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Mecklenburg Magazin

05. Dezember 2016 | 11:29 Uhr

Heute ist Martinstag : Martinsgans und Novemberblues

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Güstrower Schriftstellerin Ditte Clemens macht sich Gedanken über den heutigen Martinstag und das dazugehörige Tier

Was kann man tun gegen den Novemberblues? Unbedingt Winston Churchills Rat befolgen und „dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.“ Gönnen Sie sich im grauen November eine knusprig gebratene Gans.

Gänse sind nicht nur ein großartiges Nahrungsmittel, sondern es gibt auch Erstaunliches über sie zu berichten. Sie sind tief in der Kultur und Sprache verwurzelt und hatten vor langer Zeit auch eine kultische Bedeutung. Im alten Ägypten wurde eine Gans so gehalten, wie es der Modedesigner Rudolph Moshammer mit seinem Hündchen Daisy getan hat - als Schoßtier. Gänse wurden in der Kunst verewigt. Mit geschnitzten Gänseköpfen schmückte man Schiffe, Musikinstrumente und Handstöcke. Schon im 4. Jahrhundert nach Christus entdeckte man die Flügelfedern der Gans als Schreibgerät. Bis in das 19. Jahrhundert tat der Gänsekiel genau das, was heute unser unsere Fingerkuppe auf dem Smartphone macht. Es wurden damit wichtige und unwichtige Nachrichten verfasst.

Viele Schriftsteller haben über die Gans geschrieben.

Bei Lichtenberg heißt es: „Wer einen Engel sucht und nur auf die Flügel schaut, könnte eine Gans nach Hause bringen.“

Heinrich Heine schrieb: „Gar manche die ich als Kälber verließ, fand ich als Ochsen wieder; gar manches kleine Gänschen ward zur Gans mit stolzem Gefieder.“

Den Vogel zum Thema Gans hat Heinz Erhardt abgeschossen. „Die Gans erwacht im grauen Forst, erstaunt in einem Adlerhorst. Sie blickt sich um und denkt betroffen: Mein lieber Schwan, war ich besoffen.“

Auch in Poesiealben begegnet einem die Gans. Ein früher beliebter Spruch lautet: „Die Gans hat weiße Federn, die Ziege einen Bart, die Haut vom Pferd ist ledern, der Schwanz vom Schwein apart. Sie alle sind verschieden, am Kopf, am Schwanz, am Bauch und doch mit sich zufrieden – ich hoffe, du bist es auch.“

Das Lied vom Fuchs, der die Gans gestohlen hat, ist auch noch nicht vergessen. An die Gänse meiner Großmutter hat er sich nie getraut, die waren bissiger als der Hofhund.

Früher wurden fast jedem Teil der Gans heilende Kräfte zugesprochen. Gänsekot galt als Mittel gegen Skorbut, Gelb- und Wassersucht. Gänsemist wurde gegen Verstopfung empfohlen. Allein die Vorstellung, Gänsemist in sich hinein zu löffeln, löst bei mir jede Verstopfung. Da halte ich mich lieber an die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöff, die sich Gänseschmalz aufs Brot schmierte als Mittel gegen die Traurigkeit. Die überfiel sie stets, wenn sie eine literarische Lieblingsfigur sterben lassen musste. Für meine Großmutter war Gänsefett, auf Brust und Rücken gestrichen, das Heilmittel gegen Husten. Gänsebraten gab es in meinen Kindertagen nur zum Weihnachtsfest. Heutzutage kommt er früher auf den Tisch. In den hiesigen Gaststätten belegt die Gans ab 11.11. Platz 1 auf den Speisekarten.

martinsgans
 

Wenn man von der Martinsgans berichtet, kommt man am heiligen Martin nicht vorbei. Er wurde um 316 im heutigen Ungarn, in einer römischen Provinz geboren. Es gibt übrigens eine Parallele zu Karl Lagerfeld. Genauere Angaben zum Geburtstermin gibt es nämlich nicht. Erstmals regierte damals das römische Reich ein Kaiser, der sich zum Christentum bekannte. Im zarten Alter von 15 Jahren wurde Martin Soldat im römischen Heer und gehörte schon bald der Leibgarde an. Heute würde man ihn Bodyguard nennen.

Mit 17 Jahren war er in Frankreich stationiert und begegnete im eisigkalten Winter einem frierenden Bettler. Was machte Martin? Er teilte mit dem Schwert seinen Mantel. Es gibt viele Bilder, die Martin bei dieser Tat auf einem Pferd zeigen. Aber da wurde gemogelt. Heute werden Models Pfunde um die Hüften von Fotografen weggedichtet. Martin wurde das Pferd von Malern angedichtet. Er soll zu Fuß unterwegs gewesen sein. Doch das schmälert sein gutes Tun nicht im Geringsten. Danach soll ihm Jesus mit dem halben Mantel im Traum erschienen sein. Martin ließ sich taufen und wollte aus dem Heer austreten. Das war nicht so einfach, denn er hatte sich zu 25 Jahren Dienst verpflichtet. Wer Silberhochzeit hatte, weiß, wie lang diese Zeit sein kann. Mit 40 Jahren konnte er dann endlich Priester werden. Die Menschen liebten ihn so, wie viele heute den Papst Franziskus, denn beide prangerten Profitstreben und Prahlerei an.

Als man Martin zum Bischof wählen wollte, bekam er jedoch Fracksausen. Der bescheidene Mann fand sich nicht würdig genug für diesen Posten. Er verkroch sich in einem Gänsestall. Die Gänse taten das, was bei aufgeregten Frauen oder bei Weihnachtsfeiern von Lehrern zu erleben ist – sie stimmten ein großes Geschnatter an.

Die Gänse hatten Martin verraten, also wurden sie gebraten, heißt es in den historischen Berichten. Doch sollen wir das dem gütigen Mann zutrauen? Die Geschichte gehört wohl doch in das Reich der Legenden. Am 8.November 397 starb Martin. Am 11. November wurde er begraben und vom Papst heiliggesprochen. Es war die erste Heiligsprechung - nicht auf Grund von Märtyrertum, sondern wegen der Lebensführung.

Einige meinen, dass der traditionelle Gänseschmaus im November einen ganz anderen Ursprung hat. Früher wurde zu dieser Zeit das Ende des Erntejahres begangen. Gänse, die man nicht auch noch den Winter durchfüttern wollte, wurden geschlachtet und in den Ofen gesteckt. Bevor die Fastenzeit begann, wurde noch einmal richtig geschlemmt. Außerdem mussten Pacht und Gesinde bezahlt werden und das geschah oft mit Essengaben.

Den Martinstag gibt es übrigens in ganz Europa. Ein schöner Brauch und noch schöner, wenn man nicht auf die Gans verzichten muss.

Genießen Sie also den November mit einer Martinsgans. Wenn Sie dazu einen guten Tropfen von edlem Wein und zwischendurch Gänsewein trinken, dann werden Sie in der Nacht vielleicht von Gänseblümchen oder der goldenen Gans oder von anderen Dingen träumen, die eine wohlige Gänsehaut machen. Und sagen Sie bitte dem, der Ihnen die Gans vorzüglich zubereitet hat, laut und deutlich: „Gans gut“, so erhält der Klang dieser Worte eine ganz neue und positive Bedeutung.

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