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Mecklenburg Magazin

03. Dezember 2016 | 14:43 Uhr

Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Was blieb, war die Musik

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Komponist Rudolf Wagner-Regeny fand als Evakuierter des Zweiten Weltkriegs in Mecklenburg Unterschlupf

1945. Zwischen Ziddorf und Teterow an der B 108 war jeder kleine Raum mit geflohenen, vertriebenen und evakuierten Menschen belegt. Im „Gasthof zum Goldenen Frieden“, am Eingang zum Park der Burg Schlitz, kam das Ehepaar Wagner-Regeny aus dem total ausgebombten Berlin in einer Abstellkammer unter. Nichts hatten sie retten können als ihr Leben und das nicht einmal ganz, denn die junge Frau war schwer erkrankt. Ihr Ehemann Rudolf, Musiker, Komponist, Theatermann, 42 Jahre alt, aus Kriegsgefangenschaft entlassen, sorgte sich um sie. Verzweifelt schrieb er an seinen Freund, Bühnenbildner und Texter seiner Opern: „...am meisten fehlt mir hier in Mecklenburg ein Klavier…“

In den nächsten Tagen stand Caspar Neher mit einem Klavichord vor dem Gasthof und ließ es von Helfern in den Schankraum transportieren. Tags zuvor hatte er in Teterow einen sowjetischen Offizier aufgesucht, ihn beschworen, angefleht, Fotos von der glanzvollen Uraufführung ihres gemeinsamen Werkes „Der Günstling“ in der Semperoper Dresden ausgebreitet. Caspar Neher erreichte, dass der Offizier zum Telefon griff, verhandelte und ein Instrument ausfindig machte. Nun war es da und Rudolf Wagner-Regeny spielte. Bereits am Abend erschienen alle Dorfbewohner. Sie standen, saßen drinnen und draußen vor geöffneten Fenstern und hörten Musik. Tanztitel, seit Beginn des Krieges durch NS-Behörden verboten: Jazz, Blues, Schlager. Der Mann am Klavier verstand es, eingängig und rhythmisch mit längst vergessenen Melodien Lebenslust und - mut zu verbreiten. Sein Publikum war zu Tränen gerührt und verlangte trotz Mangel an allem bis spät in die Nacht hinein Musik. Zu essen gab es. Die einheimischen Bewohner teilten Milch von den wenigen Kühen, Obst aus den kleinen Hausgärten, Eier und etwas Speck. Mehl, Salz und Zucker waren rar und wurden getauscht. Es wurde eingekocht, heimlich gejagt und geschlachtet. Dass aus dem kleinsten Verwendbaren noch Nützliches entstand, hielt Alte und Neue zusammen. Fast wie in der Heimat von Rudolf Wagner-Regeny. Dort, in Sächsisch-Regen, wurde er 1903 geboren, lernte sehr früh Klavierspielen, absolvierte ein Musikstudium in Leipzig und Berlin, wurde mit 28 Jahren freischaffender Komponist.

Bis heute bleibt ein ganz besonderer Musiktheaterabend unvergessen: Am Güstrower Theater, seit September 1945 als erstes in Mecklenburg mit zum Schauspiel freigegebener Bühne, lief nach nur wenigen Proben „Ganhele“ von Wagner-Regeny und Caspar Neher. Der Komponist dirigierte ein zusammengewürfeltes Orchester mit Musikern aus Ost- und Westpreußen, dem Baltikum, Vor- und Hinterpommern und wenigen Güstrowern, die noch ein Instrument besaßen.

Am Umzugstag von Teterow nach Güstrow in eine Wohnung am Schlossplatz 6 musste Wagner-Regenys Ehefrau ins Krankenhaus und starb kurz darauf. Abschied, Trauer, Kummer, Leid – nehmen sie gar kein Ende?

Mit Arbeit und wieder den Blick auf das Schaffen gerichtet, eröffnet Rudolf Wagner-Regeny die Güstrower Musikschule, unterrichtet in seiner Wohnung die begabtesten Schüler und komponiert rastlos. Sein Wirkungskreis wächst stetig: Am 11. Mai 1947 gründet er mit Mitstreitern die Rostocker Musikhochschule.

Nur ungern lassen die Rostocker Musikfreunde den Komponisten 1950 weiterziehen. Mit seiner Berufung an die Hochschule für Musik Berlin als Professor für Komposition setzt er seine schöpferische und musikpädagogische Tätigkeit fort. Als er am 18. September 1969 in Berlin stirbt, hinterlässt er ein Werk von bemerkenswerter Akzeptanz für die europäische Musikkultur des 20.Jahrhunderts.

Marianne Strack

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