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Panorama MV

27. Juli 2016 | 15:29 Uhr

Kindesentführung : „Sie hat ihn mir einfach weggenommen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein Schweriner Vater kämpft um seinen Sohn, den die Mutter in ihre Heimat entführt hat – nach Peru

11014 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Schwerin und der südperuanischen Metropole Arequipa. 11 014 Kilometer trennen Martin Michael* von seinem Sohn Luis*. In den letzten drei Monaten haben beide nur dreimal kurz miteinander telefonieren können, nie war der Junge dabei allein.

Am 25. Oktober vergangenen Jahres, einem Sonntag, hat der Vater den Siebenjährigen zum letzten Mal gesehen. Beide hatten zusammen die Herbstferien verbracht, waren in Rügen auf dem Baumwipfelpfad und in Billund im Legoland. Dann brachte Martin Michael den Jungen zurück zu seiner Ex-Frau Liliana* nach Hamburg. „Ich hol dich in 14 Tagen wieder ab“, habe er Luis noch gesagt, dem der Abschied wie immer sichtlich schwer fiel, erinnert sich der Vater ganz genau. Der elterliche Umgang sei nach vielen gerichtlichen Auseinandersetzungen so geregelt worden, dass er das Kind an jedem zweiten Wochenende und jeweils in der Hälfte der Ferien bei sich hat. Geregelt sei auch, dass Vater und Sohn an jedem Mittwoch und an den Sonntagen, an denen sie sich nicht sehen, miteinander telefonieren dürfen. Doch am Mittwoch nach den gemeinsamen Herbstferien ging der Ruf ins Leere. Auch am Sonntag hob in Hamburg niemand ab. Daraufhin rief Martin Michael am Montagmorgen in Luis’ Schule an. Sein Sohn fehlte unentschuldigt. Auch am nächsten Tag…

Heute weiß Martin Michael: Am 27. Oktober, vier Tage vor dem Ende der Hamburger Herbstferien, war Liliana mit Luis und seinem kleinen Bruder, den sie von ihrem neuen Partner hat, in ihre Heimat, nach Peru, geflogen. Kindesentziehung ist der juristische Begriff dafür. „Sie hat ihn mir einfach weggenommen“, sagt Martin Michael.

Kennengelernt hatte der Schweriner seine spätere Frau vor beinahe zehn Jahren über das Internet. „Wir haben zum Teil nächtelang geskypt“, erinnert sich der heute 43-Jährige. Gleich im ersten Jahr sei er zweimal nach Südamerika geflogen – um sie kennenzulernen und die Umstände, unter denen sie lebte. Im Jahr darauf kam Liliana erstmals nach Deutschland – „und spätestens da war für uns klar, dass wir zusammenleben wollten“. Als das Paar am 31. August 2007 heiratete, war Luis bereits unterwegs.

„Wo die Liebe hinfällt, da schlägt sie krachend auf“, sagt Martin Michael leise, wenn er sich an diese Zeit erinnert – und ein wehmütiges Lächeln zieht über sein Gesicht. Liliana hätte damals sofort einen Integrationskurs besucht. Seine Eltern hätten ihr dabei geholfen, die deutsche Sprache zu erlernen, denn sie wollte so schnell wie möglich auch hier in ihrem Beruf als Erzieherin arbeiten. Alles hätte nicht besser laufen können.

Blickt Martin Michael heute zurück, muss er zugeben, dass schon in jenen Monaten nicht alles gut lief. Die Stimmungen seiner Frau schwankten, sie war teilweise aggressiv, manchmal sogar gewalttätig, habe dann nach ihm getreten, ihn geschlagen. Er habe das auf hormonelle Probleme durch die Schwangerschaft geschoben, auf die Trennung von ihrer Familie, die ihr zu schaffen machte, ganz allgemein auf ihr südamerikanisches Temperament. Er hätte gehofft, dass nach der Geburt alles besser würde – doch das Gegenteil war der Fall.

Martin Michael bleibt sachlich, wenn er davon spricht, wie seine Frau immer wieder die Hand gegen ihn erhob. Wie er auszog – und dann doch wieder zurückkehrte. Wie sie sich noch einmal zusammenrauften, auch als Familie noch einmal nach Peru flogen – und er dann schließlich doch vor den Scherben seiner Ehe stand. Selbst, wenn er erzählt, dass die Misshandlungen seiner Frau sich nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen den gemeinsamen Sohn richteten, zwingt der Vater sich zur Ruhe. Gefasst erzählt er von Stürzen vom Wickeltisch und aus dem Kinderstuhl, die sich immer dann ereigneten, wenn er aus beruflichen Gründen nicht zu Hause war. Später entdeckte er an seinem Sohn auch immer wieder Blutergüsse, die auf Misshandlungen hindeuteten.

Dass seine Frau offenkundig auch gegen Luis handgreiflich wurde, war für Martin Michael der letzte Anstoß zur endgültigen Trennung. Und die war der Anfang für einen bis heute währenden Streit um den Jungen. Dabei wollte Martin Michael seinen Sohn – anders als seine ExFrau – nie für sich allein. „Ein Kind braucht beide Eltern“, betont der Schweriner. Selbst, wenn Luis ihm erzählt hätte, dass er die Mutti nicht mehr lieb hat, weil sie ihn haut, hätte er immer wieder versucht, ihm gut zuzureden: „Aber wenn sie dich nicht haut, dann hast du sie doch lieb…“

Er habe nie gegen geltendes Recht verstoßen, vor Gericht getroffene Vereinbarungen mit der Mutter seines Sohnes immer eingehalten, beteuert Martin Michael. Und doch muss er erleben, was, wie er inzwischen durch Vereine wie den „Väteraufbruch für Kinder“ weiß, das Schicksal vieler Männer ist: Jugendamtsmitarbeiter, Familienrichterinnen und -richter stellen sich auf die Seite der Frau, beschneiden seine Rechte als Vater immer mehr. Immer seltener darf er seinen Jungen sehen. Boykottiert die Mutter den Umgang, kommt sie ungeschoren davon. Zwar wird ihr 2012 noch gerichtlich untersagt, mit Luis nach Peru zu reisen – weil die Gefahr besteht, dass sie dem zu diesem Zeitpunkt auch sorgeberechtigten Vater das Kind entziehen könnte. Doch schon ein Jahr später wird der Mutter, die inzwischen nach Hamburg gezogen ist, das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht zugesprochen, schließlich sogar das alleinige Sorgerecht. Dabei hätte ein vom Gericht in Auftrag gegebenes kinderpsychologisches Gutachten ergeben, es sei für Luis das Beste, wenn er bei seinem Vater in seinem gewohnten sozialen Umfeld aufwachsen würde, erzählt Martin Michael. „Doch das wurde einfach unter den Tisch gekehrt.“ Wieder hätte man der Mutter Recht gegeben, „und das, obwohl sie sogar im Gerichtssaal völlig ausgerastet ist“.

Ein Polizist in Peru hat Martin Michael einmal erzählt, dass immer mehr junge Peruanerinnen sich Männer in den USA oder Europa suchen würden, von denen sie erst Kinder bekämen und später, nachdem sie sich wieder in die Heimat abgesetzt hätten, Unterhalt kassierten. Sollte das auch bei seiner Ex-Frau der Fall sein? Allein der Unterhalt, den der Beamte zahlen muss, würde schon reichen, um ihr in Peru ein angenehmes Leben zu bereiten. Und es gebe ja noch den Vater ihres zweiten Sohnes…

Von diesem Mann hat Martin Michael im Herbst erfahren, dass seine Ex-Frau sich in ihre Heimat abgesetzt hat. Der Bielefelder hat sogar noch schlechtere Karten, sein Kind wiederzusehen, denn das Paar war nicht verheiratet. Martin Michael hat im November letzten Jahres das alleinige Sorgerecht für seinen Sohn beantragt – für ihn die einzige Chance, den Jungen jemals wieder nach Deutschland zurückholen zu können. Denn solange das Sorgerecht seiner Ex-Frau zusteht, bekäme er in Peru keinerlei Rechtshilfe.

Seitdem liegt der Reisepass griffbereit auf der Flurgarderobe. Der Koffer steht gepackt im Schlafzimmer. „Meine Kollegen wissen Bescheid: Sowie ein Anruf oder ein Brief vom Gericht kommt, dass mir das Sorgerecht zugesprochen wurde, bin ich auf dem Weg nach Peru.“

Und wenn auch dieses Urteil zu Ungunsten des Vaters ausfällt? „Für diesen Fall haben mein Anwalt und ich schon eine Verfassungsbeschwerde vorbereitet“, erzählt Martin Michael. Und er hat auf seiner privaten Internetseite, auf der er in erster Linie über seine Radsport-Erlebnisse berichtet, eine Botschaft für Luis hinterlassen. „Damit er mich findet, wenn er mich irgendwann sucht. Schlimmstenfalls erst dann, wenn er erwachsen ist und ihm das niemand mehr verbieten kann…“

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erstellt am 16.Jan.2016 | 07:00 Uhr

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