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Mecklenburg-Vorpommern

25. Februar 2017 | 17:02 Uhr

Marianne Grunthal wurde 1945 in Schwerin hingerichtet : Zeitzeuge erinnert an grausamen Nazi-Mord

vom

Gustav Lange aus Warsow hat als Elfjähriger die Hinrichtung von Marianne Grunthal am 2. Mai 1945 auf dem Schweriner Bahnhofsvorplatz miterlebt. Eine grausame Geschichte, die dem 79-Jährigen nicht mehr aus dem Sinn geht.

Schwerin | Eine Geschichte, "die an Grausamkeit, nicht zu überbieten ist", geht dem Warsower Gustav Lange nicht aus dem Sinn. Der heute 79-Jährige war Zeitzeuge der Ermordung von Marianne Grunthal am 2. Mai 1945 auf dem Bahnhofsvorplatz von Schwerin - nur wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Er war damals elf Jahre alt. In der Öffentlichkeit hat Gustav Lange bislang nicht über die Ereignisse vor 68 Jahren geredet. Doch während eines Krankenhausaufenthaltes kam er mit seinem Bettnachbarn ins Gespräch. Dieser legte dem Warsower ans Herz, seine Erinnerungen öffentlich zu machen. "Ich habe es ihm versprochen", sagt Lange. Jetzt sei die Zeit gekommen, die Geschichte, die er am 2. Mai 1945 erlebte, zu erzählen.

"Es war schönes Wetter. Es war schon später Vormittag, als wir in die Stadt gingen. Wir wollten uns mit meinem Vater auf dem Bahnhofsvorplatz treffen und zusammen Mittag essen. Weil wir etwas zu zeitig auf dem Platz ankamen, gingen wir auf dem Bürgersteig auf und ab. Plötzlich kam ein Motorrad mit Beiwagen angerast, dreht eine Runde und hielt an einem Laternenpfahl. Es waren zwei Soldaten mit Stahlhelmen. Bewaffnet. Sie gehörten der Feldgendarmerie an, im Volksmund nannte man sie Kettenhunde.

Im Beiwagen saß eine Person, die wir zuerst nicht erkennen konnten. Als sie aus dem Wagen herausgezerrt wurde, sahen wir, dass es eine Frau war. Immer mehr Leute drängten nun zu diesem Platz, so dass meine Mutter und ich immer weiter nach vorne geschoben wurden. Die Soldaten wurden wütend und drohten mit ihren Waffen, die Menge solle zurückgehen. Aber es ging nicht, es wurden immer mehr Menschen. Wir standen ziemlich dicht vor den Soldaten, so dass ich mir jede Einzelheit einprägen konnte.

Die Soldaten hatten der Frau die Hände auf den Rücken gebunden, auf der Brust trug sie ein Schild aus einfachem Karton. Darauf war mit roter Farbe in Druckschrift geschrieben: "Das sagt eine deutsche Frau und Mutter. Gott sei dank, dass der Führer tot ist." Sie brachten sie zum Laternenpfahl, den Kopf hatte sie auf die Brust gesenkt. Ihre grauen, strähnigen Haare hingen ihr ins Gesicht. Nur einmal hob sie den Kopf, schüttelte die Haare aus ihrem Gesicht, um sich zu orientieren. Ihr Gesicht war blutverschmiert, man muss sie brutal gefoltert haben. Sie trug ein rot-braunes, kleinkariertes Kostüm, braune Strümpfe, braune Schuhe mit halbhohem Absatz. Da wir so dicht standen, konnten wir hören, dass sie leise schluchzte.

Einer der Soldaten ging zum Motorrad, nahm aus der Tasche ein Band. Er machte eine Schlinge, legte sie der Frau um den Hals und stellte sie auf den Absatz des Laternenpfahls. Der zweite Soldat stieg auf seinen Motorradsattel und machte die Schlinge oben fest. Er stieg herunter, dann stießen beide die Frau vom Sockel des Mastes. Es herrschte eisiges Schweigen. Meine Mutter und ich weinten - viele andere Menschen um uns herum ebenso. Doch plötzlich gab es am Laternenpfahl einen Ruck, die Frau fiel zu Boden - die Schnur war gerissen. Erschreckt darüber diskutierten die Soldaten. Die Frau wollte aufstehen, doch die Knie versagten ihr den Dienst. Da entdeckte einer der Soldaten am Bahnübergang eine Fernmeldeeinheit, die dort stationiert war. Er lief quer über den Platz und kam noch kurzer Zeit mit einem Fernmeldekabel zurück. Daraus machte er wieder eine Schlinge, legte sie der Frau erneut um den Hals, stellte sie wieder auf den Absatz des Laternen pfahls, der andere band das Kabel oben fest. Dann stießen sie die Frau zum zweiten Mal vom Sockel. Nach wenigen Sekunden hatte die Frau ihr Leben ausgehaucht.

Die Soldaten setzten sich auf ihr Motorrad und fuhren eilig davon. Wir - mehr als 100 Menschen - waren wie versteinert. Ich schluchzte und weinte, hatte meine Mutter fest an die Hand gefasst. Dann machten sich aus der Menge Männer daran, die Frau von der Schlinge zu befreien, sie legten sie am Laternenpfahl nieder. Aus Richtung Marienplatz kam ein Mann mit einem zweirädrigen Karren, darauf betteten sie den Leichnam und der Mann fuhr fort.

Erst später erfuhren wir, dass die Frau, die so grausam am Bahnhofsvorplatz ermordet worden war, Marianne Grunthal hieß. Dieses schreckliche Ereignis am 2. Mai 1945 habe ich so nah wahrgenommen, die Bilder von damals habe ich immer noch vor meinen Augen. Jede Kleinigkeit, als wäre es erst gestern passiert.

Wenn ich heute mit der Bahn oder dem Bus nach Schwerin fahre und auf dem Bahnhofsvorplatz stehe, muss ich mich immer an das Geschehen vom 2. Mai erinnern. Muss immer wieder dort hinschauen, wo eine wehrlose Frau von den Nazis ermordet wurde. Mein ganzes Leben habe ich danach getrachtet, mich dafür einzusetzen, dass sich so etwas nicht wiederholen kann."

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erstellt am 02.Mai.2013 | 10:34 Uhr

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