zur Navigation springen

Wirtschaft MV

25. September 2016 | 15:57 Uhr

Nach dem Ferkel-Skandal : Alles rosarot im Schweinestall?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach dem Tierschutz-Skandal hat das Tierzucht-Gut Losten Ställe umgerüstet. Grünen-Politiker Jürgen Suhr erhält Einblick hinter alle Türen – bis auf eine.

„Nein. Das geht leider nicht“, meint Detlef Schlichting. „In die Kadaverhalle können Sie nicht. Da gibt es auch nichts zu sehen, außer ein paar toter Schweine“, meint er. „Was spricht dagegen?“, hakt Jürgen Suhr, Fraktionschef der Grünen im Landtag, nach. „Das ist die empfindlichste Stelle im Betrieb.“ Wegen der Keime und der Hygiene und so, erklärt Schlichting. Dabei hatten der Gesellschafter und auch der Geschäftsführer Alwin Neteler des Tierzucht-Guts Losten bei Wismar noch kurz zuvor betont: „Sie können sich alles ansehen. Wir haben nichts zu verbergen.“ Doch von vorne.

Es war 2014, als heimlich gemachte Aufnahmen von Tierschützern aus dem Zuchtbetrieb in Losten die Zuschauer des ARD-Beitrags „Gequält, getötet und weggeworfen“ schockierten. Zu sehen waren Stallarbeiter, die anscheinend wahllos Ferkel aus Gehegen nahmen und mit dem Kopf gegen die Wand oder auf den Boden schlugen. Die Körper zuckten weiter. Gelebt hätten die Tiere nicht mehr, versicherte Neteler damals. Nur die Nerven hätten die Ferkel nach dem Tod noch zucken lassen.

Die Bilder lösten bundesweit Diskussionen aus. Im vergangenen Jahr wurde schließlich in einem Tierschutz-Konzept für MV festgeschrieben, wie die Ferkeltötung abzulaufen habe: Erst müssten die Tiere durch einen Schlag auf den Kopf betäubt und anschließend durch eine zweite Maßnahme, getötet werden. Daran hätte sich der Betrieb seither gehalten, betont Neteler, die Mitarbeiter seien dementsprechend geschult worden. Regelmäßig finden unangekündigte Kontrollen durch den Amtsveterinär statt, sagt er. Genau ist allerdings bis heute nicht geregelt, wann ein Ferkel als nicht überlebensfähig gilt.

Um sich ein Bild von der aktuellen Situation zu machen, besuchte am Mittwoch Jürgen Suhr den Betrieb. Mehr als neun Millionen Euro hätte das Gut Losten zuletzt in die Umbaumaßnahmen der Ställe sowie in einen neuen Sauenbestand investiert. „Wir wollen den Betrieb nach den Vorgaben der Initiative ‚Tierwohl‘ ausrichten“, so Neteler. Die Tiere hätten nun mehr Platz. In der Mast sogar bis zu 20 Prozent im Vergleich zu vorher. Das sind 0,9 Quadratmeter pro Schwein. Es gibt Scheuerbalken, Breiautomaten, neue Lüftungen, mehr Fenster, offene Tränken. „Nur Stroh, das werden wir nicht einstreuen“, meint Neteler. Zu hoch die Gefahr von Keimen.

Ein dreckiger Saustall? – Fehlanzeige. Bei dem Gang durch die Anlage wirkt alles blitzblank. Fast schon steril. Im ersten Stall bekommt eine Sau gerade Junge. Die Ferkel suchen nach den Zitzen der Mutter. Bis zu 3000 werden in der Woche geboren. 6000 Schweine stehen hier. Eins, zwei, drei, ... mindestens 14 Ferkel haben die Schweine in dem Stall im Schnitt. Einige noch mehr. Bei 14 Zitzen ist das ganz schön viel. Zu viele? „Einige Schweine bekommen mehr andere weniger Junge. Je nachdem werden Ferkel zu Ammen-Tieren umgesetzt“, erklärt Neteler.

Auch das war ein Vorwurf des Filmbeitrags: Muttersäue seien immer mehr auf Leistung gezüchtet. Das heißt, sie sie würden mehr Ferkel bekommen, als sie Jungtiere ernähren können. Die Folge: Ferkel müssen sterben. „Das ist absolut widersinnig“, stellt Neteler klar. „Ein Unternehmen versucht immer alle Tiere durchzubringen.“ Dennoch sieben bis acht Prozent der Ferkel überleben die Aufzuchtsphase nicht. Früher waren es 14 Prozent.

Die Ferkel heute sehen gesund aus, kräftig. Weder Fehlbildungen noch Verletzungen sind beim Rundgang zu sehen. Überlebensunfähige Tiere schon gar nicht. Ist ein Jahr nach dem Skandal Gut Losten zum Vorzeigebetrieb geworden? „Bedauerlich ist, dass uns ein Einblick in die sogenannte Kadaverhalle verwehrt wurde“, meint Jürgen Suhr. „Der Betrieb in Losten offenbart die Probleme, die alle Massentierhaltungsbetriebe aufweisen. Der immense Preisdruck führt dazu, dass billiges und genmanipuliertes Sojafutter beigemengt werden muss, immense Güllemengen produziert werden oder Vorgaben zur Größe der Kastenstände nicht eingehalten werden.“

Bei der nächsten Landtagssitzung wollen die Grünen deshalb einen Antrag zur Tierschutz-Verordnung stellen. Demnach sollen Kastenstände mindestens so breit ausfallen, wie das Schwein hoch ist. Säue werden in Kastenständen gehalten, damit sie ihre Jungtiere nicht aus Versehen erdrücken. Bisher können sie sich dabei nicht einmal umdrehen. Doch nicht alles rosarot im Schweinestall.

zur Startseite

von
erstellt am 14.Jan.2016 | 11:45 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen