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Wirtschaft MV

26. September 2016 | 00:32 Uhr

Stammzellen aus Körperfett : Heilung wie geschmiert

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schweriner Unternehmen human med entwickelt weltweit einmaliges System zur Gewinnung von Stammzellen aus Körperfett

Fett stellt zwar ein Risiko für eine ganze Reihe von Erkrankungen dar – aber es kann auch heilen. Denn im Fett sind zahlreiche Stammzellen und Wachstumsfaktoren enthalten, mindestens 500-mal so viele wie im Knochenmark. Transplantierte Fettzellen bzw. aus Fett gewonnene Stammzellen regen deshalb Gewebe, in das sie eingespritzt werden, zur Neubildung an. Deutsche und internationale Forscher haben daraus vielversprechende Therapieansätze abgeleitet – beispielsweise zur Behandlung von Arthrose oder bei der Heilung offener chronischer Wunden.

„Die Entdeckung der Fettstammzellen wird die Medizin revolutionieren, so, wie es einst die Entdeckung der Antibiotika getan hat“, ist der Vorstand der Schweriner human med AG, Bernd Lindner, überzeugt. Sein Unternehmen arbeitet bereits seit fast einem Jahrzehnt an der Entwicklung von Geräten zur Fettabsaugung. Sie basieren auf dem ebenfalls bei human med entwickelten Wasserstrahlskalpell, das mittlerweile weltweit in Operationssälen zu finden ist.

Bis zum Jahresende will das Unternehmen nun mit „Q-graft“ ein System zur Verfügung stellen, das multipotente Stammzellen direkt während einer kleinen Fettabsaugung auf dem sterilen OP-Tisch separiert und konzentriert. „Das gibt es weltweit noch nicht“, betont Firmenchef Lindner. Als Zusatznutzen des Systems stellt er in Aussicht, dass nicht benötigte Stammzellen für spätere Behandlungen eingefroren werden können. „Q-graft“ stehe allerdings vorerst nur für Heilversuche und klinische Studien zur Verfügung. Wenn sie, wovon die Entwickler überzeugt sind, positive Ergebnisse haben, kann eine allgemeine Zulassung beantragt werden.

Bislang wird das Fettgewebe nach der Absaugung in spezielle Labors gebracht, wo die Stammzellen dann herausgetrennt und aufbereitet würden, erläutert human-med-Projektleiterin Dr. Inge Matthiesen. Anschließend müssten sie dann wieder in den OP zurückbefördert werden. Derartige Verfahren fielen unter das Gewebegesetz, sie gelten als Arzneimittel und müssten bundesbehördlich genehmigt werden. Nur in Frankreich gebe es innerhalb der EU ähnlich strenge Regularien. Auf „Q-graft“, so hoffen die Entwickler, sollen diese nicht angewandt werden – eben weil die Fettzellen den OP überhaupt nicht verlassen. Tausende Patienten könnten so nicht nur sehr viel schonender, sondern auch nachhaltiger und kostengünstiger behandelt werden.

Beispielsweise bei offenen chronischen Wunden, wie sie vor allem bei Diabetikern häufig vorkommen. 60 000 Amputationen gehen derzeit pro Jahr in Deutschland auf solche Wunden zurück. Mit einer Eigenfettbehandlung ließe sich das Gros davon vermeiden. Der Chefarzt der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie der Helios Kliniken Schwerin, Dr. Roland Mett, gehört zu den wenigen Medizinern in Deutschland, die dieses Verfahren bereits anwenden. Eine erste Studie in Aachen habe ergeben, dass die Heilungschance bei 95 Prozent liegt, so der Mediziner. Er selbst verwendet das körpereigene Fett des Patienten nativ, also so, wie er es gewonnen hat – um nicht unter die Regularien für Medizinprodukte zu fallen.

Im tschechischen Brno, wo diese Vorschriften nicht gelten, isoliert Prof. Jaroslav Michalek die Stammzellen aus dem Fettgewebe und spritzt sie anschließend in die Knie- oder Hüftgelenke von Patienten, die an einer fortgeschrittenen Arthrose leiden. Vorteil der Methode: Bis zu vier Gelenke können gleichzeitig behandelt werden. Nach der Behandlung von 1128 Patienten wurden in Brno auch über einen längeren Zeitraum keine schweren Nebenwirkungen beobachtet, dafür aber bei der überwiegenden Mehrheit deutliche Verbesserungen des Gesundheitszustandes.

Auch Prof. Dr. Ulrich Nöth, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Evangelischen Waldkrankenhaus Berlin-Spandau, behandelt seit 2010 Arthrose-Patienten mit Fettstammzellen, verfolgt aber im Rahmen von EU-geförderten Studien einen anderen Ansatz. Er arbeitet mit körpereigenen Fettstammzellen, die zuvor separiert und unter Reinraumbedingungen vermehrt wurden. Auch hier gibt es ermutigende Ergebnisse: Bei 80 Prozent der Patienten, die die Spritze mit körpereigenen Fettstammzellen ins Kniegelenk bekamen, ließen die Schmerzen nach. Gleichzeitig verbesserte sich die Funktion des Gelenkes über einen längeren Zeitraum wieder. „Der Bedarf ist groß“, betont Prof. Nöth, an dessen Klinik jährlich 1500 Gelenkersatzoperationen durchgeführt werden. Wöchentlich fragten bei ihm zehn Patienten nach der Fettstammzellspritze als Alternative zur OP – obwohl sie selbst bezahlt werden müsste. Die Spritze koste etwa 12 000 bis 14 000 Euro, dazu kämen weitere 2000 bis 3000 Euro an Nebenkosten. Im Gegenzug blieben den Patienten aber nicht nur die Operationsrisiken, sondern auch die mehrmonatige Rehabilitation erspart. Zudem: Kein Kunstgelenk halte ewig. „Und selbst wenn durch die Spritze der Gelenkersatz nur um fünf Jahre aufgeschoben wird, dann sind das fünf Jahre mehr Lebensqualität“, betont human-med-Vorstand Lindner. Sein Ziel sei zudem, die Behandlungskosten deutlich zu reduzieren – „damit die Fettstammzellspritze auch für den Kassenpatienten finanzierbar wird.“

Regenerative Zellen aus dem Fettgewebe haben aber noch weitaus mehr Einsatzfelder. Herzinfarkte, Brustrekonstruktionen, Narbenbehandlungen und die Fisteltherapie bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen gehören dazu. Ein weiterer Vorteil: Während die Zahl der Stammzellen im Knochenmark mit zunehmendem Alter drastisch abnimmt, bleibt die Anzahl im Fettgewebe während der gesamten Lebenszeit relativ stabil. Und: „Schon 100 ml körpereigenes Fett reichen für eine Therapie aus – sie zu gewinnen dürfte auch bei schlanken Personen kein Problem sein“, meint Dr. Matthiesen.

 

 

 

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erstellt am 21.Mai.2015 | 11:45 Uhr

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