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Mecklenburg-Vorpommern

04. Dezember 2016 | 04:56 Uhr

Aus dem Gerichtssaal : Politiker hat Messerattacke vorgegaukelt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Prozess gegen früheren Linkspolitiker wegen Vortäuschens eines Überfalls durch Rechtsradikale

Zehn Monate nachdem er angeblich von Rechtsradikalen überfallen und verletzt wurde, muss sich eine frühere regionale Nachwuchshoffnung der Linkspartei heute vor dem Schweriner Amtsgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 19-Jährigen vor, den Überfall vorgetäuscht zu haben. Die Behauptung von Julian K. hatte bundesweit Wellen geschlagen. Selbst Bundespolitiker wie der Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch, sprachen von einem politisch motivierten Angriff, machten indirekt den „menschenverachtenden Rechtsextremismus“ verantwortlich oder vermuteten, Grund für den Angriff sei das Engagement von K. in der Flüchtlingshilfe gewesen. Allerdings kamen bereits wenige Tage danach Zweifel an Julian K.s Geschichte auf. Der Student behauptete Anfang Januar, drei unbekannte Angreifer in für die rechte Szene typischer Kleidung hätten ihn in der Nähe des Bahnhofs in Wismar mit einem Messer attackiert, zu Boden geworfen und als „schwule Kommunistensau“ beschimpft. 17 Stich- und Schnittwunden habe er davongetragen, die er im Krankenhaus behandeln ließ. Nur dank seines dicken Mantels habe er keine schwereren Verletzungen erlitten.

Allerdings meldete sich der Verletzte nicht sofort bei der Polizei. Dazu sei er zu geschockt gewesen, behauptete er. Erst einen Tag später zeigte er die vermeintliche Tat über die Internetseite der Polizei an. Für die Ermittler war er jedoch vorerst nicht zu erreichen. Der Polizei sei wertvolle Fahndungszeit entgangen, bedauerte eine Sprecherin.

Als die Beamten endlich Kontakt zu K. bekamen, verwickelte er sich in Widersprüche. Auch konnte er den „rettenden“ Mantel nicht vorweisen, weil dieser angeblich gestohlen worden war. Gravierender für die wachsenden Zweifel war jedoch die Untersuchung der Wunden durch einen Rechtsmediziner. Der kam zu dem Schluss, dass die Verletzungen nicht mit dem behaupteten Verlauf des Überfalles in Übereinstimmung zu bringen waren.

Kurz nach seiner Anzeige ließ K. über den Kreisverband der Linken verbreiten: „Wir dürfen auf solche Attacken nicht mit Radikalisierung antworten. Unsere Antwort auf Hass muss Liebe, auf Dummheit Vernunft und auf Gewalt Solidarität sein.“ Inzwischen ist K. aus der Linkspartei ausgetreten.

Gegenüber der Staatsanwaltschaft hielt er bis in den Spätsommer an seiner Version fest. Inzwischen ist er davon anscheinend abgewichen. Er habe sich gegenüber den Ermittlern „eingelassen“, heißt es, was auf ein Geständnis hinweisen könnte. Dafür spricht auch, dass das Gericht keine Zeugen geladen hat, die darlegen könnten, woran zu erkennen wäre, dass K. sich die Wunden selbst zugefügt hat. Außerdem hat der Jugendrichter für den Prozess nicht einmal eine Stunde eingeplant. Mit einer schwierigen Beweisführung rechnet er offenbar nicht.

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erstellt am 08.Nov.2016 | 06:00 Uhr

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