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Mecklenburg Magazin

10. Dezember 2016 | 23:20 Uhr

Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Zahlreiche Trecks zogen in Richtung Elbe

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Entlang der Fluchtroute mussten ausgehungerte und kranke Menschen versorgt werden / Viele Tote bei Angriff auf Straßenbrücke in Dömitz

Die ersten Flüchtlingstrecks zogen im Januar 1945 durch die Griese Gegend. Eine der Hauptrouten verlief ab Ludwigslust, entlang der heutigen B 191, in Richtung der Elbbrücken bei Dömitz. Die meisten Treckflüchtlinge zog es von hier weiter in Richtung der Straßenbrücke, um von dort über die Elbe nach Niedersachsen zu gelangen.

Doch vielen von ihnen fehlte bereits in den südwestmecklenburgischen Dörfern die Kraft, weiterzukommen. Flüchtlinge, welche die Orte entlang ihrer Route nicht nur für ein Nachtquartier nutzten, mussten von den Gemeinden untergebracht werden. Längst nicht alle waren in der Lage, sich selbst zu versorgen. Zahlreiche Bewohner Südwestmecklenburgs teilten darum das Wenige, was sie selbst hatten, mit den Hunger leidenden Flüchtlingen. Andere verbargen ihre Lebensmittel oder zerschlugen Bettgestelle, um einer Einquartierung zu entgehen.

Von der Bäckerei Soltow in Heiddorf wird berichtet, dass dort nächtlich mehrere Pferdegespanne untergestellt waren. Die Menschen selbst mussten in Decken gehüllt, aber im Haus und somit einigermaßen geschützt, auf dem Fußboden schlafen. Heiddorfer berichten noch heute, teils aus Erinnerung, teils aus Erzählungen, dass bei Soltows jeder Bittsteller mindestens eine dicke Scheibe Brot erhielt – nicht viel, aber es sicherte das kurzfristige Überleben.

Die meisten Flüchtlinge, die mit Planwagen ihre Reise antraten, hatten am Tag oder in der Nacht vor ihrer Flucht noch geschlachtet. Das Fleisch war meist nur provisorisch haltbar gemacht worden und roch nach der langen Fahrt bereits recht übel. Die Bäckerfamilie Soltow ermöglichte es diesen Menschen, ihr mitgebrachtes Fleisch in Küche bzw. Backofen zu garen, um es länger genießbar zu halten.

Immer wieder wird auch von Bauern berichtet, welche die Not der Kriegsflüchtlinge ausnutzten und oft wenige Kartoffeln nur gegen Goldschmuck und andere Wertsachen tauschten. Dorothea Sachs aus Heiddorf berichtete, dass die Flüchtlinge von so manchen Mecklenburgern als Eindringlinge angesehen wurden und es den Bauern und Dorfbewohnern nicht selten schwer fiel, vom Eigenen abzugeben und dass sie sich daher eher auf Tauschgeschäfte einließen.

Zahlreiche Menschen, so erinnerte sich Irma Neumann aus Heiddorf, kamen bereits mit Erfrierungen und stark ausgehungert im südwestlichen Mecklenburg an. Immer wieder starben Flüchtlinge, vor allem Babys, Kleinkinder und ältere, kraftlose Men-schen. Sie wurden auf den Friedhöfen der Gemeinden beigesetzt – ihre Gräber blie-ben meist ungepflegt und namenlos. Aufzeichnungen hierzu finden sich noch heute in den Büchern der anliegenden Kirchgemeinden.

Willi Saß aus Malliß berichtete in seinen Lebenserinnerungen, dass die Flüchtlings-züge, die durch Malliß in Richtung Elbbrücke weiterfuhren, auf dem dortigen Bahnhof nur wenige Minuten Aufenthalt hatten: „Manchmal lagen Tote in den Waggons. Sie wurden während des Aufenthalts neben das Gleis gelegt. Meist waren es alte Leute, die den Transport nicht überstanden hatten. Auf einer Trage brachten Dieter und ich die Verstorbenen zum Bahnhof, wo sie dann abgeholt wurden. Einmal holte man zwei kleine Kinder aus dem Zug. Sie waren während der langen Reise gestorben. Man brauchte für die beiden Kinder nur eine Trage.“

Bis zum 20. April 1945 ergossen sich die Flüchtlingsströme durch die Dörfer Südwestmecklenburgs in Richtung Elbe. An diesem Nachmittag erfolgte ein alliierter Fliegerangriff auf die beiden Elbbrücken bei Dömitz. Die Fliegerbomben brachten auch die bereits zuvor von der Wehrmacht angebrachten Sprengladungen an den Brückenpfeilern mit zur Detonation. Hierzu schreibt Christel Fuhrmann in ihren Lebenserinnerungen: „Ich spüre heute noch das Beben der Erde und die enorme Druckwelle der Explosion. ... Mein Gott, aberhunderte Flüchtlinge befanden sich damals auf der Brücke, die durch diese Bombardierung einen schrecklichen Tod fanden. Elbanwohner berichteten später, dass noch lange unzählige Leichen angeschwemmt und auf den Dorffriedhöfen beigesetzt worden seien.“

Ab diesem Tag wichen die Flüchtlingstrecks nach Norden oder Süden aus, andere Kriegsflüchtlinge mussten auf die Gemeinden der Gegend bzw. der Region aufgeteilt werden. 



 

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