nicht gleich Verschlechterung der Bedingungen. Das Geld muss effektiv eingesetzt werden. Klare Strukturen sind dem deutschen Sport dienlich.»

Franz Steinle (Präsident des Deutschen Skiverbandes): «Als Spitzenfachverband, der sich weitestgehend aus Eigenmitteln finanziert, haben wir bereits vor vielen Jahren an den entsprechenden Stellschrauben wie «Zentralisierung» und «Konzentrierung» gedreht, um die uns zur Verfügung stehenden Gelder und Infrastrukturen effizient und erfolgsversprechend einzusetzen. Von daher tragen wir die konzeptionellen Ausrichtung des DOSB grundsätzlich mit. Allerdings haben wir in der Vergangenheit auch immer wieder die Erfahrungen gemacht, dass es unter gewissen Umständen sinnvoll und notwendig ist, für die eine oder andere Disziplin oder bestimmte Teilbereiche flexible Lösungen zu schaffen, um in möglichst vielen Sportarten erfolgreich arbeiten zu können.»

Frank Mantek (Sportdirektor des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber): «Es geht für die Verbände darum, mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio Potenziale nachzuweisen. Und diese Potenziale haben wir. Deswegen gehe ich davon aus, dass wir weiter vom DOSB und BMI gefördert werden»

Heino Knuf (Sportdirektor des Deutschen Hockey-Bundes): «Eine Leistungssport-Reform ist notwendig, und sie hat ein gutes Ergebnis gebracht. Wir begrüßen es, dass man bei der Spitzensport-Reform nicht allein vom Erfolg abhängig ist. Gefragt sind vor allem Strukturen und Potenziale, genau da haben wir unsere Stärken. Und wenn man diese beiden Punkte erfüllt, kommt in der Regel wie beim Hockey auch der Erfolg hinzu.»

Eric Frenzel (Olympiasieger Nordische Kombination): «Es kann auf jeden Fall ein guter Ansatz sein. Das ist ein guter Weg, den man mal einschlagen sollte. Das ganze System wird sicher immer irgendwie auf dem Prüfstand stehen. Somit haben schon Nachwuchssportler die Möglichkeit, eine gute Förderung zu bekommen und in Zukunft schon eher Medaillen sammeln zu können.»

Denis Kudla (Olympia-Dritter Ringen): «Den Gedanken finde ich ziemlich gut. Ich finde es gut, die Sportler, die Medaillen holen, auch in Zukunft weiter zu fördern und dass die, die keine Leistung bringen, halt weniger gefördert werden. Dann denken die Sportler, die nicht mehr in der Förderung sind, dass sie noch härter trainieren müssen, um wieder da rein zu kommen. Ich finde es einen Ansporn für die Sportler, noch mehr Gas zu geben. Ich hoffe, dass ich mir mit meiner Medaille einen Platz in dieser Förderung gesichert habe.»

Franziska Weber (zweimalige Olympia-Zweite Kanu): «Der Reform stehe ich mit gemischten Gefühlen gegenüber. Ich weiß nicht, wie eine Software das Potenzial oder die Entwicklung eines Sportlers errechnen möchte. Es spielt viel mehr rein, es ist am Ende doch das Zusammenspiel zwischen Athleten und Trainer und dem Umfeld und nicht was eine Software berechnet. So geht einem natürlich eine Anzahl von Athleten durch die Lappen. Das Potenzial eines Athleten sieht man einem manchmal auch gar nicht an. In unserem Sport gibt es Leute, die bis zum Junior-Alter hinterher paddeln und die können dann trotzdem später einen extremen Leistungssprung machen.»

Max Hoff (Olympiasieger Kanu): «Ich glaube, ich wäre als Athlet in dem System definitiv durchgefallen. Man darf junge Athleten nicht zu früh abschreiben»

Patrick Hausding (Olympia-Dritter Wasserspringen): «Im Wasserspringen gibt es viele Sportler, die im Jugendalter gar nicht gut waren und dann später leistungsmäßig explodiert sind. Da kann mir dann keiner erklären, wie das System bei uns funktionieren soll.»

Franziska van Almsick (Ex-Weltmeisterin Schwimmen): «Der große Schritt ist wahrscheinlich damit gemacht, aber das wird für die Zukunft nicht der letzte Schritt sein. Ich würde mir wünschen, dass die Reform emotionaler, näher, greifbarer ist. Ich hoffe, dass sie eine Nachhaltigkeit hat. Es ist wichtig, dass die besten Athleten miteinander trainieren und voneinander profitieren können. Man muss die Konkurrenz im eigenen Land schlagen und sich ihr jeden Tag stellen. Wer den Druck im eigenen Land nicht aushält, der hält den auch bei den Olympischen Spiele nicht aus.»

Stefanie Teeuwen (seit 1. September Präsidentin der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft): «Wir finden gut, dass man Leistungssportpotenziale fördert. Und dann ist die Umsetzung entscheidend.»

Lutz Buschkow (Leistungssportdirektor im Deutschen Schwimm-Verband): «Wir haben einen hohen Handlungsdruck. Es sind so viele Variablen, dass die Spitzenverbände es unheimlich schwer haben, den Spitzensport am Laufen zu halten. Der Leistungssport geht aber weiter. Momentan sieht es so aus, dass die Länder bezahlen und der Bund eher den i-Punkt.»

Fritz Sörgel (Anti-Doping-Experte): «Diese Ausrichtung ist ehrlich und vernichtend zugleich. Die Politik und der DOSB sagen endlich, um was es geht. Mit dem Modell wird der Hochleistungssport zum Medaillensport. Wer sagt eigentlich, dass Medaillen für unser Land wichtig sind? Boris Becker oder Michael Schumacher haben unserem Land mehr Aufmerksamkeit gebracht als zig Medaillengewinner. Ich finde das schade, und es tut mir für die Medaillengewinner leid. Aber es ist so. Das zeigt doch, wie unsinnig die Jagd auf Medaillen von Seiten der Politik ist.»

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erstellt am 29.Sep.2016 | 16:17 Uhr

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