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Politik MV

27. August 2016 | 03:14 Uhr

Messerattacke in Wismar : „Angriff galt der Gesellschaft“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Linkspolitiker Julian Kinzel über die Messerattacke gegen ihn in Wismar. Dicke Jacke verhinderte möglicherweise Schlimmeres

Bestürzung und Wut über Parteigrenzen hinweg: „Ich verurteile diese Tat zutiefst – Gewalt darf nie Mittel politischer Auseinandersetzung sein“, sagte gestern der Wismarer Bürgermeister Thomas Beyer. Die Bundesvorsitzende der Linken , Katja Kipping, schrieb auf Twitter: „Der #Messerangriff ist abscheulich und auch ein Angriff auf die Demokratie. Gute Besserung, lieber Julian!“ Auch Jürgen Suhr, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, verurteilte den Angriff: „Ich bin schockiert und fassungslos über diese neue Eskalationsstufe der Gewalt.“

Die Schweriner Linke hatte gemeldet, dass Julian Kinzel, Mitglied ihres Kreisvorstandes, am Montagnachmittag am Wismarer Bahnhof von drei bislang Unbekannten niedergeschlagen und durch 17 Messerstiche und -schnitte verletzt worden sei.

„Der Angriff kam für mich völlig überraschend“, sagte Kinzel gestern gegenüber unserer Redaktion. Der 18-Jährige, der auch Sprecher der linken Jugendorganisation solid in der Landeshauptstadt ist, war am Wismarer Bahnhof unterwegs gewesen, als ihm drei unbekannte Männer entgegenkamen. Plötzlich habe einer von ihnen Kinzel unvermittelt in den Bauch geschlagen und ein zweiter mit einem Messer zugestochen. „Dabei beschimpften diese mich als schwule Kommunistensau und Zecke“, so der Schweriner, der in Wismar studiert. Weil der Messerstecher zudem Kleidungsstücke des bei Rechtsextremen beliebten Modelabels Thor Steiner getragen habe, geht Kinzel von einem politisch motivierten Angriff aus. „Möglich, dass mich die Angreifer früher bei politischen Aktionen gesehen hatten“, sagte er. Bei zahlreichen fremdenfeindlichen Kundgebungen etwa von „Wismar wehrt sich“ oder „Schwerin wehrt sich“ habe er sich an Gegendemonstrationen beteiligt.

Als Zeugen am Tatort erschienen, hätten die Täter von ihrem Opfer abgelassen und seien geflohen. Unter Schock sei er in seine Studentenwohnung zurückgekehrt und anschließend zum Krankenhaus gegangen. Die dicke Winterjacke habe ihn glücklicherweise vor lebensgefährlichen Verletzungen geschützt. „Im Sommer wäre die Sache wesentlich übler ausgegangen“, meinte der Student. Dennoch hätten die Ärzte 17 Wunden, insbesondere am Arm und im Brustbereich, festgestellt und diese versorgt. Dabei sei festgestellt worden, dass bei der Attacke keine Sehnen durchtrennt wurden. Noch am späten Montagabend konnte der Student das Krankenhaus wieder verlassen. „Nur der Arm fühlt sich noch komisch taub an“, postete Kinzel gestern auf Facebook.

Wie eine Sprecherin des Rostocker Polizeipräsidiums bestätigte, hatte das Opfer erst am Dienstag eine Strafanzeige online gestellt. „Das erschwert die Ermittlungen ungemein“, so die Sprecherin. Gegenüber unserer Redaktion sagte Kinzel: „Ich stand nach dem Angriff unter Schock und handelte nicht richtig.“ Auf der Online-Anzeige hatte er zudem seine Schweriner Festnetznummer als Kontaktmöglichkeit für die Polizei angegeben. Der Student befand sich gestern aber in Wismar. Am Abend kam es endlich zum Kontakt mit der Kripo. Die erste Vernehmung in der Schweriner Kriminalpolizeiinspektion findet heute statt.

Der Linkspolitiker mahnt zu besonnenen Reaktionen. In einer in Schwerin verbreiteten Erklärung äußerte er die Überzeugung, dass auf solche Attacken nicht mit Radikalisierung geantwortet werden dürfe. „Unsere Antwort auf Hass muss Liebe, auf Dummheit Vernunft und auf Gewalt Solidarität sein.“ Kinzel versichert, er hätte nie zuvor Streit mit den Tätern gehabt. „Der Angriff galt der Gesellschaft, die wir vertreten“, sagte er. In den vergangenen Monaten hatte es mehrfach rechtsextreme Übergriffe in Wismar gegeben.

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erstellt am 06.Jan.2016 | 21:00 Uhr

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