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Mecklenburg Magazin

09. Dezember 2016 | 14:37 Uhr

Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Tagebuch hält Erinnerungen wach

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wolfgang Gawél schrieb als 14-Jähriger die Erinnerungen an die Flucht seiner Familie auf

Flucht, Vertreibung und Neuanfang habe ich selbst nicht mehr erlebt, da ich erst 1951 in Güstrow geboren wurde, schreibt Regina Meyer aus Güstrow. Meine Eltern, sechs Geschwister und meine Großmutter haben die schwere Zeit durchmachen müssen und einen Neuanfang in Bützow gemacht. Mein ältester Bruder Wolfgang, jetzt 86 Jahre alt, war damals 14 und hat Tagebuch über die Zeit der Flucht geschrieben. Er hat mir eine Abschrift übergeben, weil mich unsere Familiengeschichte sehr interessiert.

„Chronik unserer Flucht aus Breslau“, hat der 14-jährige Wolfgang Gawél über die Schulbuchseiten geschrieben. Der Zeitraum 23. Januar 1945 bis 27. Februar 1945 steht dabei und die Namen derer, die dabei waren: Oma Milla, 61 Jahre, Mama, 34, Wolfgang, 14, Elvira, 13, Vera, 12, Marga, 8, Sylvia, 5, und Armin, ein Jahr alt. Bei sich hatten sie einen Kinderwagen und an Habe, was jeder tragen konnte.

In Wolfgangs erster Eintragung heißt es: „Nach dem nur einige Stunden zuvor erfolgten Evakuierungsbefehl Abfahrt vom Freiburger Bahnhof in Breslau nach Görlitz. Gleich uns zogen unzählige Menschen durch die nächtlichen glatten und vereisten Straßen Breslaus, bei ca. 30 Minusgraden, die den Atem vor dem Mund gefrieren ließen...“ Kurz nach Mitternacht, am 24. Januar, kamen die Flüchtenden in Görlitz an und übernachteten im Stadttheater auf Stroh. Viel zum Schlafen kamen sie nicht: Die Menschen hatten Hunger und es gab Fliegeralarm. „Nachmittags gegen 16 Uhr Abholung durch Pferdewagen aus Oberpenzig-Hammer, einem ca. 14 Kilometer von Görlitz entfernten Dörfchen. Um 20 Uhr Ankunft in dem Dorf und Unterbringung bei einem Bauern. Bis zum 15. Februar 1945 mit uns 8 Personen Unterbringung in einem Raum mittlerer Größe mit zwei Betten und Strohlagern“, hat der 14-Jährige stichpunktartig notiert. Die Eintragungen im Tagebuch gehen am 15. Februar weiter. Zu diesem Zeitpunkt ist die Front nur noch 20 Kilometer vom Aufenthaltsort der Familie entfernt. Wieder müssen Großmutter, Mutter und Kinder einen Ort verlassen. Mit einem Güterzug fahren sie nach Görlitz zurück und übernachten in einem Heim der NSV, der Nationalsozialistischen Volksfürsorge. „Um 2 Uhr mussten wir jedoch wieder aufstehen, da gegen 4 Uhr der Zug nach Cottbus ging, mit welchem wir mitfahren sollten. Wir bekamen unter nur schwer zu beschreibenden Umständen einen Platz im Packwagen, mussten diesen kurz vor Abfahrt des Zuges jedoch wieder räumen, da Wehrmachtsgut verladen wurde. Mit diesem Zug kamen wir nicht mehr mit. Wir mussten aber auf dem Bahnhof bleiben, da für die nächsten Stunden noch ein Güterzug angesagt wurde. Der Bahnhof war inzwischen schwarz vor Menschen“, schreibt Wolfgang in seiner Eintragung vom 16. Februar.

Am nächsten Tag war der Bahnhof für den Zivilverkehr bereits gesperrt. Zu Fuß mussten sich die beiden Frauen mit den Kindern auf den Weg zum Stadtrand machen, von wo sie nach längerem Warten auf einem Lkw der Wehrmacht ins elf Kilometer entfernte Dörfchen Tauchnitz mitfahren konnten. Von dort ging es mit Pferdewagen weiter. Etappenziel: das Dorf Schönau mit einem Nachtlager in einer halb verfallenen Scheune. Erneut auf einem Lkw ging es am nächsten Tag weiter ins 60 Kilometer entfernte Bautzen. Wolfgang Gawél hat notiert: „Ich stand während der gesamten Fahrt bei eisigem Zugwind und zeitweiligem Schneegestöber auf dem Trittbrett des Wagens, mit einem Strick festgehalten vom Beifahrer und hielt selbst den auf dem Kotflügel befestigten Kinderwagen meines Bruders.“

Von Bautzen aus fuhr die Familie nach zwei Tagen in einem alten Bus ohne heile Fensterscheiben weiter in Richtung Dresden. Große zerbombte Flächen qualmten noch. Links und rechts der zerbombten Straße lagen aufgeschichtete Leichenberge. „Der Bus fuhr weiter nach Döbeln, wo uns Reichsarbeitsdienstbaracken zum Übernachten zugewiesen wurden, die teilweise noch von zum Teil betrunkenen RAD-Männern belegt waren. Sie sangen und grölten vom großen Endsieg über die Bolschewisten“, schreibt der 14-Jährige am 20. Februar 1945. In Zügen voller Menschen fuhr die Familie weiter nach Leipzig. Dort verpasste sie wegen eines Fliegeralarms den Zug nach Magdeburg, schaffte es aber wenigstens noch, bis Halle und Halberstadt weiterzufahren. Das Ziel war Bützow in Mecklenburg – dort gab es Verwandte. Doch plötzlich stoppte der Zug hart. Wolfgang schreibt: „Nach der Notbremsung mussten wir den Zug verlassen. Zwei Wagen brannten und ich sah die ersten Toten. Tiefflieger hatten den Zug beschossen. Wir standen bis nach Mitternacht frierend neben der Strecke.“ Am 22. Februar erreichte die Familie Halberstadt, Goslar war die nächste Station. „Wir übernachteten und mussten bis zum Sonntag, 25. Februar, bleiben, da mein Bruder Armin krank wurde. In der Nacht irrte ich durch die mir fremde Stadt, um einen Arzt zu finden. Ich hatte Glück und fand eine dienstbereite Apotheke, die einen Arzt verständigte. Armin bekam eine Spritze und Tabletten – danach ging es ihm wieder gut. Der Doktor kam am Samstag noch einmal zu uns in die Schule. Er sagte, dass wir am Sonntag weiter fahren könnten, wir sollten aber in Bützow mit Armin gleich einen Arzt aufsuchen. Mir gab er zwei Reichsmark, weil ich so mutig gewesen war, nachts durch die fremde Stadt zu laufen.“.

In seinen Aufzeichnungen beschreibt Wolfgang Gawél weiter die beschwerliche Reise mit unzähligen Stationen. Goslar – Hildesheim. Hildesheim – Hannover. Fliegeralarm, mit Verspätung weiter nach Wittenberge. Wittenberge – Stendal. Stendal – Ludwigslust. Zwischendurch immer wieder Fliegeralarm. Am 26. Februar kam die Familie um 23 Uhr in Ludwigslust an. Um Mitternacht ging es weiter nach Schwerin. „Wir waren fast am Ziel“, schreibt der 14-Jährige und weiter: „Ankunft in Schwerin um 2 Uhr. Um 6 Uhr weiter nach Bad Kleinen. Um 11 Uhr Ankunft in Bützow.“ Mit diesen Worten endet das Tagebuch – allerdings nicht ganz. Unter der Überschrift „Ende und neuer Anfang“ schreibt Wolfgang Gawél: Am 17. November 1945 kam unser Papa aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heim. Wir waren wieder, trotz allem hinter uns Liegenden, glücklich und vereint. Damit schloss sich ein Kapitel in unserem Leben, das so manche Aufopferung, Entbehrung, Mühe und Not, aber auch Angst in sich barg.

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