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Politik MV

29. Juli 2016 | 17:58 Uhr

25 Jahre MV : Das vergessene Jubiläum

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

An diesem Wochenende beginnen in Teterow die Feierlichkeiten zum Landesjubiläum. Offiziell wird MV 25 Jahre alt. Tatsächlich aber gab es das Land schon einmal. Ein Zeitzeuge erinnert sich.

200 Gramm Brot, 100 Gramm Nährmittel, 25 Gramm Zucker, 15 Gramm Fleisch, 10 Gramm Fett, 30 Gramm Marmelade – „das war in Mecklenburg-Vorpommern die Tagesration für Kinder bis 15 Jahre“, erinnert sich der Rostocker Lothar Borbe. Zu den Schätzen, die der 81-Jährige fast sein ganzes Leben lang aufbewahrt hat, gehört eine Lebensmittelkarte vom Februar 1946, ausgestellt vom Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. „Denn Mecklenburg-Vorpommern gab es schon einmal – wenn das Land jetzt sein 25-jähriges Gründungsjubiläum begeht, ist das genau genommen nicht richtig. Und es sollte unbedingt auch an diese Zeit vor 70 Jahren erinnert werden, denn aus dem Vergleich erkennt man erst recht, was sich alles entwickelt hat.“

In seinen Lebenserinnerungen, die Lothar Borbe unter dem Titel „an ELBE, MEMEL und KRAINKE“ auch als Buch herausgegeben hat, schreibt er dazu: „Der verlorene Krieg zog den Verlust weiter Teile des ehemaligen Deutschen Reiches nach sich. Viele Provinzen, wie Ostpreußen oder Schlesien, fielen ganz an fremde Staaten. Die Provinz Pommern wurde geteilt. Der größere Teil, Hinterpommern genannt, ging an Polen. Das kleinere, westlich der Oder gelegene Vorpommern, mit Ausnahme von Stettin und Swinemünde, wurde auf Befehl Nr. 5 des Chefs der SMAD (Sowjetische Militäradministration - d. R.) vom 9. Juli 1945 ,über die Bildung einer Landesverwaltung‘ dem Land Mecklenburg zugeschlagen. Dadurch rückte Mecklenburg zu den größten Landgewinnern dieses Krieges auf.“

Lothar Borbe war zu dieser Zeit elf Jahre alt. Er kam 1934 in Hamburg zur Welt. Zwei Jahre später ließen sich die Eltern scheiden, Lothar blieb beim Vater, der später wieder heiratete. Aus dieser Ehe stammen vier jüngere Halbgeschwister. Im Juli 1943 wurde die Familie ausgebombt, die Habe, die ihr blieb, fand in zwei Koffern Platz. Zuflucht fanden Borbes in Neuhaus/Elbe, genauer im Ortsteil Carrenzien, bei den Großeltern (stief-)mütterlicherseits.

Hier erlebte Lothar Borbe nicht nur das Kriegsende, sondern auch die Länderbildung – denn Neuhaus, bislang zum Landkreis Lüneburg in der Provinz Hannover gehörend, wurde ebenfalls dem neuen Land Mecklenburg-Vorpommern angegliedert. Hagenow wurde die zuständige Kreisstadt.

„Als Kinder bekamen wir davon aber nicht allzu viel mit“, erinnert sich Lothar Borbe. „Ausdrücke wie Preußen und Pommern durften nicht mehr benutzt werden“, weiß er aber noch.

Ganz kurz vor Kriegsende geriet Lothar Borbes Vater, der schon im Juni 1939 zur Wehrmacht eingezogen worden war, in Norditalien in Kriegsgefangenschaft – „das war am 1. Mai 1945, an dem Tag, als bei uns in Neuhaus die Amerikaner einrückten“. Erst 1948 sei der Vater wieder nach Hause gekommen.

Das Essen und die Nahrungsbeschaffung spielten in jener Zeit die wichtigste Rolle im Leben beinahe jeder Familie, „der Gedanke daran füllte jeden Augenblick“. In Deutschland herrschte schon seit Kriegsbeginn 1939 ununterbrochen ein Rationierungssystem. „Begonnen hatte es mit Lebensmittelmarken, Punktkarten, Bezugsscheinen.“ Nach Kriegsende lebte es weiter, „mit A-, B- und C-Karten, mit Grundkarte, Kinderkarte und Schwerarbeiterkarte“, so Lothar Borbe. Doch zum Glück hätte es auf dem Land noch andere Versorgungsquellen gegeben. Zusammen mit anderen Jungs hätte er Kühe gehütet – „dafür bekamen wir vom Bauern gut zu essen. Daher hatte ich nie Hunger – aber immer Appetit…“ Der hätte dazu geführt, dass die Jungen sogar Froschschenkel probierten. „Wir hatten von französischen Kriegsgefangenen gehört, dass man die bei ihnen zu Hause aß…“

Auch die Produkte des Waldes trugen zum Überleben bei. Im Sommer ging die ganze Familie „in die Bickbeeren“ – Blau- bzw. Heidelbeeren pflücken. Sie wurden später bei den Großbauern der Nachbardörfer gegen Lebensmittel eingetauscht. „Für zwei Pfund Bickbeeren gab es drei Eier, für zehn Pfund Beeren ein Pfund Butter“, erinnert sich Lothar Borbe. „Ein Wassereimer Bickbeeren ergab zum Beispiel ein großes Bauernbrot und ein Pfund Butter.“

Nicht nur 1945, sondern auch in den darauf folgenden Jahren „handelten“ Lothar Borbe und sein vier Jahre jüngerer Bruder Horst mit den Bauern in Sumte und Niendorf mit Bickbeeren.

Irgendwann in dieser Zeit, ab 1. März 1947 , verschwand das „Vorpommern“ auf Befehl der SMAD übrigens wieder aus dem Landesnamen. Erst seit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 und der damit verbundenen Länderbildung gibt es auch wieder ein Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Neuhaus/Elbe allerdings, der Ort, in dem Lothar Borbe Teile seiner Kindheit und Jugend verbrachte, gehörte nur noch kurze Zeit dazu. Seit 30. Juni 1993 gehört die Gemeinde zum Land Niedersachsen.

Drei der Borbe-Geschwister blieben in Neuhaus/Elbe. Lothar zog es von Kindheit an zur See, über den Umweg der „Volkspolizei Marine“ kam er zur Handelsmarine der DDR und zur Deutschen Seerederei. Seitdem ist Rostock seine Heimatstadt. Hier, mitten in Mecklenburg-Vorpommern, lebt Lothar Borbe bis heute.

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erstellt am 16.Mai.2015 | 12:00 Uhr

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