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Mecklenburg Magazin

04. Dezember 2016 | 15:18 Uhr

Ausstellung Johanna Schütz-Wolff : Von den Nazis ins Abseits gedrängt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ausstellung in Wiligrad zeigt expressive Bildteppiche und Grafik von Johanna Schütz-Wolff (1896 - 1965)

Johanna Schütz-Wolff. Das ist der Name einer Frau, die im 20. Jahrhundert zur ersten Riege expressionistischer Künstler in Deutschland gehörte. Ihre Werke hingen in Ausstellungen neben denen von Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff und Hans Arp – bevor die Nationalsozialisten damit begannen, Ausdrucksformen als entartet zu diffamieren. Johanna Schütz-Wolff zog sich zurück; geriet in Vergessenheit. Doch ihre stille Kunst lohnt eine Wiederentdeckung: Morgen, am 1. Oktober, um 17 Uhr, öffnet auf Schloss Wiligrad eine Ausstellung mit expressiven Bildteppichen und Grafiken von Johanna Schütz-Wolff, deren Nachlass zum Teil in Mecklenburg verwahrt wird.

Wie Fäden zusammenlaufen, werden sich dann in Wiligrad Wege kreuzen. Ihren Ausgang nehmen sie an der Burg Giebichenstein in Halle: Jutta und Klaus J. Albert, er erster Vorsitzender und sie Geschäftsführerin des Kunstvereins, sind Absolventen der Kunsthochschule. Johanna Schütz-Wolff wirkte dort ab 1920 als Leiterin der Textilwerkstatt – sie war es, die diesen Zweig in Halle aufbaute und anders als bei den der Architektur untergeordneten Arbeiten des Bauhauses zu einer eigenen Kunstform entwickelte. Als im vergangenen Jahr die Ausstellung „Burgschüler in MV“ nach Rothen bei Sternberg rief, nahmen Alberts teil – und sahen im Entree des Gutshauses Arbeiten von Johanna Schütz-Wolff. Es entstand der Wunsch, diesen Schatz zu zeigen – ein Wunsch, der bei Gabriele und Christian Lehsten auf fruchtbaren Boden fiel. Das Ehepaar war 2004 nach Rothen gezogen und hatte den Nachlass der Künstlerin mitgebracht – Gabriele Lehsten ist eine Enkeltochter von Schütz-Wolff. 2008 präsentierten Lehstens dann im Gutshaus einen Teil des künstlerischen Erbes. 2015 war im Leipziger Grassi Museum eine große Einzelausstellung zu sehen. 2016 folgt nun Wiligrad. „Hier kann sogar ein 4,50 Meter hoher Bildteppich gezeigt werden, der nicht einmal in Leipzig ausgestellt werden konnte“, sagt Christian Lehsten.

Die großformatigen Bildteppiche gehören zu den eindrucksvollsten Arbeiten Johanna Schütz-Wolffs. Es sind gewebte Bilder, für welche die Schöpferin verschiedenste Techniken mischte. Von Haus aus keine Weberin nahm sich Johanna Schütz-Wolff von allem das Beste: Sie nähte große Bahnen aneinander, stickte Konturen nach und nutzte den Kettfaden als gestalterisches Element. Die Textilarbeiten entstanden meist ohne Entwurf am Webstuhl – genau darin sieht Christian Lehsten das Geheimnis ihrer Ausdrucksstärke. „Es gibt Teppiche von Marc und Kirchner, die nach Entwürfen der Künstler gewebt wurden und nie die Strahlkraft von deren Bildern erreichten. Das ist bei Johanna Schütz-Wolff anders, da sie ihre Bilder selbst gewebt hat.“

Nachdem zahlreiche erfolgreiche Ausstellungen auf eine große Karriere deuteten, brachte die Nazizeit den Bruch: Aus Angst vor Verfolgung als „entartete Künstlerin“ zerstörte Johanna Schütz-Wolff in einer einzigen Nacht dreizehn ihrer Bildteppiche. „Sie hat nur aufgehört, weil sie nicht mehr schneiden konnte“, sagt Gabriele Lehsten. So blieb ein Teil der gewebten Bilder erhalten – darunter das Werk „Der Tote“, das zur Hälfte zerstört wurde und als Fragment überliefert ist. Der Erhalt eines weiteren Bildteppichs ist dem Kunstsammlerehepaar Fohn zu verdanken, das Werke seiner altmeisterlichen Sammlung während der Nazizeit gegen zeitgenössische tauschte, um diese vor dem Verkauf ins Ausland und vor Zerstörung zu retten. Neben dem Wandbehang von Johanna Schütz-Wolff gelangten zum Beispiel Werke von Ernst Barlach, Ernst Ludwig Kirchner und Oskar Kokoschka, Paul Klee, Käthe Kollwitz und Franz Marc, Paula Modersohn-Becker und anderen in die Sammlung Fohn, deren Bestandsliste sich wie ein Who’s Who moderner Kunst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts liest.

Johanna Schütz-Wolff zog sich 1933 aus dem Kunstbetrieb zurück und suchte Schutz im kirchlichen Raum. 1923 hatte sie den Theologen Paul Schütz geheiratet, 1925 war die Familie nach der Geburt von Tochter Anne nach Schwabendorf bei Marburg gezogen. 1940 ging es in den Norden, nach Hamburg. Auf der Flucht vor den Bombennächten fand die Familie eine Zeitlang Unterschlupf bei Maria Marc in Ried in Oberbayern. Johanna Schütz-Wolff hatte die Witwe von Franz Marc 1920 das erste Mal besucht und von ihr Einblick in Marcs Skizzenhefte erhalten – eine Quelle vieler Eindrücke.

1947 kehrte Johanna Schütz-Wolff nach Hamburg zurück. Das Museum für Kunst und Gewerbe bewahrt ebenfalls einen ihrer Bildteppiche. Die letzten 18 Jahre ihres Lebens verbrachte die Künstlerin in Söcking bei Starnberg, wo sie 1965 starb.

In Wiligrad gezeigt werden Gouachen, Teppiche, Holzschnitte und Monotypien. Von der expressionistischen Sprache der Bildteppiche und Holzschnitte schlägt die Ausstellung den Bogen zur fast abstrakten der Monotypien, die in den letzten Lebensjahren entstanden. Bis zum 13. November wird die Ausstellung dienstags bis sonnabends von 10 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr zu sehen sein. Die Präsentation ist auch eine Verkaufsausstellung – von den unverkäuflichen Stücken abgesehen. Denn Gabriele Lehsten würde es bedauern, wenn Arbeiten nur in Grafikschränken lägen: „Johanna Schütz-Wolff hat immer gesagt: Bilder sollen hängen.“

 

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erstellt am 01.Okt.2016 | 00:00 Uhr

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