zur Navigation springen

Mecklenburg-Vorpommern

29. September 2016 | 15:34 Uhr

Rückbau des Kernkraftwerks : Schornstein in Lubmin abgerissen

vom
Aus der Onlineredaktion

Mit Symbolkraft: Der erste AKW-Schlot fällt

Neue Phase im Rückbau des Kernkraftwerks  Lubmin: Mehr als 20 Jahre nach der Stilllegung hat der Abriss von Gebäuden des einst größten DDR-Atommeilers begonnen. Der erste von vier, jeweils knapp 100 Meter hohen Schornsteinen wird seit gestern Stück um Stück abgerissen. Ein Recycling-Unternehmen trägt mit einer ferngesteuerten und an einem Kranausleger befestigten Hydraulikschere den Beton ab.

„Es ist ein seltsames Gefühl“, sagt Marlies Philipp beim Anblick der Arbeiten. Die heutige Pressesprecherin der bundeseigenen Energiewerke Nord (EWN) begann 1979 als Ingenieur für Werkstofftechnik im Kraftwerk zu arbeiten. „Für Lubmin und die Küste am Greifswalder Bodden war das Kraftwerk mit den vier Schornsteinen eine prägnante Landmarke.“ Dies sei nun vorbei, sagt Philipp. Dennoch: Der Rückbau des Schornsteins sei auch Ausdruck der fortschreitenden Demontagearbeiten am Kraftwerk.

Das Kernkraftwerk am Greifswalder Bodden war zwischen 1973 und 1990 in Betrieb und erbrachte mit einer Gesamtleistung von 1760 Megawatt einen Anteil von elf Prozent des Strombedarfs in der früheren DDR.

Wegen Sicherheitsbedenken wurde das Kraftwerk nach dem Fall der Mauer zunächst abgeschaltet. 1995 folgte die Stilllegung, danach der Rückbau der atomaren Hinterlassenschaft. Er dauert inzwischen länger als das Kraftwerk je in Betrieb war. Und er kostet mehr als noch Mitte der 1990er-Jahre vom Bund veranschlagt.

Die bundeseigenen EWN als Eigentümer gehen nach eigener Kostenschätzung aktuell von Gesamtkosten in Höhe von 6,6 Milliarden Euro für den Abriss der DDR-Atommeiler in Lubmin und Rheinsberg (Brandenburg) aus. Ende 2015 war der Rückbau für die beiden Atomkraftwerke noch mit 4,2 Milliarden Euro beziffert worden. Als Ursache für die Kostensteigerung nannten die EWN den höheren Betriebsaufwand für das Zwischenlager, höhere Sicherheitsanforderungen wie auch eine Neuausrichtung der Rückbaustrategie.

Die EWN waren vor wenigen Jahren von ihrem bislang verfolgten Konzept der sogenannten Langzeitverwahrung abgerückt. Statt die zum Teil kontaminierten Gebäude 50 Jahre lang abklingen zu lassen, sollen diese nach und nach gereinigt und dann abgerissen werden. Ziel sei es, alle radioaktiv belasteten Materialien und den Beton aus den KKW-Anlagen bis 2028 zu entfernen. Wann und durch wen die Reaktorgebäude – Herzstück des Kraftwerks – abgerissen werden, sei bislang nicht zu sagen, sagte Philipp weiter.

Radioaktive Kernbrennstoffe, Reaktoren und Dampferzeuger wurden vor Jahren ausgebaut. Der letzte radioaktiv verstrahlte Reaktor wurde 2009 ins benachbarte Zwischenlager geschoben.

Dennoch stecken die EWN in einem Dilemma: Denn wann von dort der hoch-, mittel- und schwachradioaktive Abfall in ein Endlager kommt, ist ungewisser denn je. Für das Endlager für hoch radioaktiven Abfall wird derzeit die Standortsuche neu aufgerollt. Schacht Konrad für schwach- und mittelradioaktiven Abfall soll ab 2022 den Atommüll aufnehmen. Auch die Verzögerung der Endlagerung treibt nach Angaben der EWN die Rückbaukosten in die Höhe.

Der erste Schornstein – ein Abluftkamin, in dem über Jahrzehnte die Luft aus den Kontrollbereichen der Blöcke 1 und 2 gefiltert und an die Umgebung abgegeben wurde – war an der Innenseite radioaktiv belastet. Seit Frühjahr 2015 hatte ein Spezialunternehmen den Beton gereinigt. Ein Antrag auf Abriss des zweiten Schornsteins sei bereits gestellt.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen