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Mecklenburg-Vorpommern

06. Dezember 2016 | 15:07 Uhr

Kulturpreis für Greifswalder : Tanz mit großen Emotionen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Greifswalder Ballettdirektor Ralf Dörnen erhält den Kulturpreis des Landes

Seine Augen tanzen jede Drehung mit. Wie ein Marionettenspieler führt Ballettdirekor Ralf Dörnen die Tänzer an unsichtbaren Fäden, fordert sie, die Bewegung noch größer und empfindsamer zu machen. „Jump up and open“, motiviert Dörnen den Engländer Dominic Harrison zu einer noch intensiveren Körpersprache.

Dörnen ist ein Meister der positiven Motivation: Während sich Ella Fitzgerald leicht und melancholisch zugleich durch den Gershwin-Song „Someone to watch over me“ swingt, kommen Harrison und seine australische Tanzpartnerin im Ballettsaal des Theater Vorpommern mächtig ins Schwitzen.

Erwartungsvolle Stille nach der Leistung. „It is sad and fresh at the same time. Very nice.“ Dörnen ist zufrieden. Ein erleichtertes Lächeln huscht über die Gesichter der Tänzer. Später verrät Harrison: „Dörnen ist ein Choreograf, der genau sieht, was man braucht.“ Für seine deutschlandweit und auch international beachtete Arbeit erhält der 56-jährige Ballettdirektor am Montag den Kulturpreis des Landes.

„Ralf Dörnen steht für Tanz auf höchstem Niveau, mutige Inszenierungen und die Übernahme von Verantwortung für Greifswald und ganz Vorpommern“, würdigte Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) den Preisträger bei der Bekanntgabe vor einem Monat. Die Freude des Preisträgers über die Auszeichnung ist nicht ungetrübt. „Am ersten Tag habe ich mir ein Bein ausgefreut“, erzählt Dörnen. Dann, einen Tag später, habe das Nachdenken eingesetzt.

Überall im Land werde das Ballett abgebaut. In Greifswald sei das Ensemble von 18 auf mittlerweile 13 Mitglieder geschrumpft. Neustrelitz sei an der Abwicklung vorbeigeschrammt. Rostock habe nur noch zehn Ensemblemitglieder. „Was soll der Preis bezwecken?“, fragt er. Sei dies ein Preis fürs tapfere Durchhalten, eine Entschuldigung für den Abbau?

Eine weitere Theaterfusion – die dritte seit 1994 in Vorpommern nach der Wende – sieht Dörnen kritisch. „Das wäre Kultur-Catering“, sagt Dörnen. „Wir sind hier keine Großküche und bringen Kultur-Fastfood irgendwo hin.“ Gehe eine neue Fusion auf Kosten der Qualität, sei er weg! Im Jahr 1997 kam Dörnen als Ballettmeister und Chefchoreograf ans Theater Vorpommern. Hinter ihm lag eine erfüllte Karriere als Gruppentänzer, später als Solist unter John Neumeier am Hamburg Ballett. Er arbeitete mit einigen der bekanntesten Choreografen - mit Mats Ek und Maurice Bejart.

Was er in Greifswald vor 19 Jahren vorfand, war ein „vernachlässigter Haufen“ von Tänzern, wie Dörnen sich erinnert. Aus dem „Haufen“ formte er ein beachtetes Ensemble, das mit seinen kreativen Choreografien weit über das Land hinausstrahlt. Im Jahr 2006 brachte der Greifswalder Ballettchef Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ auf die Bühne. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ schrieb anerkennend: „Strawinskys Sacre mag 1913 das Theater in seinen Grundfesten erschüttert haben. Ausgerechnet nach Greifswald muss man fahren, um sein Nachbeben zu spüren.“

„Ballett ist mehr als die Synthese von Musik und Bewegung. Ballett ist die direkte Verbindung zum Körper, zum Leben“, beschreibt Dörnen seine Leidenschaft. „Es ist ein kleines Wunder, wenn die Ideen aus dem Kopf auf die Bühne kommen.“

Mit dem Preisgeld wolle er eine Party für seine Tänzer schmeißen – und eine Reise nach Kuba finanzieren. „Das Ballett in Havanna ist großartig.“ Noch hält es Dörnen, der als Gastchoreograf in Dresden, Essen und München tätig war, in Greifswald. In diesem Jahr habe er zwei Angebote abgelehnt. „Provinz gibt es nicht – Provinz ist heute in den Köpfen, aber nicht im Landstrich.“ Dörnen ist der Beweis dafür, dass an kleinen Häusern großartige Kunst wachsen kann – wenn die Bedingungen stimmen.

 

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erstellt am 26.Nov.2016 | 07:25 Uhr

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