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Mecklenburg-Vorpommern

08. Dezember 2016 | 19:07 Uhr

Ungeliebtes Strandgut in MV : Wohin mit dem ganzen Seegras?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Touristiker wollen saubere Strände, doch die Entsorgung des Treibguts kostet. Nun suchen sie nach neuen Verwertungs-Optionen

Des einen Freud ist des anderen Leid – zumindest wenn es um Treibsel geht. Während die Touristiker das angespülte Strandgut am liebsten schnellstens entsorgen, empfehlen Ökologen es möglichst liegen zu lassen. Beide Parteien trafen sich gestern zu einem Treibsel-Symposium in Boltenhagen, um auf einen grünen Zweig zu kommen. Doch ganz einig waren sie sich am Ende nicht.

Die Anspülung von Seegras und Algen sei ein natürlicher Prozess, verdeutlicht Naturwissenschaftler Michael Packschies. Es gehöre zum Strand wie das Meeresrauschen und das Kreischen der Möwen. Die Erwartungshaltung von Küstenbesuchern sei schöngefärbt worden – mit Hochglanz-Marketingkampagnen von weißen Sandstränden. Treibgut passe schlichtweg nicht ins Bild der Badegäste und müsse deshalb aus touristischen Aspekten entsorgt werden. Die Konsequenz: erhebliche finanzielle Belastungen für die Küstenorte. Stefan Borgmann, Kurdirektor von Eckernförde in Schleswig-Holstein, geht offen mit Zahlen um: „Die Gemeine zahlt für die Kompostierung einer Tonne Seegras 40 Euro. Hinzu kommen Kosten für den Abtransport. Bei durchschnittlich 1300 Tonnen im Jahr sind das Gesamtkosten von rund 80 000 Euro.“ Hinzu käme, dass die Natur unberechenbar sei. „Wie viel Treibsel tatsächlich angespült wird, ist abhängig von Wasserströmungen und Windverhältnissen.“

Treibsel an der Ostseeküste
Seegras wächst in fast allen Weltmeeren in insgesamt 58 Arten. In der Ostsee ist vor allem „Zostera marina“ verbreitet, wie Hendrik Schubert vom Institut für Biowissenschaften der Universität Rostock sagt. Während weltweit Seegraswiesen eher rückgängig sind, ist an der Ostsee eine Erholung der Bestände seit den 1960er-Jahren zu beobachten. Treibsel entsteht durch den Abriss von Habitaten. Durch Wellen und Wind werden die abgebrochenen Pflanzen an die Strände gespült. Die Küstengemeinden beklagen auch vor dem Hintergrund des Klimawandels und der Meereserwärmung eine starke Zunahme des Spülgutes an den Stränden. Bis Ende 2017 plant die Universität Rostock eine Seegras-Karte der deutschen Ostseeküste.

Solange das Seegras im Wasser treibe, gehöre es niemanden. Erst wenn es am Strand liegt und als entsorgungswürdig eingestuft wird, bekommt es einen Besitzer. „Treibsel ist kein Abfall per se“, sagt Johanna Zieger aus dem Wirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern. „Weil es unangenehm riechen kann und optisch wenig ansprechend ist, wird aus objektiven Beweggründen entsorgt. Gesundheitsgefährdend ist es nicht. Es besteht keine Entsorgungserfordernis“, erklärt sie. Wird das Treibgut dennoch abgetragen, bestehe ein Verwertungszwang. Denkbar wären eine landwirtschaftliche Verwertung nach der Kompostierung oder eine energetische Verwertung nach der Verbrennung. Eine Deponierung des Treibsels sei nicht zulässig. „Aktuell wird das Seegras zwischengelagert, bevor es zur Trocknung in Silos kommt. Anschließend wird das reine Treibsel in eine Kompostieranlage gebracht und der gefilterte Sand zurück an den Strand gebracht“, erläutert Anett Bierholz vom Verband Mecklenburgischer Ostseebäder. „Weil es kein gemeinschaftliches Verwertungskonzept gibt, fühlen sich die Gemeinden alleine gelassen“, ergänzt ihre Kollegin Nardine Stybel von der EUCC Küsten Union Deutschland. Generell könnten sich die Küstenstädte in Deutschland glücklich schätzen, dass das Treibgut zu beinahe 95 Prozent aus Naturmaterialien bestehe. „In weiten Teilen Europas ist dort sehr viel mehr Plastik enthalten“, verdeutlicht Sybel.

Öko-Experte Michael Packschies meint, dass Treibsel in seiner natürlichen Umgebung am besten aufgehoben ist und gar nicht abtransportiert werden sollte. „Bei uns Naturwissenschaftlern überwiegt der Duldungswille“, scherzt er. „Das Sand-Seegras-Gemisch führt zur Entstehung von Strandwällen, die wiederum zur Bildung von Vegetationsbeständen führen“, erläutert er. In einem Pilot-Projekt hat er die durchsiebten Meerespflanzen mit Sand aufgeschüttet und Strandroggen eingepflanzt. Entstanden ist eine Seegras-Düne. Packschies lebt nach dem Credo „Einfälle statt Abfällen.“ Wegen seines hohen Nährstoffgehalts sei Treibsel auch für die Kartoffelernte ideal. Im nächsten Jahr soll es einen Kartoffel-Wettbewerb geben, an dem alle Gemeinde entlang der Ostseeküste teilnehmen können. „Wer hat den größten Erntertrag?“

Im Klützer Winkel im Landkreis Nordwestmecklenburg wurde in der Vergangenheit Treibsel zu biologischem Dämmstoff und Katzenstreu verarbeitet. Weil sich das Vorhaben als unrentabel erwies, wurde es 2007 nach zehn Jahren Technologieforschung eingestellt. Weil Seegras schwer entflammbar und gegen Schimmel und Ungeziefer resistent ist, wird es seit Jahrhunderten zum Decken und Dämmen von Häusern verwendet. Zudem sind Algen für Kosmetik oder Arznei beliebt.

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erstellt am 17.Okt.2016 | 21:00 Uhr

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