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Mecklenburg Magazin

08. Dezember 2016 | 03:08 Uhr

Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Flüchtling im eigenen Land

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Siegrid Wolff aus Schwerin denkt noch heute oft an ihre Heimat in Ost-Brandenburg: „Bis zum zehnten Lebensjahr hatte ich eine glückliche Kindheit“

„Meine alte Heimat kann ich nicht vergessen, obwohl es schon 72 Jahre her ist“, schreibt Siegrid Wolff. Die Schwerinerin hat sich „nach langen, schlaflosen Nächten“ entschieden, diesen Bericht zu schreiben – für ihre Kinder.

Ich wurde am 1. Oktober 1934 in Schermeisel, Kreis Ost-Sternberg, Bezirk Ost-Brandenburg, geboren. Bis zum zehnten Lebensjahr hatten wir, meine vier Geschwister und ich, eine glückliche Kindheit. Mein Vater war in Frankreich im Krieg. Wegen einer Verletzung wurde er ausgemustert. Er arbeitete als Maurer im nahe gelegenen Lager, dort wurden Bunker gebaut. Es war im Dezember 1944. Viele Soldaten marschierten durch unser Dorf, manchmal ruhten sie auch im Straßengraben aus. Oft hörten wir ein Grollen wie Gewitter. Es war Krieg, die Front rückte näher. Anfang Januar 1945 lag ein halber Meter Schnee und es war sehr kalt. Wir Kinder haben uns über das frühe Aufstehen gewundert. Unsere Eltern, ich kann mich erinnern, waren sehr ernst. Wir wurden warm angezogen, bekamen unsere Schulmappen auf den Rücken, dann ging es los.

Die Straße war voller Menschen, auch einige Fuhrwerke waren unterwegs. Es waren alte Männer und Frauen, viele Kinder, aber keine jungen Männer, die waren an der Front. Wir reihten uns in den Treck ein. Meine kleinen Brüder, zwei und fünf Jahre alt, saßen auf den Schlitten. Irgendwie kamen wir in Dossen auf dem Bahnhof an. Hier waren schon viele Menschen, alle waren sehr aufgeregt. Dann hieß es, der letzte Zug aus dem Osten kommt. Er kam, aber es war ein Geisterzug. Die Waggons waren verplombt. Mein Vater und andere Leute brachen die Waggons auf. Alle stürmten und drängelten in den Zug. Wir waren froh und fielen ins Stroh.

Der Zug kam nur langsam voran. Es wurde geschossen und Bomben fielen. Endlich waren wir über die Oderbrücke und kamen in der Nacht in Potsdam an. Wir mussten sofort in einen Luftschutzkeller. Es war ein Grollen und Kanonendonner. Viele Flugzeuge flogen Richtung Berlin.

An Schule war nicht zu denken. Täglich waren Luftangriffe. Essen war knapp. Ich weiß nicht, wie unsere Eltern uns satt bekommen haben. Dann kam der schwerste Angriff auf Potsdam. Es war die Hölle. Wir lagen wie die Heringe im Luftschutzkeller. Viele schrien, andere beteten, wieder andere weinten. Gegen Morgen war dann alles vorbei, Potsdam war ein Trümmerhaufen, aber wir haben überlebt.

Die nächste Zeit war furchtbar. Es gab nichts zu essen. Wir hungerten. Meine Eltern beschlossen, weil der Krieg nun vorbei war, wieder zurück in die Heimat zu gehen. Am 16. Mai 1945 ging es los. Nachts schliefen wir in alten Scheunen oder verlassenen Häusern. Am 22. Mai 1945, dem Geburtstag meiner Mutter, kamen wir dann in unserem Heimatdorf an. Meine Eltern haben geweint. Wir sind dann wieder in das Haus meiner Großeltern. Fenster und Türen lagen auf dem Hof. Nach ungefähr zwei Wochen im Haus war es einigermaßen wohnlich. Mein Vater hatte den Garten umgegraben und Kartoffelschalen in die Erde gesteckt. Da mussten sich die Deutschen, die noch im Dorf waren, wieder auf dem Marktplatz einfinden. Ein polnischer Herr kam und suchte sich Leute aus, die bleiben mussten. Wir waren darunter. Die anderen Leute mussten raus. Zwei Jahre lang haben wir in Gefangenschaft auf einem Gut arbeiten müssen, zu essen gab es wenig, Schrot zum Brotbacken und für Suppen, Hunger hatten wir immer.

Nach zwei Jahren sollten die Deutschen die polnische Staatsangehörigkeit annehmen. Mein Vater sagte, wir sind deutsch und bleiben es auch. Wir kamen dann nach Grünberg/Schlesien in ein großes Lager. Sechs Wochen Quarantäne. Wir sind oft betteln gegangen, zu essen gab es wenig. Endlich durften wir nach Deutschland, nach Hildburghausen/Thüringen. 1949 kam ich dann aus der siebenten Klasse, Lehrstellen gab es nicht. Wir hatten einen Onkel hier in Mecklenburg. Mein Vater fuhr zu ihm und im Januar 1950 sind wir nach Dämelow. Es kamen schwere Zeiten auf uns zu. Von den Einheimischen wurden wir als Ausländer im eigenen Land behandelt und beschimpft.

Mein Vater hat dann eine Siedlung übernommen. Wir Kinder mussten jeden Tag Steine abklopfen. 1953 war unser Haus fertig und es ging uns gut. Wir wurden satt und hatten wieder etwas Eigenes.

Seit 1964 wohne ich in Schwerin. Habe geheiratet, vier Kinder, dreizehn Enkel, vierzehn Urenkel und werde 82 Jahre alt. Ich lebe im Betreuten Wohnen und es geht mir nach den vielen schweren Jahren gut. Auf meine Kinder bin ich sehr stolz. Oft denke ich an meine Eltern und was sie mit uns Kindern durchgemacht haben. Ich wünsche und hoffe, dass nie wieder Krieg kommt.

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