zur Navigation springen

Mecklenburg-Vorpommern

29. September 2016 | 00:12 Uhr

Selbsttest Ostseeweg : Mit Roland Kaiser durch die Nacht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

100 Kilometer in 24 Stunden – Ostseeweg bringt Wanderer an ihre Grenzen

„Das Wandern ist des Müllers Lust“ – Die Stimme in meinem Kopf wiederholt das deutsche Volkslied. Ich bin kein Müller, denke ich. Und eigentlich fahre ich auch lieber Fahrrad als zu gehen. Angemeldet habe ich mich dennoch: Zum 1. Ostseeweg am vergangenen Sonnabend in Rostock, bei dem die Teilnehmer 100 Kilometer in 24 Stunden wandern. Wir sind zu dritt unterwegs. 13 Kilometer sind es bis zum ersten Versorgungspunkt. Kein Problem. Auf dem Weg durch die Rostocker Heide werden wir zum Leckerli der Mücken, wir wandern durch Markgrafenheide, Hohe Düne, Warnemünde – Pause nach Kilometer 31. Nicht mehr ganz unproblematisch geht es weiter. Wir spielen „Wer bin ich“, um die Schmerzen in den Waden auszublenden und das Jucken der Mückenstiche zu unterdrücken. Es wird dunkel, wir brauchen unsere Stirnlampen. In der Ferne rauscht das Meer. Der Wind fegt durch die Äste und der Wald spricht mit uns. Vielleicht sind es auch meine Gelenke, die sich die Frage nach dem „Warum“ nicht verkneifen können. Die Stunden vergehen, aus unserer Gruppe spricht keiner mehr. Stattdessen begleitet uns Musik von Roland Kaiser und Alphaville durch die Nacht. Wer sich jetzt hinsetzt, hat verloren. „Ich kann nicht mehr“, höre ich eine meiner Begleiterinnen sagen. Okay, denke ich und sage – halb enttäuscht, halb dankbar – „Ich bleibe bei dir“. Das wars. Die Dritte im Bunde macht weiter – noch 30 Kilometer.

Am nächsten Tag spreche ich mit einem Dreier-Gespann, das es durchgezogen hat. 23 Stunden haben die Rostocker gebraucht. Meine Hüfte knirscht bei der Vorstellung noch mal 50 Kilometer und weitere zwölf Stunden gewandert zu sein. Ich bin beruhigt als Anke Westphal mir erzählt, dass es für sie eine grenzwertige Erfahrung war, dass sich die letzten 20 Kilometer wie ein Kaugummi hinzogen. „Der blanke Horror“ und trotzdem lacht sie noch. „Wenn man es dann geschafft hat, ist man erleichtert.“ Jörn Westphal sitzt neben ihr, umklammert seine Urkunde und das Finisher-Abzeichen. „Man wird wortkarg irgendwann.“ Seine Beine würden nur noch surren, schadenfrohe Melodien singen. Seine Blasen an den Füßen seien schon lange aufgeplatzt. „Man läuft weiter, über den Schmerz hinweg.“ Ich kann erahnen, wovon er spricht. Vor zwölf Stunden habe ich mich in die Badewanne gelegt und apathisch die weißen Fliesen angestarrt. Anschließend bin ich ins Bett gefallen, dankbar darüber endlich in der Waagerechten zu schweben. Ich denke kurz darüber nach, dass ich noch ein paar Kilometer geschafft hätte. Ein „Aufhörer“ wäre ich trotzdem gewesen. 440 Leute sind gestartet, 120 sind ins Ziel gekommen. Der erste nach 15 Stunden. Ich finde das verrückt, aber auch sehr beeindruckend. Die Hälfte der „Aufhörer“ hätte beim Verpflegungspunkt in Kühlungsborn das Handtuch geworfen. Nach 53 Kilometern. Kopfsache, sagt Veranstalter Torsten Dunkelmann. „Viele gaben sich mit der Hälfte zufrieden. Selbst wer 30 Kilometer am Stück gewandert ist, hat damit schon mehr gemacht als die meisten jemals machen würden.“ Nächstes Jahr im September soll es den Ostseeweg 2.0 geben. Genug Zeit zum Trainieren, denke ich. Vielleicht schaffe ich dann die 100 Kilometer.


zur Startseite

von
erstellt am 19.Sep.2016 | 06:25 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen