zur Navigation springen

Mecklenburg Magazin

10. Dezember 2016 | 23:25 Uhr

Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Frauen und Kinder an der Frontlinie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gerhard Stoßhoff aus Lübz erlebte als Jugendlicher die dramatische Flucht über das Frische Haff – der 15-Jährige musste den Wagen lenken

Mein Geburtsort ist Braunsberg, damals eine Kreisstadt mit 22 000 Einwohnern in der Nähe des Frischen Haffs. Die Stadt gehörte zum Ermland; ein katholisches Bistum im sonst evangelischen Ostpreußen.

Es ist Januar 1945. Ein typischer ostpreußischer Winter. Viel Schnee und kalt, wie jedes Jahr. Und trotzdem ist dieser Januar anders. Es herrscht eine bedrückende Atmosphäre. Ungewissheit, Unsicherheit und Angst ist überall spürbar. Der Grund: Sowjetische Truppen haben die deutschen Grenzen überschritten und stehen in Ostpreußen. Langsam aber stetig rückt die Front näher.

In der Stadt mehren sich die Flüchtlingstrecks. Einige sind schon Monate unterwegs. Vom Bahnhof fahren übervolle Züge mit Menschen aus der Stadt in Richtung Westen. Die Angst vor den heranrückenden Russen ist groß. Einerseits wirkte die jahrelange nazistische Propaganda über die „Roten Horden“ mit dem bluttriefenden Messer im Mund –wie auf Plakaten dargestellt, andererseits gab es zumindest eine Ahnung davon, was die deutschen Truppen in den drei Jahren in der Sowjetunion angerichtet hatten. Nun wird Rache befürchtet.

Ich selbst lernte damals Schriftsetzer bei der ,,Ermländischen Zeitung“. Im Januar 1945 begann das Naziregime mit der Rekrutierung aller männlichen Personen zwischen 15 und 65 Jahren im sogenannten Volkssturm. Diese letzte Kampfreserve sollte das System noch retten, woran bei vielen Menschen immer mehr Zweifel auftraten. Sicher war auch einigen Organisatoren des Volkssturms nicht ganz wohl zumute, uns halbe Kinder in den Kampf zu schicken. Nach einer Woche stellte man uns frei, wieder nach Hause zu gehen, was die meisten taten.

Gegen Ende Januar rückte die Front näher. Inzwischen war Königsberg eingekesselt. Das Gleiche traf auch für unsere Stadt und Elbing – weiter westlich – zu. Die taktischen Bewegungen der Roten Armee waren so angelegt, dass alle drei Kessel keine Verbindung zum Hinterland mehr hatten. Die deutsche Front war praktisch an die Ostsee gedrängt. Damit war auch die Bahnverbindung nach Westen lahmgelegt. Die Flüchtlingstrecks konnten ebenfalls nicht weiter. Straßen und Plätze waren voll von Wagen und Pferden. Notküchen sorgten für Verpflegung. Viele Familien engten sich ein und nahmen Flüchtlinge in ihren Wohnungen auf. Um den Kessel zu verlassen, gab es nur noch den einen Weg, den über das Wasser oder besser gesagt über das Eis des Frischen Haffes. Ein Boddengewässer von 10 Kilometern Breite und 100 Kilometern Länge. Von der Ostsee getrennt durch den schmalen Saum der Frischen Nehrung.

Wir hatten uns schon in Ahnung der kommenden Dinge darauf eingerichtet, weggehen zu müssen und einen Treckwagen vorbereitet. Das war ein großer Leiterwagen, wie sie in Ostpreußen zur Ernteeinbringung gebraucht wurden. Er war mit einer Plane überspannt. Am frühen Morgen holten der Sohn der Nachbarsfamilie, der ebenfalls 15 Jahre alt war, und ich den vorbereiteten Wagen vom Bauernhof ab. Wir beiden Jungen waren nun die ,,Männer“, die den Treckwagen führen mussten. Insgesamt 20 Personen umfasste unsere Mannschaft. Frauen, Kinder und wir beiden Kutscher. Natürlich hatten nicht alle Platz auf dem Wagen und so mussten einige ältere Kinder und Frauen abwechselnd nebenher laufen.

Es ging in Richtung Frisches Haff. Ein mulmiges Gefühl beschlich mich, als ich das Panorama auf dem Eis sah. In drei Karawanenstraßen zogen Pferdewagen und Fußgänger im Abstand von etwa 100 Metern in endlosen Kolonnen in Richtung Frische Nehrung. Vor diesem Dünenstreifen bog der Tross dann in Richtung Westen ab. Über die Danziger Niederung hoffte man, nach Pommern und weiter ins Reich zu gelangen. Insgesamt war die Fluchtstraße auf dem Eis 60 Kilometer lang.

Der Flüchtlingsstrom bewegte sich vor den Augen der Roten Armee, die ja auf der anderen Seite des Haffes auf dem Festland stand. Auf der blanken Eisfläche gab es naturgemäß keinen Schutz und keine Deckung. Der einzige Schutz für die Flüchtlingskolonnen bestand darin, dass auf der weiten Eisfläche verstreut Zwillings- und Vierlingsflakgeschütze standen.

Verstreut lagen die Trümmer von abgeschossenen sowjetischen und deutschen Flugzeugen umher. Das alles liegt sicher noch heute auf dem Grunde des Haffes. Niemand weiß, wie viele Menschen damals mit untergegangen sind.

Ich habe jedoch in all den Tagen auf dem Eis nie erlebt, dass die sowjetischen Flieger vorsätzlich Zivilisten angegriffen haben. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Trecks in der Länge nach zu überfliegen und alles abzumähen. Im Gegenteil, sie flogen immer quer zu den Flüchtlingskolonnen.

Der erste größere Ort, den wir nach Verlassen der Frischen Nehrung erreichten, war Stutthof. Nach kurzem Aufenthalt zogen wir weiter durch die Danziger Niederung. Hier mussten wir einen Zwangsstopp einlegen. Meine Tante war hochschwanger und die Wehen setzten ein. Durch das Rütteln auf dem Wagen kam es zu einer Frühgeburt. Es wurde ein Junge geboren – nach fünf Mädchen, was mein Onkel sich gewünscht hatte. Allerdings konnte das Neugeborene unter den extremen Umständen nicht überleben.

Von Danzig führte uns der Weg bis zur Weichsel und dann weiter auf die Halbinsel Hela. Hier bestiegen wir ein Transportschiff. Die Fahrt ging um die Halbinsel herum auf die offene See in Richtung Westen. Nach einigen Seemeilen gab es erneut Aufregung. Wieder kamen sowjetische Flugzeuge auf uns zu und griffen mehrere Schiffe an. Zum Glück wurden wir nur nass, die Bomben waren dicht neben dem Schiff explodiert. Uns blieb das Los der „Gustloff“ erspart, die wenige Wochen vor uns hier auf der gleichen Route torpediert worden war.

Wir erreichten Kiel und über den Nord-Ostsee-Kanal Rendsburg. Die Kleinstadt war noch vom Krieg verschont geblieben. Das sollte sich bald ändern. Schon in der kommenden Nacht gab es Fliegeralarm und einen Angriff durch britische Flugzeuge, die Luftminen einsetzten. Bombeneinschläge hatten wir des Öfteren erlebt, doch die Explosionen der Luftminen waren weitaus gewaltiger. In dieser Situation gab ich für uns keinen Heller mehr und hatte zum ersten Mal richtige Angst.

Von Rendsburg aus sollten wir nun das letzte Stück unserer „Reise“ antreten. Von hier aus wurden die Flüchtlinge auf die umliegenden Dörfer in Schleswig-Holstein verteilt. Drei Monate hatte unsere Odyssee gedauert, die Ende April endete. Unsere Familie – meine Mutter, meine Schwester (8), mein Bruder (9) und ich – hatten alle Strapazen überwunden und waren heil davongekommen.

Auf dem Fluchtweg äußerten sich manchmal Soldaten, sie wären an vielen Fronten während des ganzen Krieges gewesen, doch dieses wäre schlimmer, als was sie bisher erlebt hätten. Frauen, Kinder und alte Leute mitten in der Frontlinie, die eigentlich überall war.

Am 8. Mai kapitulierte Deutschland bedingungslos. Wenige Tage darauf fuhren britische Soldaten ins Dorf ein. Die Flüchtlingswohnung auf dem Bauernhof sollten wir noch sieben Jahre nutzen. Ich selbst konnte nach eineinhalb Jahren eine neue Handwerkslehre aufnehmen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen