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Mecklenburg-Vorpommern

26. Mai 2016 | 10:42 Uhr

Bertelsmann-Studie : Zu wenig Erzieher in der Kita?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Streit um neue Studie der Bertelsmann-Stiftung

Nach einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung unterscheiden sich die Kita-Personalschlüssel in den einzelnen Bundesländern zum Teil erheblich. Die Experten gehen von 120 000 fehlenden Erzieherinnen und Erziehern aus. Das entspricht zusätzlichen Personalkosten von jährlich fünf Milliarden Euro. Zum Vergleich: Derzeit belaufen sich die jährlichen Ausgaben für Kita-Personal auf bundesweit 14 Milliarden Euro.

Personalnotstand in Deutschlands Kitas? Hintergründe zur Debatte über die neue Bertelsmann-Studie zur Qualität der Betreuung von Iris Leithold und Rasmus Buschsteiner.

Wie ist die Situation hier im Land?

Für eine hochwertige frühkindliche Bildung benötigen die Kitas in Mecklenburg-Vorpommern der Studie zufolge 6700 zusätzliche Erzieherinnen. Das würde die Personalkosten auf 581 Millionen Euro mehr als verdoppeln, hat die Bertelsmann Stiftung berechnet.

„Das ist eine gewaltige Kraftanstrengung, die sich aber lohnt, weil die Kita-Qualität entscheidend ist für gutes Aufwachsen und faire Bildungschancen aller Kinder“, erklärte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, gestern. Demnach ist eine Erzieherin im Kindergarten (3 bis 6 Jahre) in MV durchschnittlich für 14,9 Kinder zuständig. Das seien fünf Kinder mehr als im Bundesdurchschnitt. „In keinem Bundesland ist der Personalschlüssel schlechter“, heißt es kritisch.

Wie unterscheiden sich die Personalschlüssel in den Bundesländern?

Die Unterschiede sind groß – vor allem zwischen Ost und West. Sie reichen bei der Betreuung unter Dreijähriger von 1 : 3,3 in Baden-Württemberg bis zu 1 : 7,2 in Thüringen. In Bayern hat bei den unter Dreijährigen jede Kita-Fachkraft im Schnitt 3,9 Kinder zu betreuen, in Mecklenburg-Vorpommern 6,1, in Niedersachsen 4,2, in Nordrhein-Westfalen 3,6, in Niedersachsen 4,2 und in Rheinland-Pfalz 3,8.

Bei den über Dreijährigen beträgt der Betreuungsschlüssel im bundesweiten Schnitt 1 : 9,6. Die Bandbreite geht von 1 : 7,7 in Bremen bis 1 : 14,9 hier in MV.

Im Kita-Alltag sieht das Betreuungsverhältnis dann noch schlechter aus. „Weil eine Erzieherin aufgrund von Teamgesprächen, Fortbildung und Urlaub höchstens 75 Prozent ihrer Arbeitszeit für pädagogische Arbeit nutzen kann, betreut sie in Mecklenburg-Vorpommern tatsächlich mindestens acht unter Dreijährige“, heißt es.

Wie viel Fachpersonal sollte es in einer Kita-Gruppe geben?

Die Experten der Bertelsmann-Stiftung raten zu einem Betreuungsschlüssel von 1 : 3 für Kleinkinder bis drei Jahre und von 1 : 7,5 für Kinder bis zur Einschulung.

Was sagt die zuständige Landesministerin?

Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Birgit Hesse (SPD) zieht die Ergebnisse der Studie in Zweifel. Die Bertelsmann Stiftung vergleiche unterschiedliche Kita-Systeme in den Bundesländern und komme so zu verzerrten Ergebnissen, erklärte sie in Schwerin. „Fragen wie: Wie umfangreich ist ein Ganztagsplatz oder welches Personal wird in die Berechnung der Fachkraft-Kind-Relation einbezogen, werden in den Bundesländern unterschiedlich beantwortet.“ So seien in MV 94 Prozent des Personals pädagogische Fachkräfte. Diese Quote werde in anderen Bundesländern bei weitem nicht erreicht. Nur sie flössen im Nordosten in die Berechnung ein - anderswo sei das anders. In den Kita-Gruppen in Mecklenburg-Vorpommern arbeiteten auch Sozialassistenten, Musik-, Sprach- und Sportpädagogen. Sie tauchten aber in der Berechnung nicht auf. „Wir haben in MV eine Kita-Landschaft, die sich sehen lassen kann“, sagte Hesse. „Ich finde es erschreckend, dass unsere Einrichtungen immer wieder schlecht geredet werden.“

Wie reagieren Gewerkschaft und Opposition im Land?

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft begrüßte die Empfehlung der Bertelsmann Stiftung. Landesvorstandsmitglied Heike Schweda forderte von der Regierung in Schwerin einen Stufenplan zur Erreichung dieses Zieles. Die GEW fordere schon seit längerem eine Erzieherin für jeweils vier Kleinkinder in der Krippe sowie einen Betreuungsschlüssel von 1 zu 8 im Kindergarten und von 1 zu 12 im Hort.

Die Linke forderte mehr Ausbildungsplätze für Erzieherinnen in Mecklenburg-Vorpommern. Den Grünen zufolge fehlen nach wie vor wichtige Stellschrauben für die Gewinnung von Fachkräften und für eine verbesserte Qualität in der frühkindlichen Bildung.

Plant der Bund ein Gesetz zur Kita-Qualität?

„Gute Qualität in Kitas geht nur gemeinsam mit allen Beteiligten. Das heißt, auch Länder, Kommunen und Träger müssen in die Entwicklung von Standards mit eingebunden werden. Das gehen wir jetzt an“, erklärte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig gestern. Die SPD-Politikerin will offenbar nicht an der Länderverantwortung für die Personalschlüssel rütteln. Für den Herbst ist ein Kita-Gipfel mit den Ländern geplant, bei dem es aber Absprachen zur Kita-Qualität geben könnte.

Wie viel will der Bund in Zukunft in Kitas investieren?

In dieser Legislaturperiode soll eine Milliarde Euro für den Kita-Ausbau bereitstehen. Länder und Kommunen werden ab 2017 zusätzlich mit 100 Millionen Euro jährlich bei den Betriebskosten unterstützt. Dieses Geld kann auch für Personalkosten verwendet werden.
 

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