zur Navigation springen

Sport in Rostock

09. Dezember 2016 | 12:40 Uhr

Boxen : Jetzt winken ihr sogar Olympische Spiele

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Frohe Botschaft kam über WhatsApp: Susann Köpke hat als eine von nur drei weiblichen Box-Kampfrichtern in Deutschland die Lizenz des Weltverbandes AIBA

Wenn Susann Köpke ihre 43-Quadratmeter-Wohnung in der Östlichen Altstadt betritt, die drei Schritte vom Flur ins Wohnzimmer hinter sich bringt, schiebt sich inmitten der Weihnachtsdeko ein Pokal in ihr Blickfeld. Den bekam sie 2008 in Eichstätt für Platz drei bei der Deutschen Box-Meisterschaft im Federgewicht bis 57 Kilogramm. Es war ihr größter sportlicher Erfolg. Darum steht das schimmernde Teil jetzt hier auf dem Fensterbrett. Die ganzen anderen Trophäen und Medaillen „lagern“ bei den Eltern in Bad Doberan. Neue kommen nicht mehr hinzu: Die 31-Jährige hat ihre aktive Laufbahn beendet – und eine neue als Box-Ring- und -Punktrichterin eingeschlagen. Mit großem Erfolg: Kürzlich bestand die junge Frau vom Rostocker Sportverein (eine Vereinsmitgliedschaft ist übrigens Bedingung) die Prüfung für die Lizenz des Weltverbandes AIBA, der Association Internationale de Boxe (Amateure). Damit kann sie nunmehr als Kampfrichterin bei Amateur-Welt- und -Europameisterschaften, ja, sogar Olympischen Spielen zum Einsatz kommen.

„Allein schon zu einer EM oder WM hinfahren zu dürfen wäre Wahnsinn. Als ich 2010 anfing, war es mein Ziel, mal bei Deutschen Meisterschaften zu amtieren. Und jetzt ist sogar irgendwann Olympia theoretisch möglich! Dadurch, dass ich noch relativ jung bin, ist das machbar. Aber ich weiß natürlich, dafür müssten viele Faktoren zusammenspielen, zum Beispiel, dass mich die richtigen Leute bei EM oder WM sehen und vor allem, dass ich da auch gute Leistungen bringe“, macht sich Susi Köpke so ihre Gedanken. In denen nicht zuletzt ihr Mentor, MV-Kampfrichter-Obmann Dieter Wellner aus Güstrow, eine Rolle spielt, dem sie sehr viel zu verdanken hat und der, „glaube ich, stolz ist, dass ich es soweit gebracht habe“.

Die Prüfung während der Deutschen Männer-Meisterschaften im Oktober in Straubing lief sowohl im praktischen Teil als auch in der Theorie – hier waren 100 (!) Fragen zu beantworten – komplett auf Englisch. Für sie nach einem Au-pair-Jahr in den USA kein Problem.

Die Nachricht, dass sie bestanden hat, bekam die Rostockerin am 20. November um 17.30 Uhr – „ganz unspektakulär über WhatsApp“. Ein AIBA-Stoffemblem ihres erfahrenen Rostocker Kampfrichter-Kollegen Jürgen Schröder (amtierte unter anderem bei den U19-EM 2014 in Zagreb), das er ihr nach Straubing mitgab, hatte sich wie erhofft als Glücksbringer erwiesen. Jetzt bekommt Susann ihren eigenen AIBA-Aufnäher mit zunächst einem von drei möglichen Sternen – und ein neues „Record Book“, ein Kampfrichter-Buch, in das die Wettkämpfe und Einzel-Einsätze ihrer nunmehr nächsten Entwicklungsstufe eingetragen werden.

Mit „schuldig“ an ihrem Faible fürs Boxen sei ihr Vater Ralph, erzählt Susann Köpke: „Wir sind früher nachts aufgestanden, um im Fernsehen Profi-Boxen zu gucken, alles von Henry Maske über Axel Schulz und Dariusz Michalczewski bis Graciano Rocchigiani.“ Heute ist die Tochter
eine von 40 weiblichen unter insgesamt 600 deutschen Box-Kampfrichtern. Beziehungsweise eine von ganzen dreien, die die AIBA-Lizenz ihr eigen nennen: Daniela Otten aus Nordrhein-Westfalen punktet „nur“, Patricia Tauscher (Baden-Württemberg) und Susann selbst sind sowohl Ring- als auch Punktrichterinnen.

Dies im Übrigen keineswegs im Hauptberuf: Es gibt lediglich Aufwandsentschädigungen. Ihre „Ausrüstung“ müssen die Referees sogar selber bezahlen: weiße(s) Hemd oder Bluse, schwarze Fliege, lange schwarze Stoffhose (keine Jeans), schwarze Socken (auch das ist tatsächlich vorgeschrieben) und schwarze Sportschuhe – da kommen schon mal 250 Euro aus eigener Tasche zusammen…

Apropos Beruf: Susann Köpke, gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau, ist für das Unternehmen Hermann Stitz & Co. Rostock KG, einen Fachgroßhandel für Haustechnik, im Außendienst tätig („Ich erkläre zum Beispiel den Handwerkern, die bei uns Kunden sind, unser Online-Programm“) und bereist dabei ganz Mecklenburg-Vorpommern sowie das nördliche Brandenburg.

Natürlich nicht mit ihrem Motorrad, einer dunkelblau-silbernen 600er Yamaha Fazer, 98 PS, über 200 km/h schnell (die jetzt eh in der Garage Winterschlaf hält), sondern mit ihrem Dienstwagen. Mit dem fährt sie auch zum Training im Sportcenter Schwanenteich in Reutershagen vor – auch eine Kampfrichterin muss schließlich fit sein, „und wenn man monatlich 5000 Kilometer im Auto zurücklegt, viel sitzt und sich wenig bewegt, ist Boxen der perfekte Ausgleich zur Arbeit“, versichert die 1,68 Meter große, eher zierlich wirkende Blondine und drischt, mittlerweile umgezogen, auf den roten Sandsack ein.

Ihren letzten Einsatz 2014 als Kampfrichterin hatte Susann Köpke vor einer Woche beim zweitägigen internationalen 2. Sven-Lange-Gedenkturnier in Schwerin. Weiter geht es erst im neuen Jahr.

Bis dahin wird die Post vom Weltverband mit Aufnäher, Record Book und AIBA-Zertifikat ja eingetroffen sein. Letzteres lässt sie sich im Übrigen rahmen – und hängt es dann zu Hause über ihrem Pokal an die Wand.

zur Startseite

von
erstellt am 06.Dez.2014 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen