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Mecklenburg-Vorpommern

23. März 2017 | 09:14 Uhr

Mecklenburgisches Staatstheater : Raufbold mit weichem Herzen

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Vorstadtlegende „Liliom“ von Ferenc Molnár hatte Premiere am Mecklenburgischen Staatstheater

Diese Vorstadtlegende war mal ein Welterfolg: „Liliom“. Sie erinnert noch immer an den ungarischen Autor Ferenc Molnár, auch als Musical, Ballett, Oper. Also, der Andreas Závoczki, genannt Liliom, ist bei der Schaustellerin Frau Muskat im Budapester Stadtwäldchen der Ausrufer und „Hutschenschleuderer“. Bittschön, was? Sprach-Virtuose Alfred Polgar, der dem Stück wienerisch ins Deutsche geholfen hat ,als Ungarn noch bei Österreich war, postet von Wolke sieben: „Hutschenschleuderer ist der Anschieber beim Schaukelbetrieb.“ Er ist umschwärmt von den Mädels, aber ein Sauf- und Raufbold, immerhin hat er ein weiches Herz. Bei Julie, die er liebt und dennoch schlägt, hofft er: „Ich mein, aus einem nichtsnutzen Kerl kann auch noch ein Mensch werden.“ Sein Versuch, einer zu werden, ist katastrophal, seine „Verhältnisse, die sind nicht so“, wie später Peachum vom erhofften Gutsein in einer berühmten Moritat singen wird. Julie ist schwanger, und um für die künftige Familie Geld zu beschaffen, wird Liliom kriminell, wird erwischt und bringt sich um, um der Schmach zu entgehen. Als seine Tochter 16 ist, gibt ihm die Allmacht nochmal eine Chance zur Läuterung auf Erden. Er kann sie nicht nutzen.

Molnár, ein Routinier des Boulevardtheaters, apostrophiert als „Pariser Wiener aus Budapest“, hatte, bis er, rassisch verfolgt, 1937 vor den Nazis floh, seinen kreativen Ort im Kaffeehaus, damals Marktplatz witziger bis aberwitziger Welt-Anschauung. Legendärer Spruch über einen mit der Wahrheit jonglierenden Mann: „Er lügt so, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist.“ Wahr hingegen ist, dass Molnár mit „Liliom“ nicht das Pointen-Pingpong tändelnder Unterhaltung spielte, sondern im Pratermilieu ein tragikomisches Volksstück in Moll schrieb, das realistisch in den sozialen Keller steigt und hochfliegt in die Phantasie von Himmel und Hölle als Jenseits. Genug nun vom alten Hintergrund.

Heute und hier hat Alice Buddeberg in ihrer Inszenierung am Mecklenburgischen Staatstheater das charmante Lokalkolorit abgeschminkt. Gestrafft, rockt sie die Legende zur harten gegenwärtigen Story von einem Außenseiter, dem „das Herz schlägt unter dem Messer." Seine Liebe als unberechenbar wildes Ereignis. Auf einer Bühne von Cora Saller, wo ein illuminierter, sich verengender Gitter-Tunnel oder ist es ein abgestürztes Teil der Achterbahn, auf der die Emotionen rasen, also wo ein vieldeutiger Ort Umfangensein vom Desaster suggeriert.

Hier wechseln Momente der Kaltschnäuzigkeit und Gewalt, wenn in Liliom der Rohling rumort, mit herber Poesie, wenn das ungleiche Paar im Laubregen schaukelt, ein Augenblick fast der Zärtlichkeit. Es kommt neben karikierten Kleinbürgern ironisch Heiterkeit ins dunkle Spiel, wenn Liliom eine Wort-Arie über hunderte Mädchen angedichtet ist, die ein bisschen Leporellos Register-Arie aus „Don Giovanni“ ähnelt. Eine Bravournummer von Martin Brauer. Sein Anschieber, rausgeworfen aus dem Ringelspiel, taumelt auf die Rutschbahn, in seine Abgründe, schleudert zwischen Spaßmacher und Schläger, der nicht um Verzeihung bittet, aber sich überschlägt zur Innigkeit, wenn er von der Schwangerschaft erfährt. Da leuchtet in Brauers Gesicht kurz seine verschüttete Seele auf. Sein Liliom ist hinter der Hallodri-Lässigkeit ein Gekränkter, zerrissen, im Grunde ein Verzweifelter, unheilbar unfähig, sein Leben zu beherrschen. So selbstbewusst wie duldend, so leidend wie ungebeugt Jennifer Sabel als Julie. „Wenn ich einen lieb, reut mich nichts“, bekennt sie. Sie hat Lilioms Verletzlichkeit erkannt. Julia Keiling profiliert die aggressive Eifersucht der Frau Muskat. Dazu ist sie präsent mit kommentierenden Songs, von verpasster Chance oder „Rien ne va plus“, von Stefan Paul Goetsch stimmig komponiert. Und Friedemann Braun lässt mit der Bühnenorgel aufhorchen. Ein greller Typ der Ganove Ficsur von Andreas Anke.

Im Schatten der eruptiven Konflikte und des Absturzes aber drängt Untertext ins Spiel: Warum hält Liebe Schläge aus, wie weit und frei kann ein Leben geändert, selbstbestimmt werden, wie haltbar ist Glück, hängt es von Geld ab? Kaum noch zu glauben: Molnár meinte, bei „Liliom“ sollten wir „staunen, träumen.“ Hier werden wir wach und berührt zum Nachsinnen über das Menschliche.

Weitere Vorstellungen: am  26. März um 18 Uhr,  8. April um 19.30 Uhr, 7. Mai um 15 Uhr sowie 26. Mai und 9. Juni  jeweils 19.30 Uhr im Großen Haus. Kartentelefon: 0385 53 00–123
 

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