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Mecklenburg-Vorpommern

24. Juli 2016 | 06:54 Uhr

Schlager-Streit : „Schlager sind Abschalter“

vom

Trotz starker Kritik bleibt der NDR bei seinem Musikprogramm. Funkhauschefin Elke Haferburg erklärt, warum

Die Schlager-Debatte um den öffentlich-rechtlichen Sender NDR 1 reißt nicht ab. Immer wieder kritisieren Leser, dass  ihr Wunsch nach einem deutschen Musikprogramm unerhört bleibt. Nun meldete sich sogar Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) zu Wort.  Er habe  Verständnis dafür, dass sich „auch die älteren Hörer im Musikprogramm ihres Heimatsenders  wiederfinden wollen“. Warum Programmdirektorin Elke Haferburg dennoch nicht von ihrem Kurs abweicht, wollte  Redakteurin Lisa Kleinpeter im Interview wissen.

Zuerst einmal: wer macht das Musik-Programm beim NDR und wer beschließt eigentlich Änderungen?
Die Musikauswahl trifft die Musikredaktion auf der Grundlage von Ergebnissen aus der Musikforschung. Das Musikprogramm wird dann selbstverständlich mit mir und dem Chefredakteur abgestimmt. Änderungen im Programm werden sorgfältig entsprechend der strategischen Ausrichtung vorgenommen. Wir wollen und müssen möglichst viele Menschen, über verschiedene Altersgruppen hinweg, erreichen. Schlager sind ebenso wie Hardrock-Titel oder elektronische Musik für einen Teil der Hörer ein Abschaltfaktor. Deshalb kann die Musikauswahl immer nur ein Kompromiss sein. Sie merken: Es ist nicht so, wie mir oft vorgeworfen wird, dass ich das Programm allein bestimme.

Seit Wochen steht der NDR unter Beschuss, nicht auf die Wünsche der Hörer einzugehen und mehr Schlager im UKW zu spielen. Sogar eine Bürgerinitiative hat sich gegründet. Was sagen Sie dazu?
Es gibt nur ein Landesprogramm des NDR in Mecklenburg-Vorpommern und das hat die staatsvertragliche Aufgabe, die Menschen im Land mit aktuellen, regionalen Informationen zu versorgen. Und das machen wir. Musik ist der unterhaltsame Rahmen von NDR 1 Radio MV.  Wir nehmen die Kritiken sehr ernst und beantworten diese Höreranfragen wie alle anderen auch. Wir diskutieren über das Thema auch mit dem Landesrundfunkrat. Natürlich macht es keinen Spaß, kritisiert zu werden. Aber auch wenn ich mich wiederhole: Wir gestalten das Programm von NDR 1 Radio MV so, dass möglichst viele Menschen das Programm einschalten. Alles andere wäre ja auch absurd.

Ist das ein Kompromiss auf Kosten älterer Hörer?
Etwa 480000 Menschen schalten NDR 1 Radio MV jeden Tag ein. Und die Media-Analyse hat ergeben, dass die Beliebtheitswerte des Programms bei den älteren Altersgruppen weiterhin überdurchschnittlich sind.  Wir haben mit der von Ihnen angesprochenen Bürgerinitiative und Vertretern aller Seniorenbeiräte des Landes gemeinsam über die Musikausrichtung diskutiert. Der Landesseniorenbeirat findet unser Programm super. Das muss auch einmal betont werden.

Bei Ihrem Kurs beziehen Sie sich immer wieder auf die Musikforschung, die belegen soll, dass Schlager-Titel nicht sonderlich gefragt sind. Wie wurde dieses Ergebnis erhoben?
Das läuft über ein Institut mit sogenannten Musiktiteltests. Dabei werden 40- bis 70-jährige potentielle Hörer aus unserem Land telefonisch interviewt. Ihnen werden Musikausschnitte vorgespielt und sie sollen sagen, was ihnen gefällt und wo sie eher abschalten würden. Dabei wissen sie jedoch nicht, für welchen Sender die Umfrage erhoben wird.

Was spricht dagegen, wenigstens in bestimmten Programm-Punkten ausschließlich Schlager zu spielen. Zum Beispiel bei der Plattdeutschen Sendung?
Wir wollen gerne, dass die plattdeutsche Sprache auch an jüngere Menschen herangeführt wird. Ausschließlich Schlager in diesen Sendestrecken zu spielen, würde dieser Strategie widersprechen.

Acht neue Frequenzen werden derzeit in MV im UKW vergeben. Darauf haben sich mindestens drei Sender mit einem Schlagerprogramm beworben. Gibt Ihnen das doch zu denken?
Jedes neue Angebot nehmen wir ernst und analysieren es. Was plant der Sender? Welches Hörerpotential gibt es? Diesen Fragen kann man mit Hilfe der Medienforschung nachgehen. Bisher ist aber noch nicht entschieden, wer die Frequenzen bekommt. Es gibt viele Interessenten, die sich aber nicht auf eine landesweite Frequenz bewerben können.

Da dem NDR – ungeachtet des abnehmenden Schlagerinteresses – bewusst ist, dass es nach wie vor Hörer gibt, die gerade dieses Genre schätzen, haben wir uns für die Etablierung eines ergänzenden digitalen Musikprogramms mit dem Schwerpunkt „Schlager und ähnliche deutschsprachige Produktionen“ entschieden. Diese Entscheidung war bereits vor der Ankündigung gefallen, dass neue Frequenzen in Mecklenburg-Vorpommern ausgeschrieben werden. Das Schlagerradio des NDR soll über DAB+ und Internet ausgestrahlt werden. Wir hoffen, dass es die Erwartungen vieler Fans erfüllen wird.

DAB+ ist bereits in den Großräumen Rostock und Schwerin zu empfangen. In der zweiten Jahreshälfte kommen die Region Neubrandenburg und der Bereich Marlow, Tessin dazu. Der weitere Ausbau von DAB+ ist geplant. Dafür braucht der NDR aber die Zustimmung der KEF.

Viele Hörer kritisieren jedoch, dass sie nicht die entsprechende Technik oder Kenntnis hätten für Digitalradio.
Wir hatten nicht eine Beschwerde, als im Fernsehen das Format von 4x3 auf 16x9 oder von SD auf HD umgestellt wurde. Da waren die Menschen bereit, viel Geld für neue Geräte auszugeben. DAB+ Radio-Empfänger bekommt man ab zirka 30 Euro.

Nun gibt es auch noch Druck aus der Politik. Ministerpräsident Erwin Sellering hat sich an den NDR-Rundfunkrat gewandt mit der Bitte „für Schlagerfreunde wieder ein Fenster im Programm zu öffnen.“ Wie reagieren Sie darauf?
Ich empfinde das nicht als Druck. Ich sehe das gelassen. Es gibt keinen Grund, die strategische Ausrichtung von NDR 1 Radio derzeit zu ändern. Die Gründe dafür habe ich Ihnen ja erläutert.

Unsere Leser haben eine eindeutige Meinung zur Programmgestaltung im Radio

„Harmonischer Lokalsender" von Heiner Andresen, Boizenburg

Die Kritik von Karl Bachmann  kann ich im Wesentlichen teilen. Ergänzend möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass das „Gejabble“ von Radio MV nicht zu ertragen ist. Ich wünschte mir einen gemütlichen und harmonischen Lokalsender mit etwas mehr Tiefgang und Gelassenheit in den Wortbeiträgen.

Obwohl dieser Sender keine gewerbliche Reklame machen muss, erscheint die Eigenwerbung, welche in ständigem Mantra wiederholt wird, wie eine Gehirnwäsche. Die Meldung von Blitzern wirkt geradezu anbiedernd gegenüber  Gesetzes- und Regelverstoßern und sollte grundsätzlich aus allen Radiosendern verbannt werden. Zum einen werden die Autorität und die Bemühungen der Verkehrsbehörde unterlaufen und zum anderen zeigt sich dadurch keine signifikante Senkung der Unfallzahlen. Für den nichtfahrenden Radiohörer sind solche Meldungen einfach nur lästig.

„Bei der Musik schalten wir ab" von Dr. Heinz Möbins, Brüel

Dieser Leserbrief ist mir aus der Seele geschrieben. Alle meine Bekannten sind der gleichen Meinung. Früher hatten wir nur „unseren Sender“ Radio MV an. Jetzt hören wir die Nachrichten und stellen das Radio ab. Das, was da als Musik bezeichnet wird, geht uns auf die Nerven.

„Das ist nicht unsere Musik" von Klaus und Karin Willnow, Schwerin

Wer  von den Jugendlichen hört oder kann überhaupt tagsüber Radio hören – und wenn, dann hören sie nicht NDR1MV. Am Adventssonntag und auch sonst jeden Tag früh zum Frühstück Hottentottenmusik, wie unsere Eltern früher sagten.

Wenn unser Informationsbedürfnis nicht wäre, würden wir sicher andere NDR-Sender hören. Unsere Musikjahrgänge waren die vierziger bis siebziger Jahre – aus diesem Repertoire könnte man wenigstens am Tag zwei bis drei Schlager spielen, auch wären ein, zwei leichte Klassikstücke nicht verwerflich, wenn man etwas für die Jugend machen wollte. Ein Mix ist etwas anderes.

„Programm über die Hörer hinweg" von Sigrid Sonnemann, Grabow

Das Musikprogramm  des ehemaligen Heimatsenders NDR1-Radio MV ist katastrophal. Gut, dass das Radio einen Knopf zum Abstellen hat. ...

Was maßt Frau Haferburg sich an, wenn sie über die Köpfe der Landesbürger hinweg bestimmt, dass vorwiegend englischsprachige Titel gespielt werden? Auch ich nehme ihr nicht ab, dass einer Medienanalyse zufolge dieses Musikangebot mehrheitlich gewünscht wird. Was spricht denn dagegen, wenn täglich oder wöchentlich auch Titel für die ältere Generation, zu der ich auch gehöre, gespielt werden? Wir leisten doch ebenfalls unsere „Zwangsabgabe“ an Rundfunk- und Fernsehgebühren. Außerdem können die Musikbeiträge doch zeitlich so angeordnet werden, dass Jüngere und Ältere davon profitieren. Senioren z. B.  sind überwiegend in den Vormittagsstunden Radiohörer, Junioren dagegen mehrheitlich nach Feierabend.

... Ich  will  darauf aufmerksam machen, dass auch in Grabow, der „bunten Stadt an der Elde“,  und amtsangehörigen Gemeinden das Musikangebot der älteren Bevölkerungsgruppe ganz und gar nicht dem Bedarf entspricht. Sigrid Sonnemann,Grabow

„Ein permanenter Grusel-Mix" von Karin Missal, Schwerin

Theoretisch ist in jedem Radiosender klar, dass ohne echte Interaktion die Hörerbindung irgendwann verspielt ist und unser NDR-Verbund bietet für viele Hörer etwas – bis hin zu N-Joy ist der Norden gut auf Sendung.

Praktisch aber bekommen treue Stammhörer von ihrem regionalen Heimatsender NDR1 – Radio MV seit Jahren Antworten für den Papierkorb – auf die Ohren gibt es weiterhin das englische Gedudel und deutschen Möchtegerngesang oder „Humor“ zum Wochenende von Herrn Angerstein, der auch sein Bundesland verfehlt. Die guten Moderatoren im Sender können einem ja leid tun, uns die bisherige Billigkonserve in Endlosschleife als unseren „Lieblings-Mix!“ verkaufen zu müssen – so veräppelt man uns in MV bitte nicht!

Vielleicht rafft sich ja mal jemand auf und lässt die englischen Songs wenigstens aus den beliebten plattdeutschen Sendungen raus – wie es sich für diesen Sendeplatz gehört. Es nützt wenig, die beiden Herren vom Wetter und Hausmeister Erwin zu mögen oder Sportsendungen und das Kulturjournal toll zu finden, wenn interessierte Jahrgänge sich längst an ihre Tageszeitungen wenden oder sich in Englischkurse einschreiben lassen. Spätestens dann läuft bei unserem Regionalsender gehörig etwas schief, sich zu weigern, die Landesmentalität auf die Tagesordnung zu setzen.

Nur deutsch und englisch ist längst nicht weltoffen – eher ein permanenter „Grusel-Mix!“ – einseitig eben.

 
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