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Politik MV

10. Dezember 2016 | 21:25 Uhr

"MV für alle" & MVgida in Schwerin, Rostock, Stralsund : Als das Schloss dunkel wurde

vom

In der Landeshauptstadt ist der Alte Garten Ausgangspunkt für die Demonstrationen, auch in Rostock und Stralsund sind es Tausende. Insgesamt acht Mal mehr, als zu der MV-Premiere des Pegida-Ableger Mvgida kamen.

18.30 Uhr   breitete sich Dunkelheit über die großen Gebäude der Schweriner Innenstadt aus. Aus Protest gegen die erste Kundgebung von  Pegida-Ableger Mvgida (Mecklenburg-Vorpommern gegen die Islamisierung des Abendlandes) wurden die Lichter an Schloss, Theater, Museum, und anderen Einrichtungen bis 20 Uhr abgeschaltet. „Als Symbol zum Nachdenken und gegen die Ausgrenzung von Flüchtlingen“,  begründete ein Sprecher der Bischofskanzlei Schwerin die Verdunklungsaktion, der sich auch alle Kirchen der Stadt und der Dom angeschlossen hatten. Im Schloss waren nur Flur und Büros der NPD-Fraktion unter dem Dach demonstrativ hell erleuchtet.

Mvgida hatte für 18.30 Uhr an der Schweriner Siegessäule zur Kundgebung gegen eine angebliche Islamisierung  Europas  aufgerufen. Besondere Brisanz bekam die Aufruf durch die islamistischen Terroranschläge der vergangenen Woche in Paris, die die Welt erschütterten. 

Immerhin 300 Anhänger kamen zur Kundgebung trotz Regenwetters. Eine ähnliche Demonstration in Rostock, die ebenfalls für gestern vom Ableger  Rogida angemeldet worden war, hatten die Veranstalter  Anfang  vergangener Woche abgesagt. Eine Begründung dafür nannten sie nicht. So blieb Schwerin neben Stralsund gestern einziger Veranstaltungsort der Pegida-Ableger im Nordosten. Die Folge: Zahlreiche Rostocker machten sich auf den Weg nach Schwerin um Mvgida oder die Gegendemonstranten zu unterstützen.

„Lügenpresse auf die Fresse“, skandierten die Mvgida-Anhänger schon zu Beginn. Auf Transparenten forderten sie „Asylbetrug stoppen – Heimat und Identität wahren“ oder behaupteten „Fernsehen und Presse lügen“.

Mitten unter den meist jungen männlichen Demonstranten stand  NPD-Landesvorsitzender Stefan Köster, die Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen. Auch der bundesweit bekannte Neonazi-Funktionär Thomas „Steiner“ Wulff aus Hamburg war unter den Demonstranten. 

Ein 52-jähriger Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte, sagte über die Gründe seines Kommens: „Die Politik belügt und verarscht uns. Jetzt wird es Zeit, sich dagegen aufzulehnen.“ Deutschland habe zu viele Asylbewerber. Andere, die gefragt wurden, drehten sich um und sagten nichts. Der Marsch durch die Innenstadt, von ihnen selbst als „Spaziergang“ bezeichnet, führte nicht wie geplant durch die Schlossstraße, weil Gegendemonstranten den Bereich  vor der Staatskanzlei blockiert hatten. 

Der Block nahm unter den Rufen „Wir sind das Volk“  den Umweg über die Geschwister-Scholl-Straße zum Markt.  Das rot-grüne Lager betreibe „einen Faschismus  gegen das eigene Volk“, brüllte einer der Sprecher des Demonstrationszuges.

Zahlenmäßig weit mächtiger als die Mvgida-Kundgebung an der Siegessäule war die Gegendemonstration in Ruf- und Hörweite auf dem benachbarten  Alten Garten.  1600 Teilnehmer  protestierten  für ein  weltoffenes Mecklenburg-Vorpommern.  Gerechnet hatten die Veranstalter mit 450 Teilnehmern. Zum Gegenprotest hatten Landesjugendring, Gewerkschaften, Parteien, Kirchen und Schwegdida (Schweriner gegen die Idiotisierung des Abendlandes) – eine Persiflage auf die Pegida-Bewegung –  aufgerufen.   Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD), Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke) und Landtagsabgeordnete aller demokratischen Parteien nahmen an der Kundgebung teil. Am Rande der Gegendemonstration, nur durch die Straße und durch einige Züge Bereitschaftspolizei von den Mvgida-Demonstranten getrennt brachten sich  etwa 100 Antifaschisten in Position.

Michaela Skott, Kopf von Schwegdida: „Ja, es gibt Unzufriedenheit und Ängste. Ja, es ist nicht alles super und wunderbar.  Aber müssen wir unsere berechtigte Gesellschaftskritik den Extremen überlassen?“  Auf der Rednerbühne forderte der Rostocker Philosoph, Carlo Ihde, die Mvgida-Anhänger zum Dialog auf: „Kommen Sie rüber, reden Sie mit uns.“ An der Siegessäule wurden gerade Trillerpfeifen verteilt. Mit einfachen Worten könne man komplexe Dinge nicht erklären, so Ihde.

Gottfried Richter, Schauspieler am Schweriner Staatstheater sprach den Demonstranten an der Siegessäule das Recht ab,  sich mit der Bürgerbewegung des Herbstes 1989 zu vergleichen. „Ihr seid keine Freiheitsbewegung, ihr seid eine Schande“, rief er.

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erstellt am 12.Jan.2015 | 18:13 Uhr

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