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Mecklenburg Magazin

09. Dezember 2016 | 12:37 Uhr

Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : „Ich hatte wohl einen Schutzengel“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Käte Mörer erzählt ihre Lebenserinnerungen aus der Zeit der schlimmen Jahre zum Ende des 2. Weltkriegs

Geboren wurde ich am 15. März 1924 in Prangenau, Landkreis Danzig, als dritte Tochter der Eheleute Oskar und Luise Neufeld. Die Eltern hatten einen Bauernhof. Hier erlebte ich mit meinen beiden Schwestern eine unbeschwerte Kindheit. Besonders eng verbunden war ich mit Schwester Magda. Sie hatte inzwischen ihre Lehre als Buchhalterin abgeschlossen.

Buchhalterin wie Magda, das wollte ich auch werden. Und so ging ich 1943 zur Ausbildung, die auf dem Hauptsitz der Landessiedlung stattfand und lebte und wohnte während dieser Zeit in Danzig-Oliwa. Doch noch während der Ausbildung wurden wir 1943/44 dienstverpflichtet und mussten auf der Werft arbeiten. Ich lernte bohren, feilen, stanzen, fräsen und andere handwerkliche Tätigkeiten. Dann arbeitete ich im Labor.

Am 14. Januar 1944 besuchte ich meine Eltern. Überall spürte man Unruhe und Unsicherheit. Was sollte werden? Mein Vater, der die Lage vielleicht besser einschätzen konnte, sprach nicht darüber. Wollte er mich nicht beunruhigen? Ich musste zurück nach Danzig. Wer konnte schon ahnen, dass wir uns erst am 1. Juni 1948 wiedersehen?

Es begann eine lange unsichere Zeit mit vielen Unzulänglichkeiten und Hindernissen. Meine Schwester Magda übermittelte mir durch Freunde eine Adresse als Möglichkeit, uns in kritischen Situationen wiederzufinden, denn die ersten Trecks aus Ostpreußen zogen bereits durch unser Gebiet, um sich in Deutschland vor den Kriegswirren in Sicherheit zu bringen. Ich arbeitete weiter auf der Werft – mit Soldaten und Matrosen. Viele waren in meinem Alter.

Bomben fielen auf Danzig. Es war Januar 1945. Ein junger Matrose gab mir den guten Rat, Danzig so schnell wie möglich mit dem Schiff zu verlassen. Heimlich abgemachter Treffpunkt war der 26. Januar 1945 in Gotenhafen unter der Bedingung, als Gepäck nur ein kleines Köfferchen und eine Tasche. Im Hafen lag das „Kraft durch Freude“-Schiff „Freiheit“. Zielhafen war Travemünde. Ein Platz war für mich reserviert. Die Fahrt wurde unterbrochen, weil auf ein Minensuchboot gewartet werden musste. Nach der Weiterfahrt ging zwischen dem Suchboot und unserem Schiff eine Mine hoch. Mit einem Riesenglück blieb unser Schiff unversehrt und niemand wurde verletzt. Das Wichtigste aber war, alle konnten nun vom erreichten Zielhafen an Land irgendwie weiter.

Völlig auf mich selbst gestellt versuchte ich nun, per Bahn Staßfurt-Salzlandkreis in Sachsen-Anhalt zu erreichen. Mein Retter, der Matrose, hatte mir heimlich eine Adresse zugesteckt. Schlimm waren unterwegs die vielen Fliegerangriffe. Immer wieder mussten wir den Zug verlassen, um Schutz zu suchen. Trotz der trostlosen Zustände hatte ich immer großes Glück. Vielleicht einen Schutzengel?

Am 8. Februar 1945 traf ich in Staßfurt ein und fand Unterschlupf bei der mir völlig fremden Familie. Noch heute, im Alter von 92 Jahren, denke ich oft an diese schlimme Zeit zurück, in der man stets auf fremde hilfsbereite Menschen angewiesen war. Nie aber habe ich erfahren, wie und ob mein Retter, der Matrose, diese schlimme Zeit überstanden hat. In Staßfurt arbeitete ich zunächst im Rundfunkwerk, das aber am 7. Mai 1945 geschlossen wurde. Nun arbeitete ich in einer Gärtnerei. Später fand ich eine Anstellung als Hausmädchen bei einer Zahnarztfamilie. Hier fühlte ich mich gleich vom ersten Tag an wohl und geborgen. Für mich war es eine gute Zeit.

Nachdem ich etwas zur Ruhe gekommen war, schrieb ich an die Adresse, die mir Schwester Magda vor meiner Flucht übermittelt hatte. Und endlich erhielt ich über viele Umwege Nachricht. Schwester Magda war mit ihrer Arbeitgeberfamilie im Treck geflohen und in Mecklenburg im Dorf Balow angekommen. Fast zur gleichen Zeit erhielt sie dann meinen Brief aus Staßfurt. Unmittelbar darauf holte sie mich per Bahn ab. Über viele Umfragen und Suchmeldungen fanden wir Anhaltspunkte über den Fluchtweg unserer Eltern. Am 24. Januar hatten sie den Hof in Prangenau mit Pferd und Wagen verlassen. Auf Umwegen, viele Straßen waren durch den Rückzug der Armee und die vielen Trecks blockiert, wollten sie mich in Danzig/Oliwa abholen. Ich war aber nicht mehr da. Niemand konnte ihnen Auskunft geben. Inzwischen war Danzig eingekesselt. Weite Umwege waren notwendig, um einen Hafen zu erreichen. Am 3. April 1945 beerdigten sie unterwegs unsere Oma im Alter von 79 Jahren. Sie hat die Strapazen der Flucht nicht verkraftet. Erst am 10. April 1945 gelang es den Eltern, auf ein Schiff zu kommen und am 15. April 1945 wurde ein Flüchtlingslager in Dänemark ihre Unterkunft. Endlich gelang es uns, Kontakt aufzunehmen und am 1. Juni 1948 kamen sie in Balow an. Es war ein bewegender unbeschreiblicher Glücksmoment in unserem Leben. Für meine Eltern und mich wurde und blieb Balow unsere neue Heimat.

 


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