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Politik MV

27. Juli 2016 | 19:17 Uhr

Bildung MV : Englisch opfern für besseres Deutsch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bildungsminister zieht Konsequenzen aus Bildungsdefiziten. Grundschüler in MV sollen zu Pisa-Vorreitern aufschließen.

Bemerkenswerte Erkenntnis 25 Jahre nach der  Wiedervereinigung: Im DDR-Schulsystem war nicht alles schlecht. Nach der Wende wurde ein bis dahin verbindlicher Mindestwortschatz, der im gesamten Land galt, abgeschafft. Heute beklagen zahlreiche Lehrkräfte aus Grund- und weiterführenden Schulen  eine deutlich geringere Rechtschreibkompetenz als noch zu DDR-Zeiten, auch wenn  Testergebnisse etwa bei den „Vera-Studien“ sich verbessert haben. Beim deutschen Pisa-Siegern  Bayern gibt es  bis heute zur Sicherung eines einheitlichen und hohen Bildungsstandards  einen  verbindlichen Mindestwortschatz. 

Heute werden die Landtagsabgeordneten über einen Prüfauftrag ans Bildungsministerium entscheiden,  mehr Deutschunterricht an Grundschulen zu ermöglichen – zu- lasten des im Bundesvergleich überdimensionierten Englisch-Unterrichts.  Begründung: „Nur wer die deutsche Sprache in Wort und Schrift sicher beherrscht, ist imstande, Inhalte zu durchdringen und Wissen eigenständig zu erarbeiten.“ Das ist offenbar nicht der Fall. Die Rahmenpläne für viele Fächer geben so abstrakte Kompetenz-Lernziele vor, dass sie  geradezu beliebig mit Inhalten gefüllt werden können - und zwar von jeder Schule nach eigenem Ermessen. Ergebnis: Grundschüler aus MV  erzielen zwar bei  Rechtschreibleistungen  in Vergleichsstudien bessere Leistungen als der Bundesdurchschnitt. Dennoch verfügten viele Schüler „nicht über das Mindestmaß an Kompetenz, das für den Besuch einer weiterführenden Schule notwendig ist“, so die Bildungspolitiker. Überzogen formuliert:  Es ist ein Unterschied, ob die geforderte Kompetenz „Lesen“ mithilfe eines Dieter-Bohlen-Textes oder  eines Thomas-Mann-Aufsatzes  erworben wurde.

Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) will nun verbindlichere Vorgaben in die Rahmenpläne  schreiben,  etwa dazu,   anhand welcher Inhalte Kompetenzen geschult werden sollen. Sachkunde-Themen könnten durchaus mit Deutsch-Aufgaben verknüpft werden, zumal  beide Fächer meist dieselben  Lehrer unterrichten. Und die Stundenzahl für Deutsch will Brodkorb nochmals erhöhen. Denn beschlossen war bereits, dass in den Klassenstufen 1 bis 4 je eine Stunde  Deutsch hinzukommt – zulasten einer Stunde Sachkunde. Nun soll darüber hinaus in den Klassenstufen 3 und 4 je eine Stunde hinzukommen, zulasten des Englischunterrichts. „So erhält jeder Schüler sechs  Deutschstunden mehr im Laufe seiner Grundschulzeit“, freut sich Brodkorb.  Zur Absicherung seiner Entscheidung befragte er  2084 Lehrkräfte an 224 Grundschulen. Das Ergebnis ist eindeutig: Vier von fünf Lehrern befürworten den Plan, selbst wenn er zulasten der Fremdsprache geht. Sogar die Englisch-Fachlehrer sind, zwar  knapp, aber mehrheitlich dafür. Rund 77 Prozent aller Grundschulkräfte und 84 Prozent der Grundschulen nahmen teil. Brodkorb hat sich schon entschieden, obgleich der Landtags-Antrag  ihm zunächst nur einen Prüfauftrag erteilen will. „Ich habe meine Prüfung abgeschlossen“, sagte er. „Ich bin schließlich nicht klüger als 2000 Grundschullehrer.“ Mit Blick  auf  die Dauerdebatte zu vermeintlich neuen Bildungsansätzen merkt er an: „Vielleicht sollten wir häufiger auf die Praktiker hören, dann könnten wir uns manches modernistische Reförmchen sparen.“

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erstellt am 18.Nov.2015 | 19:02 Uhr

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