zur Navigation springen

Mecklenburg-Vorpommern

28. September 2016 | 22:28 Uhr

„Faust“ im Theater Schwerin : „Reale und phantastische Irrtümer“

vom
Aus der Onlineredaktion

„Faust“ im Wandel der Schweriner Bühnenzeiten: Zum ersten Mal 1844. Freitag Premiere einer Neuinszenierung von Martin Nimz

„…es gibt noch manche herrliche, reale und phantastische Irrtümer auf Erden. Durch diese sollte unser Freund Faust sich auch durchwürgen.“ So profan Goethe in einem Brief 1820.

Auf der Schweriner Bühne hat das der anarchische Doktor oft geschafft. Zum ersten Male agierte er in „Faust I“ 1844 im Reflektor-Licht von 40 Rüböl-Lampen. 1892 dann der erste „Faust II“. Jene Mimen-Art ist in Äonen untergegangen.

In der Neuzeit aber wird Goethes Welttheater um und um gewendet. Stehen „Faust I“ 1949 und der „Urfaust“ 1954 noch unter der alten Studienrats-Parole vom hehren Sucher nach Erkenntnis, startete Regisseur Gert Jurgons 1968 mit „Faust I“ in die Moderne: „Wir nehmen das Märchenhafte des ‚Faust‘-Dramas so naiv als möglich.“ Was eine bunte Aufführung voller Aktion ergab. Fortan „Faust“ als grüne Theaterpraxis statt grauer Gelehrtentheorie.

„Faust – Der Tragödie erster Teil“, Regie Martin Nimz, Premiere am Freitag, d. 23. September, 19.30 Uhr, Großes Haus, ausverkauft. Weitere Vorstellungen am 30. 9., 21.10., 12. und 18.11., 6. (ausverkauft) und 18.12., 5. und 30.1. (ausverkauft), jeweils  19.30 Uhr

„Faust“-Geschichte, Theatergeschichte sogar, schlägt Regisseur Christoph Schroth am 28. September 1979 auf mit der Premiere von „Faust I und Faust II“ an einem Abend. Er kreuzt die Tragödie mit der Komödie. Die Hexenküche als Transen-Salon. Die Gretchenfrage wird im Bett gestellt, Homunkulus im Kofferfernseher gezeugt. Die Titelfigur bekommt nach ihren Lebensphasen Gestalt von vier Schauspielern: Wolf-Dieter Lingk als angeekelter Zweifler in Einstein-Maske, jugendlich-lässig Horst Kotterba, der Gretchen beim Wäscheaufhängen hilft, Peer Jäger als Manager, Heinrich Schmidt schließlich als scharfer Boss. Den Mephisto – der Clou – spielt eine Frau. Sie ist aufs Haar der vom Herrn genannte Schalk, muss schuften für die Wette. Da fließt Gauklerblut gezogen auf die Spritze moderner Bühnenmedizin. Lore Tappes Karriere-Krone. Eine „Faust“-Attacke, die nicht nur im Osten gefeiert wird, aber natürlich Widerspruch der Traditionalisten provoziert. 106 Vorstellungen in zehn Jahren.

Eine dem Lehrplan ferne Auseinandersetzung mit dem Stoff war im März 1982 die respektlos-vitale „Urfaust“-Variante, die eine Theatergruppe der Schweriner Goethe-„Penne“ für Schüler spielte. Regisseur war Andreas Dresen.

Die Premiere des „Faust“ von Christopher Marlowe am 11. Juni 1993 war auch die Premiere der Schweriner Schlossfestspiele. Im Innenhof des Schlosses mit seiner erstaunlichen Akustik. Im Griff von Schauspielchef Ingo Waszerka zurück hinter Goethe rang nun ein Feuerkopf mit fünf gewieften Teufeln im Spiel um Machtanspruch und Lebensgenuss. Waszerka drehte ironisch ein Kaleidoskop mit Heldengesten, Narretei und gegenwärtigen Showeffekten. Er bediente mit explosiver Phantasie Mephistos Spruch „Wo wir sind ist Hölle.“ Im Großen Haus brachte Waszerka im April 1997 auch noch Goethes „Faust“ als Abenteuergeschichte auf die Bühne: „Faust. Ein Fragment“, die frühe Fassung, die der Autor 1790 veröffentlichte.

Der langjährige Schauspieldirektor Peter Dehler hat im März 2003 mit „Faust“ jongliert. In seiner Variation „Pudels Kern“ im E-Werk wurde Goethes hoher Ton heruntergespielt auf die Mirakel der Schaubude, umspielt von John Carlsons zarten Interludien. Der Osterspaziergang ging in einen Song über und Faust glaubte einfach nicht an den Teufel. Auch dieser „Faust“-light mit einer Teufelin kam nicht vom Katheder.

Im E-Werk zeigte im Oktober 2004 die Puppenspielerin Margrit Wischnewski „Faustens Höllenfahrt und Gretchens Nachtgesang“, eine fröhliche Reise durch „Faust“-Literatur von Marlowe, Goethe, Grabbe, Klingemann. „Faust“ und kein Ende in Schwerin: Die Fritz-Reuter-Bühne spielte im April 2005 ihren „Faust“ herzhaft auf Platt, von Bernd Reiner Krieger ins „volle Menschenleben“ des Dorfkrugs gesetzt.

Sein Stück, ahnte Goethe 1831, werde die Welt „über kurz oder lang auf manche Weise benutzen.“ Warten wir demnach auf „Faust I“ am Freitag von Martin Nimz, dem neuen Schweriner Schauspieldirektor.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen