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Mecklenburg-Vorpommern

03. Dezember 2016 | 12:37 Uhr

Von deutschen Nachbarn sofort angenommen : „Wir fühlen uns pudelwohl“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gut situierte Polen erobern immer mehr Orte im Nordosten – sehr zum Segen der Gemeinden

Angler werfen ihre Ruten aus, eine Motorjacht steuert in gleißender Herbstsonne den Oder-Kai von Mescherin an, Enten schnattern schwimmend auf dem Fluss: Das Uckermark-Dörfchen im äußersten Nordosten Brandenburgs ist ein idyllisches Fleckchen. Es zählt 400 Einwohner, fast jeder Fünfte Einwohner verfügt über einen polnischen Pass. „Mescherin gilt als größte Polen-Ansiedlung Brandenburgs“, erklärt Marta Szuster in fließendem Deutsch.

Noch mehr Polen leben im wenige Kilometer entfernten Löcknitz (Mecklenburg-Vorpommern). „Wir haben 3265 Einwohner, Tendenz langsam steigend und davon stammen zehn Prozent aus der Region Stettin“, sagt Bürgermeister Detlef Ebert (CDU).

Marta Szuster lebt mit ihrem Mann Krzysztof seit sechs Jahren in Staffelde, einem Ortsteil von Mescherin. Alle drei Kinder wurden hier geboren. „Wir fühlen uns pudelwohl. Von den deutschen Nachbarn sind wir sofort angenommen worden“, sagt die 36-Jährige. „Zu Anfang war das schon komisch. Was wollen Leute hier, die nicht unsere Sprache sprechen?“, gibt ihre Nachbarin Sandy Cornelius zu. Das habe sich schnell gelegt, weil sie sich zügig integriert haben. „Marta sitzt heute sogar im Gemeinderat“, hebt Cornelius hervor. 2014 bei den Kommunalwahlen erhielt sie auf Anhieb 23 Prozent der Stimmen.

Der Umzug in die Uckermark ist den Szusters nicht schwer gefallen. „Ich habe als Kind lange in Hamburg gelebt.“ Mit 18 ist sie zurück, hat in Stettin ihren Mann kennengelernt und ist nach Gryfino gezogen.„Er hat im Kraftwerk einen guten Job“, sagt sie. Per Zufall entdeckten sie auf der anderen Oderseite in Staffelde einen Hof und kauften ihn gleich. „In Stettin hätte ich für das gleiche Geld gerade mal eine Zwei-Raum-Wohnung bekommen“, sagt Szuster. Über ihre offene Art hat sie schnell Anschluss gefunden, hat sich gut vernetzt.

„Die Polen waren für Dörfer wie Mescherin die Rettung. Viele Deutsche haben die Region verlassen. Die vielen alten Häuser, die es hier gab, wären alle eingefallen“, sagt der Ortsvorsteher Volker Schmidt-Roy. Heute steht kein einziges Haus mehr leer. „Nur wenn jemand stirbt, ist noch etwas zu haben“, fügt er an. Ähnlich sehe es auch nebenan im Süden Vorpommerns aus. Weil so viele junge Familien kamen, konnten Kitas und Schulen gehalten werden. „Einige standen vorher vor dem Aus, erklärt Schmidt-Roy. In Löcknitz musste schon eine neue Kita gebaut werden, weil immer mehr Kinder geboren werden. Nun plant man sogar eine Modernisierung mit Neubau für einen Schulcampus.

Rechte Anfeindungen wie vor Jahren in Löcknitz habe es in Mescherin nie gegeben. „Das liegt vielleicht daran, dass wir hier niemandem etwas wegnehmen“, versucht sich Szuster das zu erklären. „Man muss ehrlich sagen, dass die, die kommen, nicht am unteren Ende der Einkommenskette leben. Die bringen Geld mit, Wissen und vor allem Engagement“, fügt Schmidt-Roy an.

Bei der Bundestagswahl 2009 hatten Rechtsextreme unter anderem in Löcknitz für bundesweite Schlagzeilen gesorgt, als Plakate mit der Aufschrift „Polen-Invasion stoppen“ aufgehängt wurden. Seither hat sich die Lage weitgehend beruhigt, erklärt Bürgermeister Ebert. Inzwischen habe sich ein weiterer polnischer Unternehmer angesiedelt, der Elektroteile für Straßenbahnen herstellt. „Er hat gesagt, er ist nach Löcknitz gekommen, weil seine Kinder dort von der Kita bis zum deutsch-polnischen Gymnasium betreut werden“, so Ebert.

Ob Löcknitz, Penkun, Blankensee, Mescherin oder auf der anderen Seite der Grenze: „Wenn es den polnischen Leuten gut geht, hilft uns das auch“, betont er. So haben sich im polnischen Stargard ein Reifen- und ein Kranhersteller niedergelassen. Im von Seen umgebenen Penkun leben etliche Ärzte, die in Stettin oder Schwedt arbeiten.

Schmidt-Roy räumt jedoch ein, dass es nach wie vor Probleme mit der grenzüberschreitenden Kriminalität gebe. „Die Lage ist als Gewerbetreibender an der offenen Grenze nicht einfach“, sagt Christan Richert, der in Mescherin eine Autowerkstatt betreibt. Er hat wegen der vielen Einbrüche seine Fenster mit Gittern gesichert und eine Videoüberwachungsanlage installiert. „Schuld sind nicht die die neuen Nachbarn, sondern die organisierte Kriminalität“, sagt er. „Auch sie müssen mit Einbrüchen leben“, ergänzt der Mescheriner Olaf Schön. Wegen einer Reihe von Einbrüchen bei Agrarbetrieben hat die Mecklenburger Polizei eine zentrale Extra-Ermittlungsstelle in Neubrandenburg gebildet.

Georg-Stefan Russew und Winfried Wagner

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