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Mecklenburg-Vorpommern

04. Dezember 2016 | 15:17 Uhr

Innovationspreis MV : Schwein gehabt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Torsten Roder bekommt den Innovationspreis für seine Zucht auf Stroh. In der Vergangenheit war jedoch nicht immer alles rosig

Torsten Roder sitzt an seinem Schreibtisch, Sorgenfalten im Gesicht. „Eine unserer Maschinen ist gestern kaputt gegangen“, erklärt der Landwirt knapp. „Damit könnten wir zeitlich in Verzug kommen.“ Roders Terminkalender ist voll, die Arbeitswoche anstrengend. „Die 40 Stunden haben wir meist mittwochs schon abgehakt“, sagt er. „Aber wer nicht mit Leib und Seele dabei ist, wird kein Landwirt.“

Torsten Roder lächelt verlegen. Sein Herz schlägt für das Leben zwischen Feldern und Ställen. Das hat es schon immer. Auch in schwierigen Zeiten. Zum Beispiel damals als Ideen nötig waren, um den Betrieb zu retten. „1994 wollten wir uns ein weiteres Standbein aufbauen“, erzählt Roder. Der Standort im mecklenburgischen Viecheln im Landkreis Rostock hätte ideale Rahmenbedingungen für die Schweinezucht geboten. Entgegen jedes allgemeinen Trends entschied sich die Familie, ihre Mastschweine auf Stroh zu halten. „Für die konventionelle Landwirtschaft ist das eher ungewöhnlich“, weiß Roder. Doch das Tierwohl im Schweinestall war den Landwirten wichtiger als der Standard. Dass dies allerdings auch mehr Arbeitsaufwand erfordert, wurde den Roders schnell bewusst. „Momentan haben wir 1900 Mastplätze auf Stroh.“ 2700 sollen es werden. Der Antrag für den Bau eines weiteren Stalls ist bereits gestellt. „Wir brauchen 5000 Rundballen Stroh. Dazu muss das Stroh zunächst eingefahren und gepresst werden.“ Die daraus resultierenden Mehrkosten trieben das Unternehmen 2012 beinahe in den finanziellen Ruin. „Es war einfach nicht mehr tragbar. Zwischen 2009 und 2012 haben wir jedes Jahr knapp 100 000 Euro Minus gemacht. Wir haben also angefangen, die Mast abzuschaffen.“

Doch dann änderte die Politik ihre Richtung: „Jahrelang hatten die Grünen gegen Atomkraft gekämpft. Als der Abbau beschlossene Sache war, stürzten sie sich auf die Landwirtschaft. Und plötzlich erregten wir mit dem Zuchtkonzept Aufmerksamkeit.“ Torsten Roder und sein Bruder Holger, die seit 2008 gemeinsam an der Spitze des Betriebes stehen, ruderten zurück und fanden schließlich einen dauerhaften Abnehmer für das Fleisch. Die Ludwigsluster Fleisch- und Wurstwaren GmbH schloss 2013 einen Vier-Jahres-Vertrag mit der GbR Armin Roder & Söhne ab, der in diesem Jahr bereits um zwei weitere Jahre verlängert wurde. Außerdem verkauft das Unternehmen seine Ware an Transgourmet. Diese Firma wiederum beliefert damit Kantinen und Gaststätten. Für die Roders waren die Vertragsabschlüsse ein Segen, auch weil sie sich mit den Handelspartnern auf einen fixen Kilopreis einigen konnten. „Für Schweinefleisch hat es nie eine Quote oder Mengenregulierung gegeben. In den letzten zehn Jahren mussten Landwirte zwar in ihre Betriebe investieren, weil sich Gesetzmäßigkeiten verändert haben, doch hat sich der Preis für das Fleisch kein Stück bewegt“, bedauert Torsten Roder. Die 1,65 Euro pro Kilo seien bereits kostendeckend, mit 1,75 Euro könnten bereits Rücklagen geschaffen werden. Mitte Oktober lag der Preis allerdings bei 1,52 Euro. „Es gibt Rücksprachen bei den Schlachthöfen. Alle geben dieselbe Summe. Dabei dürfen Lebensmittel nicht zur Ramschware werden.“ Darüber hinaus hätte das Russlandembargo für deutliche Einschnitte auf dem Absatzmarkt gesorgt. „Wir werden den Markt auch nicht mehr zurückgewinnen. Der Staat hat in den Aufbau der Landwirtschaft investiert, um sich selbst versorgen zu können“, erklärt Roder. Dass deutsches Schweinefleisch mittlerweile bis nach Asien verschifft würde, sei eine unumgängliche Entwicklung. „Der Transport pro Kilo kostet mit dem Containerschiff acht Cent, mit dem Auto durch Deutschland bezahlt man aber 20 Cent.“

Geschlachtet werden die Tiere der Roders in Teterow. Jeden Freitag werden rund 100 Schweine weggebracht. Pro Tier werden rund 94 Kilo Fleisch gewonnen, wobei jeder Deutsche im Durchschnitt 52 Kilo im Jahr vertilgt. Die Zerlegung erfolgt in Ludwigslust. Auf den knapp 1200 Hektar Ackerfläche, die im Besitz der Familie sind, wird ein Großteil des Futters für die Strohschweine selbst angebaut. Zudem erzeugen die 300 Sauen aus eigener Vermehrung die Ferkel, die im geschlossenen System weiter gemästet werden. Mit dem Mist wird die hofeigene Biogasanlage beliefert, die wiederum nicht nur die Aufzuchtställe mit Wärme versorgt, sondern auch sieben Eigenheime in Viecheln. Somit bleibt die gesamte Wertschöpfungskette in Mecklenburg-Vorpommern. Für dieses Konzept der Kreislaufwirtschaft wurde die GbR Armin Roder & Söhne kürzlich mit dem Innovationspreis des Landes ausgezeichnet. Zudem ist die Firma Kooperationspartner des EU- und Landes-Projektes „Einheimische Eiweißfuttermittel in der Schweinefütterung“.

Einmal am Tag kontrolliert Torsten Roder seinen gesamten Tierbestand. Die Ställe wurden so gebaut, dass jedes Tier 1,1 Quadratmeter zur Verfügung hat, wobei das Gesetz lediglich zu 0,75 Quadratmetern verpflichtet. „Ob die Schweine sich tatsächlich mit dem Stroh wohler fühlen oder nicht, wissen wir nicht. Einige liegen auch den gesamten Tag auf dem Pflasterspaltenboden“, so Roder. Bei den kleinen Tieren wird das Stroh einmal in der Woche ausgestreut, bei den großen bis zu dreimal. Die regionale Genetik würde zwar dazu führen, dass bei einem Wurf weniger Ferkel geboren werden, andererseits aber auch dazu, dass die Tiere insgesamt ausgeglichener sind. „Die Sauen sind robuster und langlebiger, bleiben im Schnitt fünf bis sechs Jahre bei uns.“ Das erfolgreichste Muttertier habe übrigens 192 Ferkel zur Welt gebracht.

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erstellt am 22.Nov.2016 | 07:00 Uhr

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