zur Navigation springen

Mecklenburg-Vorpommern

27. Juni 2016 | 15:00 Uhr

Stagnation : MV verschläft den Bio-Boom

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Menschen im Land achten immer mehr auf eine gesunde Ernährung. Dennoch steigt der ökologische Anbau kaum

„Was darf es für euch sein?“ Kim Kleine steht hinter der Theke des Bistros „Feine Kost“ in Schwerin. Das junge Pärchen, das eben reingekommen ist, studiert die Tafel an der Wand. Kohl-Kokos-Suppe, Quano-Salat und Schokoladenkuchen stehen heute unter anderem auf der Speisekarte – alles bio. „Habt ihr auch einen Kräutertee?“, fragt der Mann. „Klar. Wir haben Tee aus Kräutern aus unserem eigenen Garten oder wir haben türkischen Bergtee.“

Viele Jahre lang galt Bio als Nischenprodukt. Die Konsumenten wurden als „Körnerfresser“ oder gar „Biotonnen“ belächelt. Doch seit Jahren wächst der Trend zur gesunden, umweltbewussten Ernährung. Weniger Antibiotika, artgerechte Tierhaltung und eine geringe Schadstoffbelastung sind nur einige Gründe, weshalb Verbraucher immer häufiger zu ökologischen Waren greifen.

„Die Menschen fragen immer häufiger nach, was in den Produkten enthalten ist“, meint Kim Kleine. Das Angebot im „Feine-Kost“-Bistro wechselt täglich. „So ist das Essen garantiert immer frisch. Und außerdem ist es gesund, sich täglich anders zu ernähren und uns wird beim Kochen nicht langweilig“, sprudelt die 28-Jährige. Sie verspricht: „Bei uns ist alles hausgemacht und bio. Wir kochen mit ganz viel Liebe und Herz.“ Lange Wartezeiten gebe es dennoch nicht. Fastfood auf höchstem Niveau quasi. Viele Gäste kämen daher täglich und verbrächten im „Feine Kost“ ihre Mittagspause. „Das sind Mitarbeiter aus den Ministerien und umliegenden Geschäften, aber auch viele junge Leute kommen zu uns.“ Am beliebtesten sei, so Kleine, dass Reis und Curry-Gericht nach einem Rezept aus Sri Lanka. „Und wenn unsere Nougat-Creme alle ist, gibt es Beschwerden.“

Laut dem Internetportal Statistika ist der bundesweite Umsatz an Bio-Produkten zwischen 2000 und 2014 von 2,1 Milliarden Euro auf 7,9 Milliarden Euro gestiegen. Damit ist Deutschland der größte Markt für Bio-Lebensmittel in Europa. An MV geht dieser Trend jedoch weitestgehend vorbei. Während deutschlandweit Bio boomt, sank 2014 sogar erst mal die ökologische Anbaufläche um 6000 Hektar. 2015 kamen immerhin wieder 3000 Hektar hinzu. Neun Prozent der Anbaufläche in MV, 122  000 Hektar werden von 809 Betrieben ökologisch bearbeitet, bundesweit sind es 6,3 Prozent. Immer mehr Bio-Produkte kämen aus dem Ausland. „Wir wollen jedoch regionale Bioware aus unserem Bundesland in den Regalen sehen“, sagt Agrarminister Till Backhaus (SPD). Neueinsteigern soll der Weg in den Öko-Landbau erleichtert werden. So werden die Prämien für Neueinsteiger von 150 Euro auf 260 Euro je Hektar angehoben.

Zu wenig findet Stefan aus Schwerin. „Die ökologischen Agrarstrukturen in MV sind schwach“, meint er. Kim Kleine hat ihm gerade eine große Schüssel mit Penne gebracht. Vor allem auf dem Land gebe es seiner Meinung nach wenige Hofläden und biologische Betriebe. „Und das, wo MV doch ein Agrarland ist. Das ist doch komisch.“ Stefan setze schon lange weitestgehend auf Bio-Produkte. Doch das Angebot reiche ihm noch nicht aus. Vor allem das saisonale Angebot sei mangelhaft.

„Die Menschen ernähren sich bewusster“, stellt auch Silke Steiniger bereits seit Jahren fest. Ihr gehört der Bio- und Feinkostladen „Basilikum“ nur zwei Häuser neben „Feine Kost“. Erst im Mai vergangenen Jahres hat sie ihr Geschäft vergrößert. „Es kommen Menschen aus allen Bevölkerungsschichten zu uns“, sagt sie. Junge Familien mit Kindern, Studenten oder auch Ältere. „Am meisten verkaufen wir Obst und Gemüse. Aber viele kommen zum Beispiel auch wegen der Nussmuse, Fruchtkonfitüren oder Ölsaaten.“ Auch Bio-Kosmetik sei immer mehr gefragt. Dass der Preis höher als bei konventionellen Produkten ist, nähmen die Kunden in Kauf: „Dafür wissen sie, was sie haben und dass das Qualität ist“, meint Steininger.

Dass der Bio-Boom weitestgehend an MV vorbei geht, kritisiert auch Ursula Karlowski (Grüne). Die im Land erzeugten ökologischen Rohstoffe müssten hier auch verarbeitet und vermarktet werden, sagt sie. „Damit könnten der Öko-Landbau und das verarbeitende Gewerbe der zentrale Jobmotor sein.“ Das Land sei derzeit vor allem Rohstoffproduzent. „Die Hauptgewinne machen Verarbeitungsbetriebe in anderen Bundesländern.“ Karlowski sei enttäuscht, dass nur ein Bruchteil der landeseigenen Agrarflächen an Öko-Bauern verpachtet würden. So gingen 2015 von 6608 Hektar aus auslaufenden Pachtverträgen nur 781 Hektar in die öffentliche Ausschreibung. Davon seien nur sechs Lose mit zusammen 194 Hektar an Bio-Betriebe gegeben worden, so Karlowski. „Insofern kann keine Rede davon sein, dass das Land die ökologisch wirtschaftenden Betriebe bei der Flächenvergabe bevorzugt.“

 
zur Startseite

von
erstellt am 09.Feb.2016 | 12:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen