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Mecklenburg Magazin

10. Dezember 2016 | 17:34 Uhr

Prostitution in der DDR : Liebesdienste gegen Westgeld

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Prostituierte in der DDR-Bezirkshauptstadt Rostock – auf Abruf geduldet, bei Bedarf verfolgt

„Prostitution und Ausbeutung – die Zukunft der Republikflüchtigen“ titelte das „Neue Deutschland“ am 26. August 1958. Die Zeitung prangerte an, dass junge Frauen aus der DDR nach ihrer Flucht in die Bundesrepublik in Bordelle verschleppt würden. Es gab aber auch im „real-sozialistischen“ Teil Deutschlands Prostituierte: Intern schätzte die Staatsführung im Jahr 1971 ihre Zahl auf über 3000 – obwohl Prostitution hier seit 1968 unter Strafe stand. Wie funktionierte weiblich-heterosexuelle Sexarbeit im Sozialismus? An der Universität Rostock verfolgt ein Dissertationsprojekt diese Frage am Beispiel der Städte Leipzig, Rostock und Berlin. Im Folgenden werden einige Ergebnisse vorab präsentiert.

Zur Verhinderung von Prostitution sollten die Volkspolizei, die örtlichen Räte, die Betriebe, Massenorganisationen und die Bevölkerung zusammenwirken. Es galt, alle Frauen, die von der „sozialistischen Norm“ abwichen, zu erfassen und zu erziehen. Die lokalen Abteilungen Innere Angelegenheiten sollten mit „kriminell Gefährdeten“ Erziehungsgespräche führen und ihnen Auflagen erteilen, z.B. Verbote, bestimmte Bars zu betreten. In der Regel fielen Prostituierte seltener durch Hinweise auf als aufgrund einer fehlenden Arbeit. Viele verlegten sich deshalb auf eine Teilzeitarbeit oder gingen Scheinarbeitsverhältnisse ein.

Frauen, denen die Geschlechtskrankenfürsorge „häufig wechselnde Geschlechtspartner“ (HwG) unterstellte, wurden zu regelmäßigen Untersuchungen verpflichtet. Nicht alle empfanden diese kostenlose Vorsorge als Zwangsmaßnahme, aber wer einmal erfasst war, blieb es auch. Wer die Untersuchung verweigerte, konnte in eine Geschlossene Krankenanstalt eingewiesen werden. Meist blieben Frauen hier einen Monat und wurden täglich gynäkologisch untersucht, obwohl die meisten nicht geschlechtskrank waren. Sie durften die GKA nicht verlassen, auch Besuche waren verboten. Die wenigen Zeitzeuginnen, die hierüber berichten, haben traumatische Erinnerungen an diese Anstalten.

Spezielle Interessen verfolgte das Ministerium für Staatssicherheit, das Prostituierte als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) anwarb. Nicht wenige ließen sich auf eine Zusammenarbeit ein, weil sie hierdurch Schutz vor einer stets drohenden Inhaftierung erhofften. Durch die Analyse von MfS-Unterlagen wird allerdings deutlich, dass Prostituierte meist nur oberflächlich von Freiern und Frauen berichteten und häufig nicht zu verabredeten Treffen kamen. Das konnte böse Folgen haben. Im Jahr 1978 zum Beispiel warb die Stasi in Rostock eine junge Prostituierte als IM, die aufgrund eines gescheiterten Fluchtversuchs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war. Sie sollte Informationen über andere fluchtwillige Prostituierte liefern. Die Frau berichtete anfangs ausführlich, wurde dann aber unzuverlässig. Mit Ablauf ihrer Bewährungsfrist versuchte sie, sich vollkommen zu entziehen und tauchte kurzzeitig unter. Doch die Stasi gab nicht nach. Als IM hatte sie auch davon berichtet, dass sie illegal westliche Währung verdiente und auf dem Schwarzmarkt tauschte. Ihr Führungsoffizier drohte, dass sie deswegen in Haft müsse. Sie versprach, besser zu arbeiten, verschwand aber kurze Zeit später erneut. Das MfS fand und inhaftierte sie 1980, wegen Devisenvergehen und „Asozialität“.

Um trotz allen Verfolgungsdrucks ihrer Tätigkeit nachgehen zu können, arbeiteten Prostituierte eng zusammen. Sie gingen in Gruppen aus, um den Anschein zu wahren, sich privat zu vergnügen. Sie vermittelten sich gegenseitig westliche Freier, die vertrauensvoll waren und gut bezahlten. Sie tauschten Tipps, um Kontrollen der Geschlechtskrankenfürsorge zu entgehen oder besorgten einander Medikamente gegen Geschlechtskrankheiten. So entstand republikweit ein verzweigtes Netzwerk, das der Öffentlichkeit verborgen blieb. Freier und Prostituierte lernten sich meist in Bars kennen, in Rostock vor allem in der „Storchenbar“ und im „Internationalen Klub der Seeleute“. Im Hotel „Neptun“ in Warnemünde wurden vor allem weibliche IM gezielt auf westliche Journalisten, Diplomaten und Geschäftsleute angesetzt.

Nach einem gemeinsamen Abend in der Bar kamen die Freier mit in die privaten Wohnungen der Frauen. Die Preise für sexuelle Dienstleistungen schwankten erheblich, oft zahlten Ausländer auch mit westlichen Waren, zum Beispiel mit Strumpfhosen oder Genussmitteln. Prostituierte tauschten Westgeld und -waren dann auf dem Schwarzmarkt in Ost-Mark, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Häufig entwickelten sich langfristige Kontakte: Freier sandten Briefe und Pakete, meldeten sich vor Einreisen in die DDR an. Mitunter entstanden Beziehungen mit eher privatem Charakter.

Insgesamt zeigt sich in der DDR ein vielfältiges Milieu, das traditionellen Klischees über Prostitution widerspricht. Charakteristisch für Prostituierte waren das ständige Verheimlichen, langfristige Beziehungen zu Freiern und ein republikweites Netzwerk, um trotz Kriminalisierung nicht aufzufallen. Den staatlichen Akteuren wiederum gelang es, auch durch diese Handlungsstrategien, nicht, Prostitution wirkungsvoll zu bekämpfen.
 

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erstellt am 18.Nov.2016 | 11:55 Uhr

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