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Mecklenburg-Vorpommern

09. Dezember 2016 | 08:48 Uhr

Landgericht Schwerin : Späte Wahrheitssuche

vom
Aus der Onlineredaktion

Mann 20 Jahre nach Mordversuchen vor Gericht. Verteidigung legt eine Besetzungsbeschwerde ein

Das Landgericht Schwerin hat einen weiteren Versuch gestartet, mehr als zwanzig Jahre nach zwei spektakulären Schweriner Kriminalfällen den Prozess gegen den letzten Angeklagten zu führen. Seit gestern muss sich ein 52-Jähriger für den Vorwurf verantworten, er habe 1995 und 1996 seinen Auftraggebern bezahlte Mörder vermittelt. In einem Fall soll er dafür 20 000 Mark bekommen haben, im anderen ein Entgelt „in unbekannter Höhe“. Gerüchte besagen, es seien 100 000 Mark gewesen.

1995 wollte ein Spielotheken-Betreiber einen unliebsamen Angestellten aus dem Weg räumen lassen. Die Täter lauerten diesem eines Nachts auf der Schweriner Halbinsel Krösnitz auf. 1996 schossen in Plate südlich von Schwerin zwei von einem Fahrlehrer bezahlte Killer auf dessen Frau. Beide Opfer überlebten schwer verletzt.

Der Angeklagte, der in Schwerin aufwuchs, gelernter Koch ist und im Westen Deutschlands lebt, wirkte gelassen, als er im grauen Sakko und mit schulterlangen Haaren im Gerichtssaal zwischen seinen beiden Verteidigern Platz nahm. Die Ermittler hatten ihn von Anfang an mit im Visier, als sie in der damaligen Schweriner Halbwelt ermittelten, ohne ihm etwas nachweisen zu können. 2009 allerdings belastete ihn einer der Auftragskiller schwer. Der jetzt Angeklagte habe ihm vor den Schüssen auf die Frau des Plater Fahrlehrers genaue Anweisungen gegeben, behauptete der Mann. Er war 1997 zu lebenslanger Haft verurteilt worden (sein Komplize bekam sieben Jahre Jugendhaft) und hoffte, vorzeitig entlassen zu werden. Er soll in der kommenden Woche als Zeuge gehört werden. Auch gegenüber einem zweiten Zeugen soll der mutmaßliche Kontaktvermittler geprahlt haben, in die beiden Mordversuche verwickelt worden zu sein.

Dennoch dauerte es weitere sieben Jahre, bevor der Prozess gegen ihn begann. Erst wollte das Gericht die – zum Glück gescheiterten – Mörder und Auftraggeber aburteilen. Der Fahrlehrer wurde 2002 nach zwei Freisprüchen, die die Staatsanwältin angefochten hatte, vom dritten Gericht zu 14 Jahre Haft verurteilt. Der Spielhallen-Fall drohte lange Zeit unaufgeklärt zu bleiben. Der Prozess begann 2009 und dauerte vier Jahre. Am Ende lautete das Urteil für einen der Schützen neun Jahre Haft. Sein mutmaßlicher Komplize war bereits 1995 bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Das Verfahren gegen den Spielotheken-Besitzer wurde abgebrochen. Nach einem Schlaganfall soll er zum Pflegefall geworden sein.

Vor einem Jahr scheiterte der erste Prozess gegen den Angeklagten. Die Verteidiger lehnten den Vorsitzenden Richter erfolgreich als befangen ab. Gestern bemängelten die Rechtsanwälte, der neue Vorsitzende Richter sei nicht so ausgewählt worden, wie es vom Gesetz vorgesehen ist. Sie kritisierten auch die Auswahl der Schöffen.

Sollten die Rechtsanwälte Recht bekommen, könnte noch sehr viel länger als geplant am letzten Kapitel der beiden Kriminalfälle geschrieben werden.

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erstellt am 05.Okt.2016 | 21:00 Uhr

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