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Mecklenburg Magazin

24. Februar 2017 | 09:39 Uhr

Der grüne Boom : Stadtgärtnern ist in aller Munde

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Klassische Schrebergärten genießen in MV wieder einen guten Ruf: In manchen Kleingartenvereinen gibt es sogar Wartelisten

Von wegen grün hinter den Ohren! Stadtgärtnern liegt bei jüngeren Leuten voll im Trend. Hier ein Schnittlauch-Pflänzchen im Balkonkasten, da eine Auberginenpflanze auf der Terrasse oder ein Hochbeet auf dem Hinterhof. In manchen deutschen Großstädten legen Menschen ihren Garten sogar komplett mobil an, Obst und Gemüse wachsen in Säcken und Kisten auf Rädern. Grüne Stadtguerillas werfen Samenbomben auf städtische Brachflächen.

 

Während dieser grüne Boom in den Metropolen wie Berlin und Hamburg für Aufregung sorgt, dominiert in Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern ein wenig mehr Gelassenheit. Nicht, weil Trends hier bekanntlich später eintreffen, sondern die Voraussetzungen ganz andere sind. Die Städte in Mecklenburg-Vorpommern sind viel kleiner. Und sie sind bereits durchwoben mit hunderten von Kleingartenanlagen. Wenn es also so etwas wie eine neue Gartenbewegung gibt, lässt die sich wohl am ehesten an der Situation der Schrebergärten erkennen. Tatsächlich ist der Kleingarten in jüngster Zeit dabei, sein „Spießerimage“ abzulegen. Junge Leute, ja sogar Kinder, tummeln sich hinter den Hecken.

„Es gibt immer mehr junge Familien, die sich in den Städten, aber auch in den ländlicheren Regionen einen Schrebergarten zulegen“, sagt Peter Heinemann, Vorsitzender des Landesverbandes der Gartenfreunde Mecklenburg und Vorpommern. „Das ist sehr erfreulich, schließlich schrumpfte die Anzahl der Kleingärtner im Land nach der Wende von 100 000 auf heute 66 000. Erstmals gibt es in Städten wie Rostock und Schwerin sogar wieder so etwas wie Wartelisten.“ Einer dieser Glücklichen ist der Schweriner Kleingartenverein „Am Heidensee“. Von den 94 Jahren, die der Verein auf dem „Buckel“ hat, hat Manfred Erdmann 79 Jahre miterlebt – anfangs als kleiner Steppke, später als Kleingärtner und Vereinsvorsitzender. „Wir haben in der Tat keine Nachwuchssorgen. Es gibt sogar erstmals wieder eine Warteliste“, zeigt sich der Senior erleichtert. Schließlich sah es einige Jahre nicht so rosig aus. „Schlimm war das nach der Wende 1989/90. Viele gaben ihren Garten sofort ab, weil sie reisen wollten. Dann kehrten einige reumütig zurück, als sie merkten, dass ihnen was fehlt.“ Dennoch sind die kleinen Lücken in der 218-Gärten starken Anlage lange nicht zu stopfen, auch nicht mit den Russlanddeutschen, die Mitte der 1990er- Jahre einige Parzellen übernehmen und sich, wie Manfred Erdmann sagt, wunderbar einlebten. Inzwischen haben auch junge Familien die idyllisch gelegene Anlage für sich entdeckt. Ein Leben ohne ihre grüne Oase kann sich Familie Stein aus Schwerin jedenfalls nicht mehr vor-stellen. „Jede Stunde im Garten ist für uns wie Urlaub“, schwärmt Mutter Ramona. „Und das ist übrigens der Grund, warum wir ihn genommen haben. Wir wollten mit unserem Baby nicht in der Weltgeschichte herumkutschieren. Wir wussten, so ein kleines Kind verlangt nicht viel – frische Luft, ein paar Marienkäfer zum Angucken und Blaubeeren zum Naschen. Inzwischen ist unsere Tochter größer. Sie weiß nun, dass Erbsen in Schoten wachsen. Dass man Wildkräuter nicht verteufeln muss und sich die Natur ohne Chemie meist wunderbar im Gleichgewicht hält. Wir genießen gemeinsam den Garten, stopfen uns an den Sträuchern mit Beeren voll und verdrücken genüsslich unsere eigenen Kartoffeln.“ Das Gefühl, in ihrem Kleingartenglück beeinträchtigt zu sein, hatte Ramona Stein nie. Kein Vorstand schritt mit dem Maßband herum, um ihre Hecke zu messen oder zu schauen, ob sie auch ja genug Gemüse anbaue. Übereifrige Kleingartenvorstände könnten denn auch ein Grund dafür sein, warum es in einigen Kleingartenvereinen mit dem Nachwuchs nicht so recht klappen mag. Machtspielchen und Engstirnigkeit sind Gift für die junge Gartenbewegung. Und wenn die Oma nicht ihren Enkel zum Garteneinsatz schicken darf, sondern entweder selber erscheinen oder Geld für die Arbeitsstunden zahlen muss, dann braucht sich eigentlich niemand zu wundern, wenn der Leerstand schmerzhaft wächst.

„Am besten ist ein Vor-stand, den man nicht merkt“, sagt Manfred Erdmann, der 28 Jahre als Vorstandsvorsitzender die Geschicke der Kleingartenanlage „Am Heidensee“ leitete und erst kürzlich den Staffelstab an seinen Nachfolger übergab. „Man muss die Gärtner weitgehend in Ruhe lassen, friedvoll und achtungsvoll mit ihnen umgehen. Wenn es Streitigkeiten gibt, muss man miteinander reden und schlichten. Meistens geht es nur um Dinge, wie die Mittagsruhe, Grenzstreitigkeiten oder zu hoch gewachsene Sträucher.“ Es ist vor allem eines, was alle Gärtner suchen – Ruhe. Ansonsten sind die Beweggründe, sich einen Schrebergarten zuzulegen, kunterbunt. Der eine setzt auf Selbstversorgung, der andere will nach vielen Stunden am PC seine Glieder strecken und in der Erde wühlen. Manche genießen den Anblick der Blumen oder beißen erwartungsvoll in die neue Apfelsorte. Andere grillen seelig ihr Bratwürstchen und halten einen Schnack mit dem Nachbarn. Dass ihr Gartenglück derzeit viele Mecklenburger an den Nagel hängen müssen, macht Peter Heinemann vom Landesverband wütend. „In Rostock werden zurzeit Kleingartenanlagen einfach platt gemacht. Das ist ganz schlimm.“ Um Bauland zu schaffen, sollen hunderte Gärten eingeebnet werden. Aus Protest wollen Rostocker Kleingärtner jetzt sogar eine eigene Partei gründen und zur nächsten Bürgerschaftswahl antreten. Auch Peter Heinemann kündigt an, gegen die bedrohliche Tendenz anzukämpfen.

Letztlich widerspricht diese Entwicklung auch der Stadtgärtnerbewegung, die auf grüne Lungen statt Betonburgen, Rollrasen, Lebensbäume und Kirschlorbeerhecken setzt. Mit den neuen Wohngebieten verschwinden blühende Oasen, die nicht nur Menschen dienen, sondern die Nahrungsquelle und Zuhause von Bienen, Insekten und vielen anderen Tieren sind. Warum sonst hat sich in vielen der Kleingartenanlagen ein Imker niedergelassen?

Manfred Erdmann denkt lieber in diese Richtung weiter. Gern erinnert er sich daran, wie früher in den Gartenanlagen frisches Obst und Gemüse angeboten wurde. „Hin und wieder stellt jemand neuerdings wieder einen Tisch vor die Gartentür und bietet Kirschen, Pflaumen, Tomaten oder Zucchini an“, erzählt der 79-Jährige. „Aber es könnten noch viel mehr sein. Es wäre schön, wenn wir diese Tradition in den Kleingärten wieder aufleben lassen würden. Fri-scher und köstlicher geht es eigentlich nicht.“ Anja Bölck

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