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Mecklenburg-Vorpommern

11. Dezember 2016 | 10:57 Uhr

CO2-Verbrauch : „Systematische Schlupflöcher“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Umweltforscher-Verbund ICCT deckte den Abgas-Skandal bei VW auf. Nun knöpften sich die Forscher das Gas CO2 vor

Erst das Atemgift NOx, nun auch der Klimakiller CO2. Der Umweltforscher-Verbund ICCT – Mitenthüller des VW-Abgas-Skandals – erhebt mit einer neuen Studie schwere Vorwürfe gegen die Autobranche.

Während die Weltgemeinschaft in Marrakesch um weitere Schritte im Kampf gegen die globale Erwärmung ringt, ziehen die Wissenschaftler eine alarmierende Bilanz zum Treibhausgas-Ausstoß vieler Fahrzeuge – mögliche finanzielle Folgen für Staat und Autofahrer inbegriffen.

Kernergebnis der gestern vorgestellten Analyse: Auf der Straße verbrauchten neue Pkw 2015 im Schnitt 42 Prozent mehr Sprit, als die Hersteller im Prospekt offiziell angeben. Vor fünf Jahren hatte der Unterschied noch 23 Prozent betragen. Weil CO2-Werte vom Verbrauch abhängen, dürften die Zahlen vor allem Klimaschützer aufschrecken. Aber auch die Kopplung an die Kfz-Steuer könnte eines Tages zu Nachforderungen führen. Und laut ICCT zahlen Autofahrer jährlich 450 Euro mehr für Kraftstoff, als sie bei korrekten Werksangaben müssten.

Die Autoren der Untersuchung glauben nicht, dass die massiven Abweichungen nur Zufall sind. „Ungefähr drei Viertel der Diskrepanz zwischen Real- und Testverbrauch (sind) darauf zurückzuführen, dass Fahrzeughersteller immer systematischer Schlupflöcher in der bestehenden Regulierung ausnutzen“, sagt ICCT-Europa-Chef Peter Mock.

Gemeint sind etwa für Tests optimierte Reifen oder Batterien. Zudem spielten Faktoren hinein, die den Laborbetrieb gegenüber dem Straßenbetrieb sparsamer erscheinen lassen – wie die Abschaltung von Klimaanlagen. „Wir haben die Daten für etwa eine Million Fahrzeuge aus sieben europäischen Ländern untersucht“, berichtet ICCT-Mitglied Uwe Tietge. Ausgewertet wurden Angaben privater Autonutzer bei spezialisierten Verbrauchs-Webseiten, Tankdaten von Leasingfirmen sowie Straßentests von Fachzeitschriften und Autoclubs. Nie sei die „Kluft zwischen offiziellem und tatsächlichem Verbrauch“ so groß gewesen.

Der Autoverband VDA räumt ein, „ärgerliche Unterschiede zwischen Labor- und Straßenwerten“ seien schon länger bekannt. Die ab 2017 geplanten Straßenmessungen und genaueren Bedingungen für Labortests könnten das Problem aber entschärfen: „Der Verbraucher bekommt mehr Verlässlichkeit.“ Etliche Messbedingungen seien inzwischen veraltet.

Der ICCT ist für die Branche kein Unbekannter. Eigene Tests der Organisation und der West Virginia University zur Emission von Stickoxiden bei Dieselautos hatten dazu geführt, dass die US-Behörden auf die Manipulationen von VW aufmerksam wurden. „Dieselgate“ war im September 2015 geboren, eine ganze Industrie geriet unter Verdacht.

Stickoxide (NOx) entstehen bei vielen Verbrennungsprozessen, greifen Schleimhäute an, können Menschen, Tiere und Pflanzen schädigen. Das Thema CO2 – und damit der Spritverbrauch auch von Benzinmotoren – reicht weiter. Es heizt die Atmosphäre neben Methan besonders auf.

Zwar hatte es vor einem Jahr schon mal so ausgesehen, als könnte sich die NOx-Affäre zur CO2-Affäre ausweiten. VW meldete überraschend auch hier „Unregelmäßigkeiten“, erklärte dann aber, es seien statt der befürchteten 800 000 nur bis zu 36 000 Wagen betroffen. Staatsanwälte in Braunschweig ermitteln dennoch wegen möglicher Steuerdelikte. „Der Verdacht liegt nahe, dass man sich auch bei Messungen von CO2 eindeutig illegaler Methoden wie Abschalteinrichtungen bedient“, meint der Chef des Abgas-Untersuchungsausschusses im Bundestag, Herbert Behrens (Linke). Die Nutzung einer solchen Software hatte VW bei den Stickoxid-Manipulationen in Dieselantrieben eingeräumt. Doch auch andere Autobauer müssen sich auf heikle Fragen einstellen.

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erstellt am 18.Nov.2016 | 11:55 Uhr

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