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Wirtschaft MV

30. August 2016 | 22:47 Uhr

Regionale Spezialitäten : Pommersche sucht Schutz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Weißer Fleck im Regionalschutz: Deutschlands Lebensmittelhersteller lassen sich regionale Spezialitäten sichern – nur Mecklenburg-Vorpommern nicht

Das war jahrelange Arbeit: „Da muss die traditionelle Wurstherstellung nachgewiesen werden“, erklärt Frank Wegner. 100 Jahre im Rückblick – „das war schon schwer“, erinnert sich der Chef der Torney Landfleischerei Pripsleben GmbH nahe Altentreptow. Traditions- und Gebietsnachweise, Hauptzutaten und -gewürze sowie Herstellungsverfahren für drei Wurstsorten, alles musste nachgewiesen werden – für die Pommersche Schlagwurst, Pommersche Leberwurst und die Pommersche Blutwurst. Doch der Aufwand hat sich gelohnt: Wegner und seine Unternehmerkollegen aus der Schutzgemeinschaft Pommerscher Fleisch- und Wurstwaren sind offenbar kurz vor dem Ziel – nach fünf Jahren: „Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Jahr den Herkunftsschutz für die traditionelle Pommersche Wurst erhalten“, meint er – Mecklenburg-Vorpommerns erste Produkte, die EU-weit vor Nachahmern geschützt werden.

Schwarzwälder Schinken, Lüneburger Heidekartoffeln, Dresdner Christstollen, Spreewälder Gurken, Kölsch: Knapp 80 Produkte aus Bayern, Niedersachsen, Brandenburg, Schleswig-Holstein und anderen Bundesländern gehören längst zu den regional schützenswerten Spezialitäten – nur keine aus MV. Ausgerechnet in einem der wichtigsten Bundesländer der Ernährungswirtschaft scheuen die Hersteller den Aufwand, sich mit regional geschützten Spezialitäten Marktvorteile zu sichern. Fisch von der Ostsee, Mecklenburger Obst, Rindfleisch vom Darß: Der Nordosten kann zwar jede Menge regionale Spezialitäten aufweisen. „Regionalität ist aktuell ein Mega-Trend, der sich immer weiter verstärkt“, wirbt Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) seit gestern auch auf der Grünen Woche. Nur können auch andere Unternehmen den Herstellern aus MV ihre Regionalprodukte streitig machen. Anträge beim Patentamt, Widersprüche abwarten, Archiv-Recheche: Der Aufwand ist immens, rechtfertigt Jarste Weuffen, Chefin des Agrarmarketingvereins MV, die Zurückhaltung der Wirtschaft – „und macht für einzelne Produkte oft keinen Sinn“ . Über die Pommerngans sei diskutiert worden, meint sie , es gebe aber zu wenige Tiere dafür. Auch habe das Rauwollige Pommersche Landschaf zur Debatte gestanden. Dafür sei der Tierbestand aber nicht groß genug.

Produzenten in Thüringen, Hessen oder Nordrhein-Westfalen suchen trotzdem den Produktschutz: Oberlausitzer Biokarpfen, Bayrisches Rindfleisch, Flönz aus dem Rheinland – weitere 14 Anträge von deutschen Fabrikanten, die sich ihre Produkte schützen lassen wollen, liegen derzeit bei der EU-Kommission vor. Der EU-Herkunftsschutz garantiert Verbrauchern, dass entweder Erzeugung, Verarbeitung oder Herstellung in der betreffenden Region erfolgen. Durch Eintrag in ein von der Europäischen Kommission geführtes Verzeichnis erhalten die Produkte einen markenähnlichen Schutz.

Noch. Denn mit den umstrittenen Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit den USA gerät der Herkunftsschutz ins Wanken. Dresdener Christstollen oder Thüringer Bratwurst bald aus den USA? Ausgerechnet Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) dachte zu Jahresbeginn laut über einen Abbau der Schutzrechte nach. Im Zuge der TTIP-Verhandlungen könne nicht mehr jede Wurst- und Käsesorte geschützt werden, hatte er erklärt und erntet Protest. Falscher Weg, meint Walter Kienast, Chef des Fleisch- und Wurstproduzenten Greifenfleisch aus Greifswald und Initiator der vorpommerschen Schutzgemeinschaft: „Regional-Produkte sind bei Verbrauchern gefragt.“

Wurstfabrikant Wegner aus Pripsleben lässt sich nicht beirren: Pommersche, für die sechs Wursthersteller der Schutzgemeinschaft aus Vorpommern ein Qualitätsbegriff, ist ähnlich bekannt wie Thüringer oder Schlesische Wurst. Damit lassen sich Geld verdienen und Jobs in der Region sichern. Mit dem EU-Herkunftsschutz dürfe künftig die Pommersche nur noch in der Region hergestellt werden, erklärt Wegner – nach bestimmten Rezepten und Qualitätsstandards: „Das sichert Umsatz und den Beschäftigten Arbeit.“

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erstellt am 17.Jan.2015 | 16:00 Uhr

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