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Mecklenburg Magazin

05. Dezember 2016 | 17:35 Uhr

Begräbniskultur MV : Von Totenfrauen und Chorkindern

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Begräbniskultur in Mecklenburg begann sich in den 1960er-Jahren zu wandeln

Im Tod sind alle Menschen gleich. Von wegen! In Mecklenburg hing es zu früheren Zeiten maßgeblich von der sozialen Stellung des Verstorbenen ab, ob die große oder die kleine Kirchenglocke geläutet wurde. Ob eine Grabrede gehalten, in der Kirche gesungen oder auf dem Friedhof feierlich musiziert wurde. Dem Aufwand entsprechend wurden vom Pfarrer natürlich die Gebühren erhoben.

Noch bis Ende der 1950er- Jahre war es üblich, die Verstorbenen im eigenen Haus auf der zuvor geschrubbten und wenn möglich mit Grün geschmückten Diele aufzubahren. Von dort aus nahm dann der Trauerzug seinen Weg zum Friedhof. Zuvor wurden die Verstorbenen den sogenannten Totenfrauen überantwortet. Die Totenfrauen wuschen die Leichen, zogen sie pietätvoll an, bahrten sie auf und zogen dann von Haus zu Haus, um den Tod bekannt zu machen und zur Trauerfeier nebst Leichenschmaus zu laden.

All dies liegt heute in den Händen gewerbsmäßiger Bestatter. Wohlhabendere Familien ließen gedruckte Todesanzeigen verteilen. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte dies zunehmend in Form von Annoncen in den Stadt- bzw. Kreiszeitungen. In den Kirchdörfern selbst wurden die Särge mit den Toten meist von Nachbarn auf den Schultern zum Friedhof getragen. In den abseits liegenden Dörfern zogen die Leute bis etwa 1900 die Särge auf mit Tannengrün geschmückten flachen Ackerwagen zum Friedhof. Erst nach 1900 schafften sich die Gemeinden pietätvoll gestaltete schwarz lackierte Leichenwagen an. Ein solcher war auch in der Gemeinde Neu Kaliß noch bis in die 1960er-Jahre in Gebrauch. Aus Heiddorf erinnerte sich Arno Bade, dass seine Großmutter 1965 die letzte Hausaufbahrung und somit auch die letzte Beerdigung aus dem Hause heraus erhielt. Auch in den anderen Dörfern Mecklenburgs erfolgte ab etwa dieser Zeit die Aufbahrung der Verstorbenen in den Leichenhallen der Krankenhäuser und der Friedhöfe.

Im Jahr 1925 scheuten in Neu Kaliß während einer Leichenfahrt die Pferde und drohten, die an der Spitze laufenden Chorkinder niederzutrampeln. Fortan durften die Kinder den Leichenwagen nur noch seitlich begleiten. Vom Trauerhaus zum Friedhof schlossen sich einzelne Dorfbewohner dem Trauerzug an, andere hielten inne, verneigten sich und entblößten ihr Haupt. Da ich persönlich neben der Kirche in Neu Kaliß aufwuchs, wurde ich zu Beginn der 1960er- Jahre bereits als Kind angehalten, bei Ansicht eines Leichenwagens das Spielen zu unterbrechen und vor diesem angemessen stillzustehen.

Bis zu Beginn des vorigen Jahrhunderts sangen die Chorkinder in Neu Kaliß bei Beerdigungen ihre Kirchenlieder am offenen Sarg. Als wiederholt einige von den kleinen Sängern hierbei ohnmächtig wurden, blieb der Sarg auf dem Friedhof fortan geschlossen. Erwähnenswertes gibt es von der Familie Herbst aus Neu Kaliß zu berichten. Als 1907 Emilie Herbst in Rostock mit erst 35 Jahren an den Folgen einer Operation starb, wurde sie zur Beisetzung in ihrem Heimatort Neu Kaliß dorthin in einem Zinksarg überführt. Aufgrund der länger währenden Überführung verzichtete man dort seinerzeit auf eine Umbettung in einen Holzsarg und bestattete die Tote auf dem dortigen Friedhof in ungewöhnlicher Weise in dem Zinksarg.

Ein besonderes Kuriosum erfährt eine spätere Enkelin Emilies Mitte der 1920er- Jahre. Da das Mädchen noch in fortgeschrittenem Kindesalter unter Bettnässerei litt, holte sich ihre Mutter Hilfe bei einer „weisen Frau“. Diese riet, bei der nächsten Beerdigung ein kleines Fläschchen mit dem Urin des Kindes unauffällig mit in das Grab zu werfen. Als aufgeklärte Menschen belächeln wir heute Püstern und Aberglauben, gleichwohl war das Mädchen drei Wochen nach der Beerdigung tatsächlich „trocken“. Nachdem 1937 auch Emilies Mann zu Grabe getragen war, wurde ihm auf dem Neu Kalißer Friedhof der erste Naturstein mit Grabinschrift gestellt und Efeu gepflanzt. Der Efeu ist eine althergebrachte Friedhofspflanze. Grabgestaltungen mit Einfriedungen aus Metallzäunen, Hecken oder Steinschlingen setzten sich auf mecklenburgischen Friedhöfen erst im 19. Jahrhundert durch. Urnengräber setzten sich auch in Mecklenburg nur allmählich mit dem Aufkommen des Freidenkertums durch.
 

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erstellt am 12.Nov.2016 | 00:00 Uhr

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