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Politik MV

09. Dezember 2016 | 08:47 Uhr

Harald Ringstorff : Wie Merkel beinahe zur SPD kam

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Langjähriger SPD-Ministerpräsident Harald Ringstorff spricht über Rolle der SDP während der friedlichen Revolution in der DDR

Harald Ringstorff weiß, während der friedlichen Revolution in der DDR öffneten sich viele neue Wege. Oft hing es von Kleinigkeiten ab, welcher eingeschlagen wurde. „Möglicherweise wäre Angela Merkel Sozialdemokratin geworden“, sinnierte Mecklenburg-Vorpommerns langjähriger SPD-Ministerpräsident bei einer Ausstellungseröffnung am Mittwoch in Parchim.

Die heutige CDU-Bundeskanzlerin habe ihm selbst erzählt, sich 1989 nach einer Mitgliedschaft in der SDP, wie die neue DDR-SPD anfangs hieß, erkundigt zu haben. Die allzu kritischen Fragen von SDP-Gründungsmitglied Angelika Barbe nach ihrer Rolle in der DDR hätten Merkel abgeschreckt, berichtete Ringstorff. Merkel landete beim „Demokratischen Aufbruch“, der in der CDU aufging. „Vielleicht ist Merkel ja so gestrickt, dass sie in jedem System Karriere machen kann“, stichelte Ringstorff gegen die Kanzlerin.

Verbürgt ist, dass Merkel in Berlin eine SDP-Veranstaltung mit Angelika Barbe besuchte. An ein Partei-Aufnahmegespräch mit Merkel kann sich Barbe jedoch nicht erinnern. „Aber kritische Fragen hätte ich bestimmt gestellt“, so Barbe gegenüber unserer Redaktion.

Ringstorff sprach zur Eröffnung der Ausstellung „Wir haben die Machtfrage gestellt!“, mit der der SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Junge in der Langen Straße sein Wahlkreisbüro einweihte. Die Ausstellung dreht sich um die Rolle der SDP während der friedlichen Revolution. Mecklenburg-Vorpommern spielte dabei durchaus eine Rolle. Beim Pfarrer Markus Meckel in Vipperow zum Beispiel traf sich der Friedenskreis, einem Treffpunkt für Bürgerrechtler und spätere SPD-Gründer.

Ringstorff ärgert immer noch, dass die Bundesbürger so wenig wissen, unter welchen schwierigen Bedingungen Oppositionsarbeit in der DDR stattfand. Aber bei ihm grummelt es auch, wenn er an die Wahlniederlagen der vorher so siegessicheren Sozialdemokraten im Jahr 1990 denkt. Mit ehemaligen SED-Geldern sei die CDU unterstützt worden, berichtete Ringstorff. Auch habe die CDU die damalige Bauernpartei geschluckt, die Ringstorff immer noch „Bauern-SED“ nennt. So habe die CDU auf dem Land besser für sich werben können.

Ringstorff, der als Ministerpräsident 1998 die deutschlandweit erste Koalition mit der SED-Nachfolgepartei PDS einging, war auch sechs Jahre nach seinem Rücktritt kaum zu altersmilden politischen Anekdoten aufgelegt. Nur eine musste er doch loswerden. In der Wendezeit habe er mit seiner Kreissäge Holzlatten gesägt, mit denen auf den Demonstrationen die Transparente mit den politischen Forderungen hochgehalten wurden. Mit derselben Kreissäge habe er sich, so Ringstorff, 1994 eine Fingerkuppe abgesägt. Mit dickem Verband erschien er in Schwerin zu den damaligen Koalitionsverhandlungen. Mit Merkels CDU.


von Andreas Frost

 

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