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Politik MV

29. September 2016 | 05:19 Uhr

Interaktive Karte: Einfluss der EU in Deutschland : Genormter Brotaufstrich zum Frühstück

vom

Von der „Eier-Deklaration“ bis zu Harry Potter: So bestimmt die EU unseren Alltag. 50 Prozent aller deutschen Gesetze basieren bereits auf Vorgaben aus Brüssel

Brüssel als Zentrum der Europäischen Union ist weit weg – vor allem emotional. Dabei betreffen uns die Entscheidungen der Kommission täglich.

Schon jetzt basiert die Hälfte aller in Deutschland erlassener Gesetze auf Vorgaben aus Brüssel. Im Bereich der Wirtschaft und des Binnenmarktes sogar 80 Prozent. Da wundert es kaum, dass das Gesetzbuch der Europäischen Union (Acquis Communitaire) schon über 85 000 Seiten dick ist. Offenbar gibt es kaum ein Problem, für das sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und seine Kommissare nicht zuständig fühlen. Inzwischen wird ihnen sogar eine wahre „Normierungswut“ vorgeworfen – verständlich.

Denn so ein Tag mit der EU ist durchgetaktet. Fast jede Minute bestimmt die Kommission mit, wie wir unser Leben leben – und ruft des öfteren Kopfschütteln hervor. Wie stark die EU in unseren Alltag eingreift, hat Volontärin Viviane Offenwanger zusammengetragen.

6.30 Uhr Aufstehen

Mein Tag auf den Spuren der Europäischen Union beginnt früh – zu früh für meinen Geschmack. Schuld daran ist, wie sich herausstellt, die EU. Sie klaut mir jedes Jahr im Sommer eine volle Stunde Schlaf.

Mitte der 1970er-Jahre wurde die Sommerzeit von den damaligen Mitgliedern der Europäischen Gemeinschaft beschlossen. Seit 1980 werden die Uhren Ende März und dann wieder im Herbst umgestellt. Es ist also nicht die lange Nacht vorm Fernseher schuld daran, dass ich morgens nicht ausgeschlafen genug bin, sondern Europa.

7 Uhr Frühstück

Auf den Schock vom Wecker gönne ich mir erstmal Frühstück. Wer ein echter Mecklenburger sein will, bevorzugt Marmelade auf dem Brot – schön dick aufgetragen versteht sich. Ein ganzes Sortiment steht auf dem Tisch – Erdbeere, Kirsche, Blutorange und mehr. Doch überall steht etwas anderes drauf: Marmelade, Konfitüre, Fruchtaufstrich? Auch da hat die EU ihre Finger im Spiel – um genauer zu sein, die Briten. Sie sorgten dafür, dass nur noch Fruchtaufstrich Marmelade heißen darf, der ausschließlich aus Zitrusfrüchten besteht. Erdbeermarmelade wird also Konfitüre – macht geschmacklich aber zum Glück keinen Unterschied.

7.30 Uhr Körperpflege

Die EU möchte, dass wir alle Wasser sparen – ich am allermeisten, denn ich bade täglich und bin auch sonst nicht gerade ein Wassersparer. Geregelt hat Europa unter anderem den Wasserverbrauch von Duschköpfen und Klospülungen. Eigentlich eine gute Idee, doch die ist teilweise kontraproduktiv.

Schon heute verbrauchen deutsche Haushalte 20 Prozent weniger Wasser als 1990. Das stellt die Kanalisation vor ein Problem. Sie ist für einen größeren Verbrauch ausgelegt – Ablagerungen drohen. Mancherorts müssen die Rohre durchgespült werden, um das zu verhindern. Demnach ist es gut, dass ich jeden Morgen etwas mehr Wasser verbrauche als gewünscht?

8.15 Uhr Auf zur Arbeit

Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich ab und zu beim Bäcker vorbei, um mir einen Kaffee zu holen. Öffne ich mein Portemonnaie, finde ich dort die wohl offensichtlichsten Vertreter der EU – die Euro-Scheine und -Münzen. Sie wissen schon. Die, von dem am Monatsende immer zu wenige da sind.

Durch den Vertrag von Maastricht 1992/93 auf den Weg gebracht und 1999 als offizielles Zahlungsmittel eingeführt, begegnet mir der Euro jeden Tag. Zudem brauche ich dank ihm kommende Woche kein Geld mehr umzutauschen, wenn ich Urlaub im europäischen Ausland mache.

12.30 Uhr Mittagszeit

Kaum etwas gearbeitet, schon ist wieder Mittag. Heute ist es voll in der Kantine, denn es gibt Pizza! Margerhita, um genau zu sein. Wie die aussieht und schmeckt, weiß hier jeder – doch wie genau die Herstellung von der Europäischen Kommission reglementiert wurde, nicht.

 In der Verordnung 97/2010 wurde festgelegt, wie eine Pizza Margherita aussehen und hergestellt werden muss. Für die Backtechnik erlässt Brüssel präzise Vorschriften: „Der Pizzabäcker schiebt die belegte Pizza mit Hilfe von etwas Mehl mit einer Drehbewegung auf einen Holz- oder Aluminiumschieber, dann lässt er sie mit einer schnellen Bewegung des Handgelenks auf die Ofensohle gleiten, ohne dass der Belag überschwappt. (...) Das geschieht mit einem Ruck, wobei der Schieber in einem Winkel von 20 bis 25 Grad zum Ofenboden gehalten wird.“ Ganz schön aufwändig... Gut, dass ich meine Pizza nicht alleine backen muss. Eine normierte Margherita darf übrigens maximal vier Zentimeter dünn sein und einen Durchmesser von höchstens 35 Zentimetern haben.

19 Uhr Einkaufen

Nach der Arbeit will ich noch kurz einkaufen. Heute Abend soll es ein Chili geben. Im Supermarkt bekomme ich dafür alle Produkte – auch die, die nicht in Deutschland hergestellt werden. Ich kaufe spanische Chorizo, Tomaten aus Portugal und zum Abrunden einen französischen Wein. Das wäre ohne die EU viel teurer. Die freien Handelsbestimmungen sorgen dafür, dass die Einfuhr von Waren nicht unnötig versteuert wird. Daumen hoch dafür.

20.15 Uhr Feierabend

Eigentlich dachte ich, mein Europatag geht nun zu Ende, doch das stimmt so nicht. Während ich mich über die viele Werbung beim 20.15 Uhr Film aufrege, versucht mein Freund mich zu beschwichtigen. Die dauernden Werbeunterbrechungen im TV würden auch die Europäische Kommission nerven. Daher haben sie die Werbung bereits auf zwölf Minuten pro Stunde reduziert. Immer noch zu viel, grummle ich in mich hinein.

Dann fällt mein Blick auf das prall gefüllte Bücherregal neben mir. Die Europäische Kommission hat dafür gesorgt, dass ich viele meiner Bücher auf Deutsch lesen kann – wie beispielsweise Harry Potter. Denn in den letzten zehn Jahren subventionierte die EU die Übersetzung von rund 10 000 Büchern – zugunsten der kulturellen Vielfalt.

23 Uhr Zeit fürs Bett

Eigentlich ist schon Schlafenszeit, doch der gute Wein hat sein übriges getan. Romantisches Knistern liegt in der Luft. Und auch in unseren privatesten Stunden sind wir nicht ohne Europa... Selbst bei der Größe, Dehnbarkeit und dem Füllvolumen von Kondomen will sie mitreden. Diese Normen stammen ursprünglich aus dem Jahr 1993 und waren für medizinische Vorrichtungen gedacht – veraltet scheinen sie trotzdem noch nicht zu sein.

Schließlich gehen wir dann doch schlafen. Unter dänischen Daunen – die garantiert nicht lebendem Federvieh ausgerupft worden sind. Denn auch hier gibt es strenge Vorschriften. Dann kann ich ja süß von EU-Richtlinien und Verordnungen träumen...

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erstellt am 15.Sep.2016 | 11:45 Uhr

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