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Panorama MV

27. September 2016 | 17:32 Uhr

Film „Die Störenfriede“ : „Das große Abenteuer unserer Kindheit“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ehemalige Kinderdarsteller erinnern sich an die Dreharbeiten zum Film „Die Störenfriede“ 1952 in Schwerin und Babelsberg.

Ein Film wird lange vor dem ersten Drehtag geboren. Also auch „Die Störenfriede“, der erste Kinderfilm der Defa in Farbe. Der zudem nur mit Schweriner Kindern in Schwerin gedreht wurde.

Als wir am 28. Februar 2015 in unserer Zeitung einen Aufruf starteten, um die ehemaligen Kinderdarsteller der „Störenfriede“ ausfindig zu machen, glühten in der darauffolgenden Woche die Redaktionstelefone, weil sich ältere Damen und Herren aus ganz Deutschland meldeten, die 1952 bei den Dreharbeiten in Schwerin und Babelsberg dabei waren oder als Statisten mitwirkten. Sogar aus Übersee bekamen wir eine E-Mail: „Nach dem Abdrehen des Films kam die Hauptdarstellerin Susanne Pleger 1954 in unsere 9A1 an die Goethe-Oberschule. Es dürfte etwa zwei Jahre später gewesen sein, als sie mit ihrer Familie in den Westen ging“, schrieb Peter Richter aus Killcare Heights, Australien.

Fast alle der ehemaligen Darsteller, die wir dann trafen oder mit denen wir telefonierten, damals 12, 13 Jahre alt, waren voller Geschichten über die Dreharbeiten im Jahr 1952, hatten Fotos aus jener Zeit aufbewahrt, Zeitungsausschnitte, Briefe und Honorarabrechnungen der Defa und sogar Filmschnipsel, die sie im Schneideraum stibitzt hatten.

Aus all diesen Gesprächen, Dokumenten, Erinnerungsfetzen, Fotos und Zeitungsartikeln, formte sich eine Geschichte, die vor mehr als 60 Jahren begann und die viele der Akteure im Rückblick als schönste Zeit ihrer Kindheit beschrieben haben.

Im Sommer 1952 waren die Vorarbeiten für den Film abgeschlossen. Wolfgang Kohlhaase, der „Die Störenfriede“ am Sonntag beim Filmkunstfest MV im Schweriner Capitol gemeinsam mit 20 ehemaligen „Störenfrieden“ präsentieren wird, hatte gemeinsam mit Hermann Werner Kubsch das Drehbuch geschrieben.

Regisseur Wolfgang Schleif kam nach Schwerin, um seine kleinen Darsteller zu finden. Da der Film in Schwerin spielte, sollten die Helden auch im Mecklenburger Dialekt reden. „Kinder aus den sechsten und siebenten Klassen aller Schweriner Schulen wurden ins Pionierhaus geschickt“, erinnert sich der Schweriner Günter Schöner (75). Schließlich wählte Regisseur Schleif 37 Kinder für größere und kleinere Rollen aus, auch Schöner. Alle Kinderschauspieler mussten in eine Villa in der Schlossstraße einziehen, wo sie für Wochen gemeinsam lebten und von zwei Privatlehrerinnen, Sportlehrer Herbert Schreier, der Heimleiterin und dem Küchenpersonal betreut wurden. Neun Stunden Nachtruhe waren Pflicht. „Um 19 Uhr gings ins Bett, denn wir mussten am nächsten Morgen um 6 Uhr zu den Aufnahmen“, so Schöner. „Das Schminken dauerte immer ewig. Abends beim Abschminken drängelten wir, jeder wollte als Erster fertig sein.“

Eine Völkerball-Szene auf dem Hof der Goetheschule am Pfaffenteich musste so lange wiederholt werden, dass sie schließlich erst nach vier Tage im Kasten war. Im Eifer des Spiels vergaßen die Kinder manchmal, dass die Hauptfigur Vera nicht abgeworfen werden durfte.

Die Gage betrug 200 Mark, 180 gingen gleich an die Eltern. Die Kinder bekamen alle fünf Tage zwei Mark Taschengeld. Ein Traum in jener Zeit.

Erika Klein, die mit ihren langen Zöpfen als Statistin auf dem Schulhof der Goetheschule flanieren musste, erinnert sich, dass die Kinder bei jeder Wiederholung der Sequenz eine neue Stulle bekamen und in den Pausen mit Pudding versorgt wurden.

Nach dem Sommer wurden die Dreharbeiten dann in den Babelsberger Defa-Studios fortgesetzt. Rosemarie Jancker (75) aus Schwerin zeigt den Brief der Defa: „Liebe Rosemarie! Am Donnerstag, den 28. August 1952 morgens um 8.00 Uhr fährt der Omnibus nach Berlin vom Hotel Niederländischer Hof ab… Ein Gemeinschaftsverpflegungsschein, Bettwäsche, warme Wäsche und ein Mantel sind mitzubringen.“ Die Kinder lebten nun für Monate in Ziegenhals bei Königs Wusterhausen.

Als Flüchtlingskind konnte sich Rosemarie Jancker mit ihrer Mutter und ohne Hab und Gut 1945 aus Stettin nach Schwerin retten. Da waren Defa-Honorar und freie Verpflegung mehr als willkommen. „Regisseur und Kameramann wohnten in Westberlin und verwöhnten uns Kinder außerdem mit Süßigkeiten.“

Auch in Babelsberg fiel der Unterricht nicht aus. Die Filmklasse blieb dann später in Schwerin ein weiteres Jahr als richtige Klasse zusammen.

Auch wenn Günter Schöner keine der beiden Hauptfiguren, die titelgebenden Störenfriede spielte, die immerzu den Unterricht stören und sich der Pionierdisziplin partout nicht unterordnen wollen, fiel einigen Jungs in der Jugendherberge in Ziegenhals genug Blödsinn ein. „Wir nahmen unser Taschengeld, fuhren nach Westberlin und tauschten es dort um, kauften Kaugummi und Wildwestromane.“ Bis Sportlehrer Schreier die „Schundlektüre“ bei einer Zimmerkontrolle gefunden und vor aller Augen zerrissen hat.

Eva Schumacher (77) aus Güstrow weiß noch genau, dass in den Babelsberger Studios parallel zu den „Störenfrieden“ „Der kleine Muck gedreht wurde; der Märchenfilm sollte der erfolgreichste Defa-Film aller Zeiten werden. So viel Erfolg war den „Störenfrieden“ nicht beschieden, obwohl der dritte Farbfilm der Defa mit 4,4 Millionen Zuschauern zu den erfolgreichsten Kinderfilmen der Defa zählt.

Die Kritiker beurteilten den ästhetischen Wert der „Störenfriede“ höchst unterschiedlich. Den einen fehlten „negative Helden“, anderen kam die Hauptfigur Vera „bisweilen etwas altklug vor“. Und die Regie könne „den Mangel an Abenteuerlichem im Drehbuch nicht überbrücken“. Der „film-dienst“ schrieb: „Didaktischer Kinderfilm aus der Hoch-Zeit des sozialistischen Realismus“.

Heutige Zuschauer mögen sich vor allem an den über 60 Jahre alten Aufnahmen des alten, nahezu unzerstörten Schwerin erfreuen oder über den Aufbau-Enthusiasmus der frühen DDR-Jahre den Kopf schütteln – etwa über ein Plakat am heutigen Café Röntgen: „Mit der Partei neuen Typus stärken wir den Aufbau des Sozialismus“.

Für die Schweriner Kinder allerdings waren die Monate der Dreharbeiten in Schwerin und Babelsberg, wie Erika Schrader aus Schwerin rückblickend schwärmt, „das große Abenteuer meiner Kindheit“.

Schauspieler ist niemand von den 37 Schweriner Kindern geworden. Einige leben nicht mehr, von anderen ist jede Spur verloren gegangen. Gerüchte kursieren. Manche Ehemalige sehen sich manchmal in der Stadt.

Ein Film ist auch nach dem letzten Drehtag nicht zu Ende. Vor allem dann nicht, wenn Geschichten von seiner Geburt bleiben.

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erstellt am 05.Mai.2015 | 11:30 Uhr

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