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Mecklenburg-Vorpommern

28. Juni 2016 | 18:49 Uhr

Geocaching : Schnitzeljagd mit Mini-Luther

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Reformator, der 2017 groß gefeiert wird, ist jetzt als Plastikfigur auf Pilgerreise in ganz Deutschland unterwegs – via Geocaching

Im vergangenen Sommer hat sich Martin Luther auf den Weg gemacht. Ausgehend vom uckermärkischen Friedrichsthal ging der Reformator auf Reisen. „Inzwischen war er in Leipzig, Jena, Wittenberg und Paderborn“, berichtet Lars Fischer aus Hohenselchow (Brandenburg). Der 23-Jährige hat den Kirchenmann, der vor knapp 500 Jahren seine Thesen zur Reformation der Kirche in Wittenberg veröffentlicht haben soll, als Playmobil-Figur zu den Wirkungsstätten des realen Luther geschickt – via Geocaching. Wie kam Fischer darauf? „Während einer Predigt wurde das Thema Geocaching angesprochen“, sagt Fischer und erinnert sich an seine Begeisterung: Ein Gegenstand wird versteckt und mit Hilfe von GPS-Signalen und Koordinaten gesucht. „Ich dachte, daraus lässt sich etwas machen.“ Als ein Mini-Luther als Playmobil-Figur auf den Markt kam, war die Sache für Fischer klar.

Der junge Mann, der im Kirchenbüro seines Heimatdorfes unweit der polnischen Grenze arbeitet, versah die Figur mit einer Blechplakette – Travel Bug genannt – und Daten, die er ins Internet eintrug. „Da sieht man, wo die Figur ist, wo sie war und auch wo sie hin soll.“ Die Spielfigur hatte beim Kauf einen kleinen Lageplan bei sich mit 36 Stationen, die im Zusammenhang mit Luther (1483-1546) stehen. „Den Plan habe ich genutzt und die Figur losgeschickt“, berichtet Fischer.

Wer die Figur findet, muss sie zu einem der nächsten Orte bringen und das im Internet vermerken.

Fischer packte den Plastik-Luther in eine Plastikbox im Friedrichsthaler Wald an einen Grenzstein an der früheren Grenze zwischen Brandenburg und Vorpommern. Sein Vorhaben begann allerdings mit einem Fehlstart. Der erste Finder holte die Figur ab, trug sich aber nicht in das digitale Logbuch ein. Die Figur war weg. Fischer kaufte ein Double. Kurz bevor er dieses verstecken wollte, tauchte die erste Figur wieder auf – in Leipzig. Seitdem reist Luther Nummer eins problemlos, Luther Nummer zwei steht auf Fischers Schreibtisch im Pfarramt Hohenselchow, das zur Nordkirche gehört.

Pfarrer Matthias Jehsert vom Pfarramt Retzin (Mecklenburg-Vorpommern) findet das Projekt verrückt und genial zugleich. Schön sei, dass eine kommerzielle Idee mit einem bestimmten Inhalt verbunden werde, meint er. „Auf diese Weise wird Interesse am Thema Luther geweckt.“ Geocaching sei eine sehr moderne Organisationsform. „Leute treffen sich und machen etwas gemeinsam.“ Das sei gerade in Zeiten besonders wichtig, in denen abnehmende Bindungen an Institutionen, Vereine, Kirchen, Parteien beklagt werden. „Es findet sich eine Gemeinschaft freiwillig zusammen und macht etwas.“

Geocaching als moderne Schnitzeljagd funktioniert seit gut 15 Jahren.„Verstecke gibt es genug“, sagt Fischer und zeigt eine Landkarte im Internet und ein ziemlich löchriges Deutschland. „Viele liegen an Bäumen, auch mal ganz oben oder in Röhren unter Autobahnen.“ Klettern und Tauchen gehört inzwischen für Profis oft zur Suche. Da reiche es nicht mehr, sich nur von Daten leiten zu lassen. Ohne Hilfsmittel werde kaum noch gesucht. „Die Ausstattung wird immer größer“, betont Fischer und zählt auf: Ausziehleiter, Taschenlampe, Warnweste...

Auch viele Kinder machen mit. „Das ist eine Stimmung wie Ostern beim Eiersuchen“, beschreibt er deren Begeisterung. „Aber das Wichtigste ist, man wird an Orte gelockt, zu denen man sonst nicht hingehen würde“, sagt Fischer. Mehr als 400 Verstecke hat der Mitarbeiter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland selbst schon entdeckt, darunter einige im Ausland.

Doch zurück zum etwa 7,5 Zentimeter großen Reformator: Der pilgert weiter durch Deutschland. Wichtig sei, dass die Figur bis zum Reformationstag 2017 die 36 Stationen bereist hat, obwohl es wohl mehr Punkte gibt, an denen Luther einst war. „Ich bin gespannt, ob er das schafft“, sagt der Kirchenmitarbeiter. Wie geht es danach weiter? Fischer überlegt kurz. Vielleicht öffne er das Spiel und lasse die Figur weltweit reisen oder er schicke sie in die Uckermark zurück. „Vielleicht hat jemand Interesse an der Figur, vielleicht behalte ich sie auch selbst.“

Hintergrund: Geocaching
Geocaching – Schnitzeljagd per GPS-Signal – gibt es offiziell seit 3. Mai 2000. Damals vergrub ein US-Amerikaner aus Spaß einen schwarzen Plastikeimer in einem Wald bei Portland im Bundesstaat Oregon. Darin versteckte er ein Büchlein, einen Stift, Bücher und Videos. Im Internet veröffentlichte er nach Angaben des Geocache-Verzeichnisses geocaching.com die Koordinaten des Verstecks: „N 45° 17.460 W 122° 24.800“. Innerhalb von drei Tagen lasen demnach zwei Leute von dem Experiment, machten sich auf die Suche und schrieben online über ihre Erfahrungen. So begann ein weltweites Phänomen. Der erste Cache in Deutschland soll im Oktober 2000 bei Königs Wusterhausen südlich von Berlin versteckt worden sein.
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erstellt am 04.Feb.2016 | 12:00 Uhr

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