zur Navigation springen

Mecklenburg-Vorpommern

05. Dezember 2016 | 03:27 Uhr

Rostocker Talent : Tanz ist ihr Leben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jennifer Nguyen macht ihr Hobby zu einem ungewöhnlichen Beruf – und träumt ganz nebenbei davon, in Las Vegas Hip Hop-Weltmeisterin zu werden

War sie vier oder fünf? Jennifer Nguyen kann beim besten Willen nicht mehr genau sagen, wann sie mit dem Tanzen angefangen hat. Auf jeden Fall war es schon geraume Zeit, bevor sie zur Schule kam. Und definitiv war es in der Rostocker Tanzschule Schimmelpfennig.

Weil die Familie umzog, musste sie zwar später für einige Zeit pausieren, doch mit 14 stieg sie wieder ein, belegte erst einen, dann zwei Solotanzkurse – und irgendwann kam sie sogar viermal pro Woche in „ihre“ Tanzschule. Da war schon klar, dass sie das Hobby einmal zu ihrem Beruf machen wollte – und zwar nicht, wie viele andere Mädchen es sich erträumen, beim Ballett: Jennifer Nguyen wird Tanzlehrerin.

Kein alltäglicher Beruf. Jährlich legen bundesweit gerade einmal rund 100 Tanzlehrer nach dreijähriger Berufsausbildung ihre Prüfungen vor dem Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV) ab. „ADTV-Tanzlehrende haben einen krisensicheren Beruf, es gibt keine arbeitslosen Tanzlehrenden“, erläutert Verbandspräsidentin Cornelia Willius-Senzer.

Auch Ralph Schimmelpfennig, der seit 13 Jahren seine Tanzschule in der Rostocker Joliot-Curie-Allee betreibt, bestätigt: „Tanzlehrer, aber auch Auszubildende werden händeringend gesucht – auch hier bei uns.“ Denn das Geschäft brummt. In der Hauptsaison zwischen November und April tanzen wöchentlich bis zu 900 Kinder, Frauen und Männer in seiner Schule. Die einen besuchen Kurse, in denen sie Grundkenntnisse erwerben oder erweitern. Andere sind Mitglieder in den diversen Tanz-Clubs der Schule, die es für jedes Alter zwischen 3 und 83 und für diverse Tänze bis hin zum Tango, Country-Linedance oder Zumba gibt.

Zwölf Mitarbeiter, darunter zehn Tanzlehrende, sind in der Schule beschäftigt – ein Teil fest, ein Teil als Aushilfen oder Honorarkräfte. Jennifer Nguyen ist seit August 2015 das Nesthäkchen im Team.

Für sie sei ein anderer Beruf nie in Frage gekommen, erzählt die Rostockerin, die Ende des Monat 18 Jahre alt wird. „Ich hatte einfach immer schon Spaß daran , mich zu bewegen, zu tanzen.“ Dass in der Tanzschule überwiegend in den Nachmittags- und Abendstunden und ganz selbstverständlich auch an Wochenenden gearbeitet wird, macht ihr nichts aus, betont Jennifer Nguyen.

Ihre besondere Liebe gehört dem Hip Hop. Hier hat sie sich in den letzten Jahren bis in die Wettkampfformation „Sklaven des Beat“ hochgearbeitet – trainiert von Anika Preuss, die heute in der Tanzschule Schimmelpfennig ihre Kollegin ist.

„Was Anika mit uns macht, wie sie mit ihren Gruppen umgeht, das finde ich einfach toll. So möchte ich auch werden“, verrät Jennifer Nguyen. Gelegenheit, sich von der zwölf Jahre Älteren etwas abzuschauen, hat sie häufig – schließlich betreuen die beiden jungen Frauen in der Tanzschule gemeinsam den Kinder- und Jugendbereich. Schon bevor sie mit der Ausbildung begann, arbeitete Jennifer Nguyen als Cotrainerin im Hip Hop- und im Kindertanzbereich. Inzwischen leitet sie auch eigene Kindergruppen und seit kurzem sogar zwei Standard-Tanzkurse, in denen Langsamer und Wiener Walzer, Discosamba, Discofox, Foxtrott, Blues, Boogie und Salsa auf dem Stundenplan stehen. „Noch bin ich vor jedem Kurs, den ich gebe, aufgeregt“, verrät die junge Frau, „aber bei den Standardtänzen bin ich es ganz besonders – weil alle deutlich älter sind als ich. Und dann sitzt auch meist noch Herr Schimmelpfennig mit im Saal und macht sich Notizen.“

„Es ist eine Ausbildungssituation, und das weiß der Kurs auch“, beruhigt sie der Chef. Aber sie mache ihre Sache wirklich gut. Der mit 60 Jahren älteste seiner Tanzlehrer, Stefan Grothe, hat die Erfahrung gemacht, dass gerade für junge Tanzlehrer Gruppen mit älteren Teilnehmern viel angenehmer sind. Außerdem: „Der Beginn mit neuen Leuten ist immer spannend, das ist immer aufregend. Wenn das mal weg ist, wenn alles nur noch Routine ist, dann sollte man aufhören.“

Überhaupt kann Jennifer Nguyen von ihren älteren Kollegen eine Menge lernen – womöglich sogar mehr als in der Berufsschule in Frankfurt am Main, wo doch alles sehr theoretisch zugeht.. „Es gibt schon talentbefreite Menschen ohne Rhythmus- und Taktgefühl“, erklärt ihr Stefan Grothe beispielsweise. „Aber auch die können etwas lernen. Schließlich muss sich jeder nach irgendwelchen Rhythmen bewegen, und sei es nach dem Tag-Nacht-Rhythmus…“, meint er augenzwinkernd. Und er erklärt, dass die Tanzschule gegenüber der allgemeinbildenden einen Riesen-Vorteil hat: „Hier ist jeder freiwillig - und jeder, der es wollte, könnte auch wieder weg“

Das hat auch Jennifer Nguyen schon gemerkt. In ihren Kindergruppen gibt es keine Probleme mit der Disziplin. „Natürlich gibt es auch mal ein oder zwei, die rumalbern - aber das ist doch ganz normal, was wir hier machen, soll ja auch Spaß machen. Und überhaupt sind es doch Kinder“, gibt sich die 17-Jährige abgeklärt.

Auch beim Blick in die Zukunft ist sie schon sehr erwachsen: So, wie ihr großes Vorbild Anika Preuss Zumba an der Tanzschule Schimmelpfennig eingeführt hat, möchte sie dort später einmal Salsa und andere lateinamerikanische Tänze etablieren, erzählt die Rostockerin. Ihr Nahziel aber ist ein ganz anderes. Es hat zwar auch mit dem Tanzen, aber nicht in erster Linie mit dem Tanzlehrerberuf zu tun: Im kommenden Frühjahr möchte Jennifer Nguyen zusammen mit den „Sklaven des Beat“ die deutsche Hip Hop-Meisterschaft gewinnen. Und dann würde sich ihr größter Traum erfüllen: „Dann würden wir im August zur Weltmeisterschaft nach Las Vegas fliegen.“

zur Startseite

von
erstellt am 16.Nov.2016 | 12:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen