zur Navigation springen

Mecklenburg-Vorpommern

26. September 2016 | 10:45 Uhr

Hertel-Kantaten : Uraufführung nach 250 Jahren

vom
Aus der Onlineredaktion

Zwei nie aufgeführte Kantaten des Schweriner Hofkomponisten Johann Wilhelm Hertel gibt es jetzt erstmals auf CD

Welch ein schwacher Trost wäre es, einem Musiker von heute, der gerade eine Komposition abgeschlossen hat, zu versprechen, sein Stück würde im Jahr 2266 uraufgeführt? Also in 250 Jahren.

Ein Schicksal dieser Art war zwei Kantaten des Schweriner „Hof- und Capell-Compositeurs“ Johann Wilhelm Hertel beschieden, die er 1752 bzw. 1756 für die Herzöge beider Mecklenburg schuf. Die Kantate „Das traurige Schicksal derer Großen auf Erden“, nach dem Tod Adolf Friedrich III., Herzog zu Mecklenburg-Strelitz, komponiert, kam nicht zur Aufführung, weil sein Nachfolger nichts Eiligeres zu tun hatte, als die Neustrelitzer Hofkapelle aufzulösen. Und die Kantate „Hoffnungen und Wünsche der Nachwelt“ zur Feier des 73. Geburtstags des kunstsinnigen Schweriner Herzogs Christian Ludwig II. verschwand im Archiv, weil der Landesfürst schon zu krank für ein feierliches Konzert war.

Genau dort, im Landeshauptarchiv in Schwerin, entdeckte Stefan Fischer die beiden Sing-Stücke Hertels, die nie gedruckt und aufgeführt wurden und die niemand bislang gehört hatte, selbst ihr Schöpfer Hertel nicht. Fischer, Geiger und Spezialist für alte Musik, besonders der Ludwigsluster Klassik, hat die beiden Kantaten dann mit seinem Ensemble Musica Instrumentalis in der Schweriner Schelfkirche uraufgeführt. Wie kann man sicher sein, dass diese Kompositionen in den vergangenen 250 Jahren niemand spielte? „Weil die Noten keinerlei Gebrauchsspuren aufweisen“, so Fischer, der sich seit über zwei Jahrzehnten in Archiven vergräbt und schon manchen Schatz aus der Mecklenburger Musikgeschichte gehoben hat.

Wer sich wie die etwa 100 Gäste der Uraufführung von der Qualität der beiden Hertel-Kantaten und weiterer Sinfoniesätze des Meisters überzeugen will, kann jetzt zur CD „Wünsche der Nachwelt“ greifen, die der Schweriner Rundfunkjournalist Wolfram Pilz gemeinsam mit der Stiftung Mecklenburg im Tennemann Musikverlag herausgegeben hat. Das Besondere neben den Auszügen aus den Kantaten: Pilz vereint auch in der zweiten Ausgabe seiner „Strike“-Hörbuch-Reihe Musik mit Literatur und zeitgenössischer Kunst. Das heißt, der Rundfunkmann liest Texte aus Hertels ironisch geschriebener Autobiografie. Der Schweriner Maler und Grafiker Matthias Siggelkow schuf für CD-Cover und Booklet Porträts Hertels, die auch die Augenkrankheit und die farbig gepuderten Perücken des Komponisten thematisieren.

In einem Brief an den geschätzten Kollegen träumt Stefan Fischer, der Wiederentdecker der Kantanten, Hertel selber habe sich bei den Uraufführungen heimlich aus seinem Haus am Schelfmarkt in die Schelfkirche geschlichen. „Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass Sie am Konzerttag leise in die Kirche eintreten, Ihrer Musik lauschen und uns den einen oder anderen Hinweis geben könnten, wie was zu spielen sei und vor 250 Jahren gespielt worden ist… Und vielleicht wären Sie auch nur leise wieder aus der Kirche hinausgegangen… aber nicht, ohne uns ein freundliches Lächeln und zustimmendes Winken zu unserem Tun zu schenken.“ 

zur Startseite

von
erstellt am 23.Sep.2016 | 12:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen