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Mecklenburg-Vorpommern

03. Dezember 2016 | 05:41 Uhr

Erziehung : Sonderpädagogisierung statt Schulsozialarbeit?

vom
Aus der Onlineredaktion

Greifswalder Erziehungswissenschaftler warnt vor falschen Prioritäten

Auf dem Weg ins Schloss warf Prof. em. Franz Prüß seinen offenen Brief an den Ministerpräsidenten gestern persönlich in der Staatskanzlei ein. Der frühere Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik/Sozialpädagogik an der Greifswalder Universität formulierte darin seine Sorge um die Zukunft der Schulsozialarbeit im Land, wie er wenig später vor der Landespressekonferenz erläuterte. Denn zwar sei seit 1992 auf diesem Gebiet hier im Land eine Menge erreicht worden – aber es sei eben auch noch vieles offen. So heißt es in der Koalitionsvereinbarung, das ESF-finanzierte Landesprogramm für Jugend- und Schulsozialarbeiter werde in dieser Legislaturperiode ausfinanziert. „Das ist in jeder Legislaturperiode gesagt worden, ohne eine wirklich dauerhafte Lösung zu finden“, kritisiert Prüß. Dabei seien Kontinuität und Dauerhaftigkeit nirgends so wichtig wie in der Arbeit mit Kindern.

Tatsächlich aber drohten viele Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern schon bald mit ihrem Schulsozialarbeiter eine wichtige Bezugsperson zu verlieren. Denn 120 der insgesamt 329 Schulsozialarbeiter-Stellen in MV werden nicht aus ESF-, sondern aus Mitteln des Bildungs- und Teilhabepakets bezahlt. Diese Finanzierung aber läuft 2017 aus.

Prüß betont, dass das Land Kreise und kreisfreie Städte dazu in die Lage versetzen müsse, Schulsozialarbeit als grundsätzliche Pflichtaufgabe der Jugendhilfe zu finanzieren – und zwar an allen Schulen des Landes „Wir brauchen Schulsozialarbeit nicht, um Defizite zu beseitigen, wir brauchen sie als ein grundständiges Leistungsangebot der Jugendhilfe zur sozialen Förderung aller Heranwachsenden in unseren Schulen“, so der Erziehungswissenschaftler. Doch statt sozialpädagogische Kompetenzen bei den angehenden Fachkräften in Schule und Jugendhilfe zu stärken, habe man in MV einen Abbau betrieben und eine Sonderpädagogisierung vorgenommen. Die sei genauso unnötig wie die im Koalitionsvertrag vorgesehene Evaluation der Schulsozialarbeit. Kein Gebiet sei so oft und so systematisch untersucht worden, betont Prüß. Tatsächlich wichtig sei eine dauerhafte gesetzliche Lösung.

Die fordert auch die Vorsitzende der Linksfraktion im Landtag, Simone Oldenburg. Nötig sei beispielsweise ein Personalschlüssel. Für mehr als 200 bis 250 Schüler dürfe ein Schulsozialarbeiter nicht verantwortlich sein. „Dass selbst derartige Kriterien in MV nicht existieren, verdeutlicht einmal mehr die Planlosigkeit der neuen, alten Landesregierung“, so Oldenburg.

SPD-Fraktionsvorsitzender und Noch-Bildungsminister Mathias Brodkorb dagegen wies Kritik postwendend zurück. Das Landesprogramm Jugend- und Schulsozialarbeit sei auch für die nächsten fünf Jahre gesichert, 8,4 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) stünden dafür zur Verfügung. Ab 2021 solle das Programm auch bei nicht mehr zur Verfügung stehenden EU-Mitteln fortgesetzt werden, so Brodkorb. Dass auch Mittel aus dem auslaufenden Bildungs- und Teilhabepaket in die Finanzierung von Schulsozialarbeiter-Stellen geflossen seien, wäre „ordnungspolitisch ein schwerer Fehler“ gewesen. Das Bildungsministerium prüfe aber, ob betroffene Noch-Schulsozialarbeiter künftig als Lehrer oder Erzieher im Rahmen der Inklusion an öffentlichen Schulen beschäftigt werden könnten.

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erstellt am 26.Okt.2016 | 05:00 Uhr

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