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Mecklenburg-Vorpommern

02. Dezember 2016 | 21:10 Uhr

„Flucht, Vertreibung, Neuanfang“ - Buch zur Serie : Nach Jahrzehnten die Schwester gefunden

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rita Meier aus Boddin und Karola Lünert aus Boizenburg haben über die SVZ-Serie „Flucht, Vertreibung, Neuanfang“ voneinander erfahren.

Rita Dannehl, geboren 1939 in Ostpreußen. Karola Dannehl, geboren 1949 in Mecklenburg. Es sind mehr als zehn Jahre und 1000 Kilometer, die dazwischenliegen. Es sind zwei ganze Leben, die sich erst jetzt, nach mehr als 60 Jahren, verbinden. Denn die Halbschwestern Rita Meier und Karola Lünert haben sich erst vor wenigen Wochen kennen gelernt – durch die Serie „Flucht, Vertreibung, Neuanfang“ in unserer Zeitung.

Am 12. August erschien unter der Überschrift „Angst vor Tieffliegern und ständig Hunger“ Rita Meiers Bericht von der Flucht aus Ostpreußen. Als sechsjähriges Mädchen hatte sie zusammen mit der Mutter und vier Geschwistern den gefährlichen Weg von Rastenburg, heute Ketrzyn, in Richtung Westen überstanden. Der Vater, Martin Dannehl, war zu diesem Zeitpunkt an der Front. Ein Foto, das ihn als Soldaten zusammen mit Frau und Kindern zeigt, war in Rita Meiers Besitz geblieben – und dieses Bild hatte sie mit ihrem Bericht auch an die Zeitung geschickt.

Als Karola Lünert am 12. August in Boizenburg die SVZ aufschlug, stockte ihr der Atem. Das hier auf dem Bild ist mein Vater, sagte sie zu ihrem Mann, der das anfangs gar nicht glauben wollte. Wie konnte das sein? Kurzerhand griff Walter Lünert zum Telefon und rief in Boddin bei Meiers an. Jetzt war es an Rita Meier, fassungslos zu sein. „Ich habe anfangs gedacht, es geht nicht mit rechten Dingen zu, habe Fragen zu Details gestellt, die nicht im Text erwähnt waren. Aber der Mann am Telefon konnte sie alle beantworten. Als ich fragte, welchen Beruf mein Vater hatte, sagte er, ,Na, er war doch Friseur.’“

Während Rita Meier das erzählt, sitzt sie zu Hause in Boddin in der Nähe von Wittenburg neben ihrer Halbschwester Karola. Nach dem Anruf aus Boizenburg, sagt sie, hätte sie erst ein paar Wochen gebraucht, das Gehörte zu verarbeiten. Dann hat sie zum Hörer gegriffen und Karola Lünert eingeladen. „Als sie hereinkam, war mein erster Gedanke: Sie sieht aus wie Monika, meine jüngere Schwester“, erzählt die 76-Jährige. Und sie war unendlich erleichtert, als die unbekannte und doch so vertraut wirkende Frau zur Begrüßung sagte: „Ich bin Karola.“ „Warum hätten wir uns auch siezen sollen?“, fragt Rita Meier und Karola Lünert ergänzt: „Mir kam es vor, als hätten wir uns schon immer gekannt.“

In den folgenden Gesprächen löst sich das Rätsel der zwei Familien. Auf der Flucht vor der heranrückenden Roten Armee hatte Rita Meiers Mutter Auguste Dannehl mit ihren Kindern im Januar 1945 Gotenhafen erreicht. Hier lag die „Wilhelm Gust-loff“ vor Anker, die sich an der Evakuierung von Flüchtlingen und verwundeten Soldaten ins westliche Reichsgebiet beteiligen sollte. Für Auguste Dannehl bot sich eine Möglichkeit, mit ihren vier Töchtern und dem Sohn über die Ostsee zu entkommen. Die sechsjährige Rita und die vierjährige Dagmar waren beinahe schon an Bord – Soldaten hatten angeboten, zu helfen und die beiden Mädchen auf das Schiff zu tragen. Aber die Mutter zögerte noch. Ob es die Angst vor dem gefährlichen Weg über die Ostsee war oder die vor dem völlig überfüllten Schiff? Fest steht, dass Auguste Dannehl mit ihrer im letzten Moment getroffenen Entscheidung, die Flucht auf dem Landweg fortzusetzen, vermutlich ihr Leben und das ihrer Kinder rettete.

Am 30. Januar 1945 wurde die „Gustloff“ wurde vor der Küste Pommerns von einem sowjetischen U-Boot torpediert und sank. Schätzungen zufolge kamen dabei bis zu 9000 Menschen ums Leben.

Die Nachricht, dass die Familie auf der Flucht den Landweg über Danzig gewählt hatte, erreichte Martin Dannehl nicht. Er erfuhr später nur, dass sich seine Frau und die Kinder offenbar auf der „Gustloff“ eingeschifft hätten. Auf den Listen der überlebenden Passagiere fanden sich ihre Namen jedoch nicht – der Mann ging davon aus, dass seine Familie umgekommen war. Ihn selbst hatte es nach der Rückkehr aus französischer Kriegsgefangenschaft nach Gresse bei Boizenburg verschlagen. „Hier lernte er 1948 meine Mutter kennen und heiratete sie, 1949 wurde ich geboren“, erzählt Karola Lünert. Sie wusste, dass der Vater schon einmal eine Familie gehabt hatte. „Aber ich habe immer gedacht, sie sind alle ertrunken.“

Wenn Rita Meier in der Schule und später während des Lehrerstudiums Angaben zu ihren Eltern machte, schrieb sie: Vater vermisst. Denn auch Auguste Dannehl wähnte ihren Mann nicht mehr am Leben. Dann der Schock: Als sie zum zweiten Mal heiraten wollte, gab es Einspruch von Seiten des Standesamts und den Verweis auf eine noch bestehende Ehe. „So erfuhr meine Mutter, dass mein Vater aus dem Krieg zurückgekehrt war“, erinnert sich Rita Meier. Die Mutter reichte die Scheidung ein, die Kinder verzichteten darauf, den Vater kennen zu lernen, an den sich die Jüngeren Rita, Dagmar und Monika kaum noch erinnern konnten. „Manchmal habe ich mich schon gefragt: Warum hat er nicht mehr nach uns gesucht?“, sagt die 76-Jährige.

Heute, sagt Rita Meier, würde sie anders entscheiden. Und sie freut sich, dass sie jetzt durch ihre Schwester Karola Neues über den Vater erfährt, das in gewisser Weise auch Lücken in der eigenen Biografie füllt. Denn anders als Rita Meier, für die der Vater – auch wegen seiner Abwesenheit als Soldat – nur noch eine schemenhafte Gestalt ist, hat Karola Lünert mit ihm die Kindheit verbracht. „Als er starb, war ich zwölf“, erzählt sie. „Ich kann mich nur noch erinnern, dass er immer angeln ging“, sagt Rita Meier und ihre Schwester muss lachen: „Das hat er bei uns auch gemacht.“
„Karola hat mir heute ein Foto mitgebracht, auf dem ich meinen Vater zum ersten Mal ohne Uniform gesehen habe“, sagt Rita Meier. Sie hält das Bild in der Hand und sagt: „Genauso weiße Haare habe ich heute auch.“ Einige Male haben sich die Schwestern jetzt schon getroffen. Und es gibt noch so viel zu erzählen. Von den Jahren der Berufstätigkeit, in denen Rita Meier Lehrerin an der Schweriner Fritz-Reuter-Schule und Karola Lünert Krankenschwester im Krankenhaus in Boizenburg war. Von den Kindern, den Enkeln. Dem unglaublichen Zufall, der sie zusammengeführt hat. „Eine unserer Töchter war eine Zeitlang Pastorin in Vietlübbe, elf Jahre lang sind wir regelmäßig durch Boddin gefahren, immer an Ritas Haus vorbei“, sagt Walter Lünert.

Auch dieses Mal sitzen Meiers und Lünerts wieder über der dicken Familienchronik, die Rita Meier angelegt hat und die jetzt wachsen wird. Obwohl: Für so viel Neues ist in dem dicken, mit Fotos und Zeitungsausschnitten vollgepackten Album gar kein Platz mehr. Aber Rita Meiers Tochter Heike Krumm weiß schon Rat: „Dann legst du eben einen zweiten Teil der Chronik an, Mama. Und schreibst darauf: Die Geschichte eines Zusammentreffens.“ Da ist auf jeden Fall schon mal ein guter Anfang.

Das Buch ist als Hardcover in allen unseren Geschäftsstellen und in einigen Buchhandlungen für 12,80 Euro erhältlich. (ISBN 4 190978012801)
Das Buch ist als Hardcover in allen unseren Geschäftsstellen und in einigen Buchhandlungen für 12,80 Euro erhältlich. (ISBN 4 190978012801)
 
Unser Buch zur Serie

Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Im Mai 2016 begann unsere Zeitung mit der Serie im „Mecklenburg-Magazin“ – wie viele Briefe, E-Mails und Anrufe zu diesem Thema eingehen sollten, war zu diesem Zeitpunkt nicht abzusehen. Das Buch enthält eine Sammlung der Berichte unserer Leser. Es ist eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Schicksale zusammengekommen, die sich in ihrem Ausgangspunkt doch immer gleichen: Die Menschen wurden von den Ereignissen überrollt, auf die sie selbst kaum Einfluss nehmen konnten. Es sind Familiengeschichten, die zusammen ein Stück deutsche Geschichte ergeben. Kein Bundesland nahm am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg mehr Flüchtlinge auf als Mecklenburg-Vorpommern. Diese Geschichten sollen nicht verloren gehen.

Am Dienstag, den 29. November, um 15 Uhr werden wir mit einer Podiumsdiskussion und Autorenlesungen dieses Buch im Verlagshaus in der Gutenbergstraße 1 in Schwerin vorstellen. Im Podium werden einige unserer Zeitzeugen sitzen und über ihre Erlebnisse berichten. Gerne laden wir alle Leser herzlich ein, der Veranstaltung kostenfrei beizuwohnen. Bei Interesse melden Sie sich bitte telefonisch unter 0385/6378 8308 an.

 

 



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erstellt am 26.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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