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Wirtschaft MV

29. August 2016 | 07:31 Uhr

Wustrow auf dem Darß : Die Windkraftpioniere

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor 25 Jahren wurde das erste industriemäßig gefertigte Windrad in der DDR aufgebaut, in Wustrow auf dem Darß – es dreht sich immer noch und liefert Strom

Sie hat einen Teil seines Lebensweges mitbestimmt: Immer wieder blickt Otto Jörn den grauen Gittermast hoch – 30 Meter hoch. Dort oben hält sie die Narbennase in den Ostseewind, die Rotorblätter drehen sich ohne Unterlass – rauschen am Deich, wie vor 25 Jahren. „Eine der wichtigsten Entscheidungen für die Windkraft an der Küste“, meint Jörn und zeigt auf die Wandschrift im nahen Trafohaus: „10. Oktober 1989, 18.32 Uhr, damals hat Otto sie das erste Mal zum Funktionstest anlaufen lassen“, erzählt Klaus-Jürgen Beel – Betriebsbeginn für die erste industriemäßig hergestellte Windkraftanlage in der DDR. 25 Jahre später dreht sie sich immer noch – nahe Wustrow am Zugang zur Halbinsel Fischland-Darß. „Eine Erstgeburt“, erinnert sich der 90-jährige Jörn.

Pionierarbeit am Bodden: Die beiden Männer haben im Osten Energiegeschichte geschrieben. Jörn, der schon zu DDR-Zeiten im Energiekombinat an alternativen Stromquellen tüftelte, Studien über die Nutzung von Windkraft zur Energiegewinnung an der DDR-Küste schrieb und in Rostock eine erste Windkraft-Experimentieranlage aufbaute. Bell, der als Chef des VEB Holzhandel Rostock nach einer Energiequelle für eine Trocknungsanlage suchte, um Holz die Feuchtigkeit zu entziehen und Spundbretter für harte Devisen in den Westen liefern zu können. „Eine Zufallsbegegnung“, meint Bell – der Grundstein für Windstrom von der Ostseeküste. Heizen mit Strom aus den knapp bemessenen DDR-Kraftwerken, mit Erdöl oder -gas: „War alles verboten“, erinnert sich Beel – und mit der nassen Braunkohle die Trockenkammer nicht zu betreiben. Mit Windenergie, die für einen Ausgleich im Stromnetz sorgen konnte schon. Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit hatte Otto Jörn seit Mitte der 80er-Jahre im Auftrag der DDR-Energieversorgung an Windkraftanlagen geforscht. „Wir waren uns im Klaren, dass es ohne erneuerbare Energie nicht mehr gehen wird“, sagt er. Mit Hubschrauberblättern habe man eine Experimentieranlage aufgebaut, wohl wissend, dass die zum Heben von Lasten, nicht aber zur Aufnahme der Windkraft konstruiert waren, erinnert sich Jörn. Messungen, Leistungstest: „Wir wollten die Funktionsweise verstehen.“ Mit dem richtigen Material verstanden dänische Hersteller sie längst. Ein Fernsehbeitrag machte Beel darauf aufmerksam. Wind gebe es an der DDR-Ostseeküste genauso viel wie in Dänemark, antwortete der Seewetter-Dienst in Warnemünde Beel. Ihm gelang es, die DDR-Oberen davon zu überzeugen, dass mit den Exporterlösen aus dem getrockneten Holz ein Devisenkredit refinanzierbar sei, während Otto Jörn in Dänemark bei verschiedensten Herstellern die richtige Anlage aussuchte und orderte – für 440 000 D-Mark.

Gitterturm, Gondel, Rotorblätter: „Bis auf einige Reparaturen alles noch Original“, zeigt Klaus-Jürgen Beel auf das Öko-Kraftwerk. Seit 22 Jahren ist er der Eigner. Die einst zum Holzhandel gehörende Anlage fand bei der Privatisierung des Unternehmens kein Interesse. Beel griff zu – „mit einem Kredit zum Buchwert“.

Aus dem ersten Windrad vor 25 Jahren ist in den neuen Ländern inzwischen eine Branche entstanden, die bei Herstellern für Jobs sorgt und Öko-Strom für ganz Deutschland liefert. 52 Kilowattstunden liefert die Anlage an diesem Vormittag: „Kein guter Wind heute, es könnte mehr sein“, meint der 72-jährige Beel – am liebsten eine steife Brise. Jörns Windrad mit 200 Kilowatt Leistung, nicht viel verglichen mit heutigen Anlagen. 500 000 Kilowattstunden im Jahr, 12,5 Millionen in 25 Jahren – Strom für 200 Haushalte. Inzwischen liefern Hersteller wie Nordex aus Rostock Anlagen mit mehreren Megawatt Leistung. „Das ist kein Bastelwerk mehr, das ist Hochtechnologie“, erklärt Andreas Jesse vom Bundesverband Windenergie. Anlagen mit einer Leistung von 5047 Megawatt standen beispielsweise im vergangenen Jahr in Brandenburg – nach Niedersachsen die höchste Leistung. Bundesweit stehen inzwischen 23 645 Windenergieanlagen in der Landschaft. Knapp 118000 Jobs hat die Branche bisher geschaffen, ermittelte der Verband.

Doch die Proteste mehren sich, die Akzeptanz schwindet. Die Branche steuert um: „Der Mehrwert aus der Windkraft muss bei den Leuten ankommen“, wirbt Jesse für Beteiligungen. Das jetzt beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern auf den Weg gebrachte Beteiligungsgesetz könne helfen.

Otto Jörn kann es indes auch mit 90 noch nicht lassen. Im Trafohäuschen an der Windmühle von Wustrow steht noch immer sein alter Schreibtisch: „Da haben wir die Messungen vorgenommen.“ Gerade kam Jörn von der Einweihung eines neuen Windparks zurück, als Vertreter des Landesverbandes der Windenergie. Und Beel hat mit der Wustrower Anlage „die Grundlage für weitere Investitionen gelegt“, erzählt er. Aus dem Holzhändler ist ein Windmüller geworden. An mehreren Projekten sei er beteiligt.

Die erste industriemäßig hergestellte Windkraftanlage der DDR dreht sich indes weiter: Bringt monatlich 2000 Euro in die Kasse, meint Beel. Ein Abriss komme nicht in Frage: „Da steckt zu viel Herzblut drin.“ Otto Jörn und Klaus-Jürgen Beel wollen das Windrad jetzt zum Denkmal machen. Die Anlage bleibe stehen „solange ich lebe“, sagt der Rostocker: „Und ich werde bestimmt 100.“ Am 10. Oktober 2014 soll aber erstmal gefeiert werden – 25 Jahre Windkraft an der ersten DDR-Windmühle nahe Wustrow.



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erstellt am 12.Sep.2014 | 12:00 Uhr

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