zur Navigation springen

Mecklenburg Magazin

07. Dezember 2016 | 11:36 Uhr

Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Kleiner Bruder kam erst ’47 zurück

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Erwin Grohmann aus Warnemünde berichtet über den Tod des Vaters, die Trennung vom Bruder und den langen Weg Richtung Westen

Der Lebensweg in meinem Kindes- und Jugendalter war gerade nicht auf Rosen gebettet. Der zweite Weltkrieg hatte dazu beigetragen. Ich war 1944 zwölf Jahre alt, in der Erinnerung ein schöner sommerlicher Herbst. Es sah so friedlich aus, doch am Horizont hörten wir täglich das Brummen der anglo-amerikanischen Fliegerverbände, welche mit der Bombenlast über unser Dorf in Oberschlesien zum Rüstungswerk Heydebreck flogen.

Das Jahr ging zu Ende, die letzte Kriegsweihnacht war auch für uns Kinder kein schönes Fest. Es gab keine Geschenke, zu essen hatten wir noch reichlich. Mit der weinenden Mutter fühlten wir mit, zwei ihrer Kinder fehlten: Kriegsdienst und Flucht hatten sie verschlagen. Die Eltern besaßen eine Mühle mit Landwirtschaft, deshalb wurde der Vater zum Wehrdienst nicht eingezogen.

Die Ostfront rückte immer näher. Autobahn und Straßen waren von Flüchtlingstrecks und versprengten deutschen Einheiten blockiert. Auch Vater hatte einen Fluchtwagen hergerichtet. Die strenge Kälte hielt die Eltern von der Flucht ab. Auch die Haustiere sollten nicht unversorgt bleiben.

Wir hatten noch in der Eile zum Überleben ein Schwein geschlachtet. Ein russischer Vorbote, ein Meldegänger, hatte auf dem Hof die bereits leere Schlachtleiter gesehen. Mit vorgehaltener Kalaschnikow kam er ins Haus, im Befehlston ordnete er an, die größten Fleischstücke in sein Fahrzeug zu bringen. Der Rest wurde im Dunghaufen versteckt.

Bei der ersten Hausdurchsuchung und Plünderung lebte noch der Vater. Zu seinem Tod führte eine russische Wattejacke. Die Jacke stammte von einem Kunden und Vater schützte sich damit in der kalten Mühle. Im Verhör wurde er misshandelt. Zwei Wochen plagte uns die Ungewissheit über seinen Verbleib, dann wurde sein misshandelter Körper im Wald gefunden.

Wenige Tage nach dem Potsdamer Abkommen wurden die polnischen Verwalter aktiv. Unbequeme Deutsche mit Besitztum wurden in ein Arbeitslager gesteckt. Die Adelsfamilie Hohenlohe hatte in der Nähe große Ländereien, die Getreidefelder waren schon überreif. So mussten die Deutschen aus dem Lager die Ernte einbringen.

Der Aufenthalt im ehemaligen Reichsarbeitsdienstlager war menschenunwürdig. Als Verpflegung gab es am Tag nur eine Kartoffelsuppe zum Überleben. Die Ungewissheit über das weitere Geschehen brachte gesundheitliche Probleme mit sich. Kranke und Behinderte, die nicht marschfähig waren, wurden mit dem Vorwand der Umlegung ins Hospital beiseite geschafft. Diese Handlungen wurden immer nur nachts durchgeführt. Daraufhin machten wir uns Sorgen um unseren Jüngsten (10), der an Typhus erkrankt war. Auch er hätte den langen Marsch zum Abtransport nicht durchgehalten.

Unsere Familie entschloss sich, den Kleinen aus dem Lager zu schaffen. Die Aktion nachts durch den Stacheldrahtzaun mit anschließendem Fußweg von sieben Kilometern zu Freunden war geglückt. Nachdem sich der Gesundheitszustand des Bruders verbessert hatte, stand auch schon seine Rückkehr fest.

Eines Nachts schrillten jedoch die Trillerpfeifen der Wachleute mit der Anordnung, auf dem Appellplatz Aufstellung zu nehmen. Wir mussten uns 25 Kilometer in Richtung Gleiwitz begeben. Ohne ihren Jüngsten bei sich zu haben, brach für meine Mutter die Welt zusammen. Nun sollte ich abermals eine gefährliche Aktion unternehmen, um das Brüderchen zu holen. Der Plan scheiterte, ich hatte Angst um mein Leben.

Nach langem Fußmarsch erreichten wir die Güterwaggons. Zudem erfolgte noch eine Leibesvisitation. Noch vorhandene Uhren, Ringe und Geld wurden abgenommen.

Als sich abermals nachts der Zug in Bewegung setzte, wussten wir nicht, wohin die Reise führt. In dem überfüllten Waggon hatten sich zwei Männer einen Ausblick durch ein Luken-Fenster verschafft. Die aufgehende Sonne im Osten brachte Zuversicht, dass es nicht Richtung Sibirien geht. Erst nach zweitägiger Fahrt öffneten die Bewacher die Waggons, dies geschah im Riesengebirge, die Notdurft und Entlausung durften wir in der kalten Neiße verrichten. Eine Mutter konnte jetzt ihren toten Säugling im Schienen-Schotter ablegen.

Nach weiteren zwei Tagen erreichten wir Görlitz. Wir gehörten zum ersten Transport Ausgewiesener. Das Deutsche Rote Kreuz begrüßte uns mit heißem Tee. Zugleich wurden wir in alle Richtungen verschickt. Meine Familie wurde ins brandenburgische Seelow beordert. Die Reise erfolgte jetzt auf Trittbrettern und auch auf dem Dach des Zuges.

Da das Städtchen Seelow von den Kämpfen um Berlin stark gezeichnet war, zogen wir weiter. Ein Gutsbesitzer aus der Nähe von Grimmen/Vorpommern lockte uns im Gespräch nach Norddeutschland. Vom Amt in Grimmen wurden wir auf einen Gutshof verwiesen.

Unsere Familie war immer noch getrennt. Mutter hat sich die Finger wund geschrieben. Der deutsche Suchdienst sowie das Rote Kreuz der Schweiz hatten großen Anteil an der Familienzusammenführung. Erst im Jahr 1947 konnten wir den großen Bruder (24) aus englischer Gefangenschaft und den jüngsten Bruder (12) aus Polen fast zeitgleich in die Arme schließen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen