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Ausland

09. Dezember 2016 | 08:49 Uhr

Beispiellose Imagekampagne : Hype um das «Hu!»: EM beflügelt Tourismus auf Island

vom

Sie waren die Überraschung der Fußball-EM: Jetzt schlägt sich der Hype um die Isländer auf den Tourismus nieder. Dass Fans der sympathischen Wikinger gen Norden strömen, passt längst nicht allen.

Es gibt einen Spruch, der Islands Fußballtrainer Heimir Hallgrímsson schon sein Leben lang verfolgt. «Er handelt davon, dass Island zu wenig Einwohner hat, um jemals die Endrunde eines großen Fußballturniers erreichen zu können», sagt Hallgrímsson.

Im Sommer hat er seinen Landsleuten das Gegenteil bewiesen. Gemeinsam mit dem damaligen Cheftrainer Lars Lagerbäck führte er Islands Fußballer bis ins Viertelfinale der EM. Der Erfolg der Elf, die jedes Match mit dem Schlachtruf «Hu!» feierte, löste einen weltweiten Hype aus - und hat dem Land eine beispiellose Imagekampagne beschert.

«Eine bessere Werbung für Island hätte man wohl nicht kaufen können», sagt Hallgrímsson. «Selbst ein Vulkanausbruch hätte nicht so einen großen Einfluss gehabt.» Nicht nur im Gastgeberland Frankreich flogen den Isländern die Herzen zu. 152 000 Artikel in Medien weltweit zählte das Tourismus-Büro Promote Iceland im Sommer. Die Webseite Visiticeland.com verzeichnete doppelt so viele Zugriffe wie sonst, als Island die Engländer im Achtelfinale schlug. Und in Deutschland googelten Internetnutzer Island während der EM fast fünfmal so häufig wie zuvor.

Dabei hätte sein Land die Gratisreklame gar nicht gebraucht, meint der 49-jährige Hallgrímsson, der neben seinem Job als Fußballtrainer Zahnarzt ist. Der Tourismus auf der kleinen Insel im Nordatlantik wächst gerade Jahr um Jahr mit 25 bis 30 Prozent.

Rund 1,7 Millionen Touristen erwartet das Land für das Jahr 2016 - zu viele, wenn man Hallgrímsson fragt. «Jeder kommt nach Island, um sich die Natur anzusehen, und wir zerstören sie, indem wir sie mit Menschen überfrachten.» Besonders merkt der Nationaltrainer das auf «seiner» Inselgruppe, den Westmännerinseln im Süden Islands.

Im Sommer ist die Fähre zwischen diesen Inseln und der Hauptinsel oft völlig überfüllt. Manchmal so sehr, dass Hallgrímsson nicht mehr nach Hause kommt, erzählt er: «Das ist merkwürdig für mich.» Bis Island seine Infrastruktur ausgebaut habe, sollte für Urlauber ein «Ausverkauft»-Schild am Flughafen hängen, meint Hallgrímsson.

Doch die Tourismusbranche denkt nicht daran, dem nicht nachlassenden Strom von zahlungswilligen Gästen Einhalt zu gebieten. Die Flugzeuge auf die Insel sind inzwischen auch im Winter voll von Urlaubern, die Nordlichter und schneebedeckte Gletscher sehen wollen.

«Derzeit sieht es so aus, dass wir in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 127 Prozent wachsen werden», sagt Skúli Mogensen, Gründer und Chef der Billig-Airline Wow Air. Auch während der EM hatten die Fluggesellschaften schon mehr verdient als sonst: Mehr als 30 000 Isländer reisten nach Schätzungen zur EM-Premiere ihres Landes nach Frankreich - das sind rund zehn Prozent der Bevölkerung.

«Wir müssen ein Gleichgewicht finden», sagt Hermann Hreidarsson. Der 89-malige Nationalspieler und England-Legionär ist heute selbst Hotelbesitzer. Gemeinsam mit seinem Vater führt er das Stracta Hotel in dem kleinen Ort Hella. Das Haus mit 120 Betten liegt nicht weit vom «Golden Circle», einer der größten Touristenrouten Islands. «Jeder ist sich der Situation bewusst, aber der Tourismus ist einfach eine massive Industrie geworden», sagt der 42-Jährige.

Das Geschäft mit den Urlaubern hat den Fischfang längst als größter Wirtschaftszweig geschlagen. Nach der Finanzkrise und dem Zusammenbruch der Banken 2008 hat sich Island auch dank der vielen Touristen erstaunlich schnell erholt. «Wird die Insel ihren Charme verlieren?», fragt Hreidarsson, der wie Hallgrímsson von den Westmännerinseln stammt. «Ich glaube nicht.»

Der Nationaltrainer hat größere Bedenken. Für ihn liegt der größte Gewinn aus dem sensationellen Auftritt seiner Mannschaft bei der EM ganz woanders: «An den Juni 2016 wird man sich immer als den Monat erinnern, der die isländische Nation geeint hat», sagt Hallgrímsson. «Politische Feinde haben nebeneinander gesessen und sich umarmt, und eine Oma, die nie in ihrem Leben Fußball gesehen hat, hat sich mit ihren Kindern und Enkelkindern zusammen ganze Spiele angesehen.»

Nach der Krise hätten die Menschen endlich wieder etwas gehabt, über das sie sich gemeinsam hätten freuen können, anstatt über einander zu lästern, meint der Trainer. «Wir haben die Nation glücklich gemacht.» Und das isländische Fußballabenteuer, ist er überzeugt, ist längst nicht zuende: Das «Hu!» der Wikinger soll auch bei der Weltmeisterschaft in Russland 2018 erklingen. Auf dem besten Wege dahin sind die Isländer. In ihrer Qualifikationsgruppe liegen sie derzeit punktgleich mit Kroatien auf dem zweiten Platz. Am Samstag kommt es in Kroatien zum direkten Aufeinandertreffen zwischen beiden Teams.

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erstellt am 11.Nov.2016 | 13:52 Uhr

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